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Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Juni 2022, Nr. 145
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Aus: Ausgabe vom 21.05.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Krieg gegen die Gesellschaftsordnung

Enthüllungen über Missstände genügen nicht, um unter Arbeitern Klassenbewusstsein entstehen zu lassen. Ein Auszug aus Lenins »Was tun?« von 1902
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»Genossinnen und Genossen Arbeiter! Schreibt an die Zeitung!« – Sowjetisches Plakat von 1921

Es ist allbekannt, dass die weite Verbreitung und das Erstarken des ökonomischen Kampfes der russischen Arbeiter Hand in Hand ging mit der Schaffung einer »Literatur« der ökonomischen Enthüllungen (Enthüllungen über die Zustände in den Fabriken und den einzelnen Berufen). Der Hauptinhalt der »Flugblätter« bestand in Enthüllungen über die Zustände in den Fabriken, und bald entbrannte unter den Arbeitern eine wahre Leidenschaft für Enthüllungen. Sobald die Arbeiter sich überzeugt hatten, dass ihnen die sozialdemokratischen Zirkel eine neue Art von Flugblättern verschaffen wollen und können, in denen die ganze Wahrheit über ihr elendes Dasein, ihre unerträglich schwere Arbeit und ihre rechtlose Lage enthalten ist, überschütteten sie uns, so darf man sagen, mit Korrespondenzen aus den Betrieben. Diese »Enthüllungsliteratur« rief ungeheure Sensation nicht nur in der Fabrik hervor, deren Zustände in dem betreffenden Flugblatt gegeißelt wurden, sondern auch in allen Fabriken, in denen man irgend etwas über die enthüllten Zustände vernommen hatte. Und da das Elend und die Nöte der Arbeiter verschiedener Betriebe und verschiedener Berufe viel Gemeinsames aufweisen, so fand die »Wahrheit über das Arbeiterleben« bei allen begeisterte Zustimmung. Unter den rückständigsten Arbeitern entstand eine wahre Leidenschaft, »sich gedruckt zu sehen«, eine edle Leidenschaft für diese Keimform des Krieges gegen die gesamte heutige Gesellschaftsordnung, die auf Raub und Unterdrückung aufgebaut ist. Und die »Flugblätter« waren in der übergroßen Mehrzahl der Fälle wirklich eine Kriegserklärung, denn die Enthüllungen übten eine furchtbar erregende Wirkung aus und riefen bei den Arbeitern die allgemeine Forderung nach Beseitigung der empörendsten Missstände sowie die Bereitschaft hervor, diese Forderungen durch Streiks zu unterstützen. (…)

Es geschah öfters, dass schon allein das Erscheinen eines Flugblatts genügte, damit sämtliche oder ein Teil der Forderungen erfüllt wurden. Mit einem Wort, die ökonomischen Enthüllungen (Enthüllungen über die Zustände in den Fabriken) waren und bleiben auch jetzt noch ein wichtiger Hebel im ökonomischen Kampf. Und diese Bedeutung werden sie behalten, solange der Kapitalismus besteht, der notwendigerweise die Selbstverteidigung der Arbeiter hervorruft. In den fortgeschrittensten europäischen Ländern kann man auch jetzt noch beobachten, wie die Enthüllung der Missstände in irgendeinem zurückgebliebenen »Gewerbe« oder in irgendeinem von allen vergessenen Zweig der Hausarbeit zum Ausgangspunkt für das Erwachen des Klassenbewusstseins, für den Beginn des gewerkschaftlichen Kampfes und der Verbreitung des Sozialismus wird.

(…) Die Sozialdemokratie leitet nicht nur den Kampf der Arbeiterklasse für günstige Bedingungen des Verkaufs ihrer Arbeitskraft, sondern auch den Kampf für die Aufhebung der Gesellschaftsordnung, die die Besitzlosen zwingt, sich an die Reichen zu verkaufen. Die Sozialdemokratie vertritt die Arbeiterklasse nicht nur in ihrem Verhältnis zu einer bestimmten Unternehmergruppe, sondern in ihrem Verhältnis zu allen Klassen der modernen Gesellschaft und zum Staat als der organisierten politischen Macht. Daher ist es begreiflich, dass die Sozialdemokraten sich nicht nur nicht auf den ökonomischen Kampf beschränken können, sondern es auch nicht zulassen dürfen, dass die Organisierung der ökonomischen Enthüllungen zu ihrer hauptsächlichen Tätigkeit werde. Wir müssen die politische Erziehung der Arbeiterklasse, die Entwicklung ihres politischen Bewusstseins aktiv in Angriff nehmen. (…)

Es fragt sich nun, worin die politische Erziehung bestehen muss. (…) Es ist notwendig, jede konkrete Erscheinung dieser Unterdrückung für die Agitation auszunutzen (so wie wir die konkreten Erscheinungen der ökonomischen Unterdrückung für die Agitation ausgenutzt haben). Und da die verschiedensten Gesellschaftsklassen unter dieser Unterdrückung zu leiden haben, da sie auf den verschiedensten Lebens- und Tätigkeitsgebieten, dem beruflichen, dem allgemein-bürgerlichen, dem persönlichen, dem der Familie, dem religiösen, dem wissenschaftlichen usw. usw., in Erscheinung tritt, ist es da nicht klar, dass wir unsere Aufgabe, das politische Bewusstsein der Arbeiter zu entwickeln, nicht erfüllen werden, wenn wir es nicht übernehmen, die allseitige politische Entlarvung der Selbstherrschaft zu organisieren? Ist es doch, um die konkreten Erscheinungen der Unterdrückung für die Agitation auszunutzen, notwendig, diese Erscheinungen zu enthüllen (wie man die Missstände in den Fabriken enthüllen musste, um ökonomische Agitation zu treiben). (…)

N. Lenin: Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung (russisch). J. H. W. Dietz, Stuttgart 1902. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 5. Dietz-Verlag, Berlin 1976, Seiten 410–413

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