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Aus: Ausgabe vom 21.05.2022, Seite 16 / Feuilleton
Behindertenhilfe

Schlagsalven mit Handicap

Bundesligaboxer trainiert körperlich und geistig Beeinträchtigte im Rollstuhl. Die sind begeistert – und wollen weitermachen
Von Oliver Rast
Konditionsstark: Joumana bei der Pratzenarbeit mit Alen Rahimic, ehemaliger deutscher U19-Meister im Bantamgewicht (Berlin-Spandau, 9.5.2022)
Traktiert virtuos den Boxsack: Dina beim finalen Auspowern (Berlin-Spandau, 9.5.2022)
Equipment für alle: Boxstaffel aus dem Johannesstift der Diakonie erhält Schlagwerkzeug (Berlin-Spandau, 9.5.2022)
Kenneth beim Aufwärmen; später hat er sich ganz genau Schlagtechniken zweier Trainer aus dem Gym der Profiboxerin Sophie Alisch angeschaut (Berlin-Spandau, 9.5.2022)
Dynamisches Sextett in erster Reihe samt Coach und Betreuer (v. l. n. r: Kenneth, Leoni, Dina, Leoni, Joumana, Moussa (Berlin- Spandau, 9.5.2022)

Sie kann es kaum erwarten, rutscht auf ihrem beigefarbenen Sitzkissen unruhig hin und her: »Seit anderthalb Wochen bin ich voll gespannt, will, dass es endlich losgeht«, sagt Leoni und blickt sich um. Und staunt. Um sie herum alles neu, ein Ausflug in eine Welt fernab ihres Alltags. Nicht nur für sie. Dina, Moussa, Kenneth, Joumana und Namensvetterin Leoni sind auch dabei. Ein dynamisches Sextett mit Einschränkungen.

Alle sitzen im Rollstuhl, bis auf Moussa. Alle haben Handicaps, physische, psychische. Alle eint: Sie wollen boxen lernen, richtig clinchen. Es jedenfalls probieren. Die Initiative kam von Alen Rahimic. Der Bundesligafighter vom BC Traktor Schwerin trainiert mehrmals wöchentlich Anfänger, auch Carina Spiegelstaub. Sie ist Betreuungsfachkraft in der Behindertenhilfe und leitet Fotografiekurse in der »Macherei Orientierung und Bildung« vom Johannesstift der Diakonie im westlichsten Westberlin, in Spandau. Südlich vom örtlichen Fern- und Regionalbahnhof liegt dort auch das Boxgym von Sophie Alisch, einer jungen Profi-Federgewichtlerin. Rahimic coacht bei ihr dienstags eine seiner Übungsgruppen, Spiegelstaub macht da mit. »Carina und ich unterhielten uns über unsere Jobs, dabei kam die Idee auf, für Menschen mit Behinderung aus ihrer Einrichtung einen Boxtermin zu machen«, erzählt Rahimic, während er den Kragen seiner lichtblauen Vereinsjacke mit Klublogo hochschlägt. Gesagt, getan. Spiegelstaub: »Im Nu waren die sechs Plätze vergeben, ein Termin mit dem Gym vereinbart.« Fix, 9. Mai, 10 Uhr vormittags.

Darauf hat Leoni tagelang hingefiebert. Wie alle anderen auch. Das Ambiente passt. Ein großer lichtdurchfluteter Raum mit langen Fensterfronten im oberen Stockwerk eines modernen Funktionsbaus im dunkelgrauen Granitton. Links des Eingangs eine Theke mit Fitnesssnacks und Powerdrinks, davor viel Freifläche, ideal für Rollis. Ein halbes Dutzend metallicschwarze Sandsäcke mit grellgelbem Alisch-Logo hängen vor den Fenstern von der Decke. Im hinteren Raumdrittel der Flachring. Ein überlebensgroßer Wandaufdruck zeigt Sophie Alisch in Aktion, Kampfszenen, Siegerposen. Daneben der Pumperbereich mit Kraftstation, Ergometer, Laufband, Hantelset.

Spiegelstaub ist mit zwei Arbeitskollegen als Unterstützer gekommen. Zehn nach zehn ruft der Chef im Ring seine illustre Runde zusammen. Rahimic begrüßt, spricht ein paar Worte. Und weiß, wovon er redet. Der bosnische Nationalboxer leidet seit seiner Kindheit an Klumpfüßen, hat sich Schritt für Schritt durchgekämpft. Nicht nur im Sport. »Alles ist erreichbar, alles ist machbar, traut euch«, sagt er. Es ist spürbar, die Spannung steigt. Gleich geht’s los.

Leoni, Dina und Co. steuern ihre Elektrorollis, bilden einen Dreiviertelkreis. Rahimic gibt das Kommando. »Fangen wir locker an, Handgelenke kreisen.« Unterarme folgen. In die eine Richtung, in die andere Richtung. Geschwitzt wird noch nicht, warm wird allen schon. Dina streift ihren Pulli ab, Joumana will ihren gleichfalls loswerden. Spiegelstaub hilft dabei. Und weiter im Aufwärmprogramm. Rahimic: »Lasst uns ein paar Kombinationen versuchen.« Der Übungsleiter macht es vor. Seine Schützlinge machen es ihm nach, im Takt. Erst mit der linken Faust, dann mit der rechten. Das klappt gut. »Nun beide hintereinander, eine Links-rechts-Kombination, alle zusammen.« Dina schnauft zwischen der Schlagabfolge leicht, hält ein, zwei Sekunden inne, sagt dann: »Fühlt sich gut an.« Klingt beiläufig, ist es aber nicht. Um solche Momente gehe es, sich bewegen, sich fühlen, wird Spiegelstaub nach der Trainingseinheit sagen. Selbstsicherer werden. Pause, bevor es richtig ernst wird.

Rahimic holt für alle sechs Boxhandschuhe – Pratzenarbeit. »Lasst raus, was ihr in euch habt!« Fast überflüssig, die kleine Schar aufzufordern. Es scheppert, Echos hallen durch den Raum. Joumana ist ein Konditionswunder. Unaufhörlich drischt sie auf die Pratzen, die Rahimic hält. Salve um Salve, jeder Schlag ein Treffer. Fest presst sie dabei ihre Lippen zusammen. Ihre Wangen sind schon fast lila, Schweißperlen kullern vom Haaransatz über die Stirn, einige bleiben hängen, andere tropfen in ihren Schoß. »Und stopp«, ruft Rahimic. Nur zögerlich lockern sich Joumanas Lippen, entspannen sich ihre Gesichtszüge nach der Plackerei. Schluss ist aber noch nicht.

Exkurs: Rollstuhlboxen trendet, ein wenig zumindest. Immerhin ist es ein adaptiver Sport mit Weltverband. Der World Adaptive Boxing Council, kurz WABC, existiert seit 2014, veranstaltet Wettkämpfe. Oder klinkt sich ins Rahmenprogramm anderer Kampfabende oder Turniere ein. Rahimic hatte von dieser Variante des Boxens bereits gehört, kannte Fights in speziell angefertigten Rollis. »Für mich als Trainer ist es aber auch Neuland.« Fortsetzung folgt? »Sicher. Einmal monatlich wollen wir einen festen Kurs anbieten.« Entweder im Gym von Alisch, oder im Johannesstift. »Bestenfalls abwechselnd«, so Rahimic. Spiegelstaub nickt zustimmend.

Nach dem Plausch mit dem Autor will der Coach weitermachen. Ein Punkt steht noch auf seinem Programmzettel. Auspowern an den Sandsäcken. Final. »Links, rechts, links, wie beim Warmmachen, jetzt an den Sandsäcken.« Eilig rollt die Truppe zu den ledernen Sportgeräten, postiert sich, zieht die Bremsen an. »Dina, du kannst näher ran«, sagt Rahimic. »Ja, warte.« Alle sind in Lauerstellung, bereit. »Uuund, los!«, schmettert der Bundesligaboxer durch die Reihen. Einer, Kenneth, steht mit seinem Vehikel etwas abseits, fixiert minutenlang zwei Trainer aus dem Alisch-Gym, die ihr Tagespensum parallel absolvieren. Er scheint sich einzelne Schlagtechniken und Bewegungsabläufe exakt einprägen zu wollen. Gerade, Haken, Cross, dazu die Beinarbeit.

Müde, kaputt, geschafft? »Doch, klar«, sagt Leonie. Und Dina: »Hat viel Spaß gemacht, wird hoffentlich nicht das letzte Mal gewesen sein.« Kraft zum Feixen bleibt. Das Duo fragt sich, wie teuer solche Trainingsstunden wohl sein könnten. Dina kurzentschlossen: »Egal, wir brauchen einen Sponsor.« Gelächter. Und noch eine Frage beschäftigt beide. »Wir holen uns bestimmt bald ein blaues Auge, oder?« fragt Leoni. Dina: »Ha, dann haben wir Farbe im Gesicht, brauchen uns nicht mehr zu schminken.«

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