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Aus: Ausgabe vom 20.05.2022, Seite 15 / Feminismus
Buchrezension

Akt der Befreiung

Ausweg aus Gewalt und Sprachlosigkeit: Roman über die Kraft des Schreibens
Von Mona Grosche
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Lässt ihre Protagonistin schreibend an ihrer gewaltvollen Familiengeschichte wachsen: Die Autorin Lea Draeger

Gleich die ersten Sätze des Romans »Wenn ich euch verraten könnte« von Lea Draeger machen klar, dass das keine leichte Lektüre wird. Vielmehr werden die Lesenden mitten hineingestoßen in eine düstere Familiengeschichte: »Als mein Großvater zwölf Jahre alt war, erhängte sich mein Urgroßvater am Deckenbalken seiner Backstube mit einer Hundeleine. Die Füße schwebten über dem Arbeitstisch. Er schaute starr von oben hinunter auf sein Kind.« Die Ich-Erzählerin des Romans ist die Enkelin eben jenes Großvaters, der den grausigen Fund machte. Sie wird als 13jährige in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, denn die unheilvollen Beziehungen setzten sich in ihrer Familie bis in ihre Generation fort und trieben sie in eine Magersucht.

Brutal und kompromisslos lässt die Autorin ihre Protagonistin in kurzen Sequenzen, die zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin- und herspringen, die Geschichte dieser Familie näher beleuchten. Aus den Einträgen, die das verstummte und zeitweise zwangsernährte Mädchen während seines langen Klinikaufenthaltes in einem Heft notiert, entsteht so ein Kaleidoskop aus struktureller Gewalt und Sprachlosigkeit, die das Leben der Frauen in der Familie prägten. Diese leiden unter der grausamen Herrschaft des Großvaters. Dessen unverarbeitetes kindliches Trauma führte dazu, dass er im Leben gleich zweifach versagte: So wurde zum einen nichts aus der beruflichen Karriere als Schriftsteller, zum anderen machte ihn das Erlebte unfähig, seiner Frau, seinen Töchtern oder auch seinen Enkelinnen Empathie und Liebe entgegenzubringen.

Die weiblichen Familienmitglieder fügen sich in diese Machtverhältnisse, die durch einen erzkonservativen Katholizismus ihre scheinbare Legitimation erhalten. Doch während die Frauen der vorherigen Generationen mit zu dessen Aufrechterhaltung beitragen, reagieren beide Enkelinnen mit Verweigerung. Die Schwester der Protagonistin tritt dem Postulat nach Schönheit, das an die Frauen der Familie gestellt wird, durch Fressattacken entgegen. Die Protagonistin beschreitet den Weg der kompletten oralen Verweigerung, indem sie weder isst noch spricht. Jede von ihnen betreibt diese Versuche einer Selbstermächtigung für sich allein, denn sie haben in ihrem toxischen Umfeld nie gelernt, einander zu vertrauen oder solidarisch zu sein.

Draegers Roman sind schematische Schwarz-Weiß-Zuordnungen fremd: Egal ob »Mutter Magda Märtyrerin« wie die Protagonistin die Großmutter mit der Sammlung von »Heiliginnenfiguren« nennt, die unnahbare Mutter, die ihren Mann mit wechselnden Liebhabern betrügt, oder die beiden Mädchen – sie alle sind ambivalente Figuren, die zugleich verzweifelt und traurig, aber auch grausam und zerstörerisch agieren. Allein dadurch scheinen sie eine gewisse innere Stärke zu finden, um in dem toxischen Mikrokosmos nicht vollends zugrunde zu gehen.

Dabei versteht es Draeger, eine Coming-of-Age-Erzählung mit einer Migrationsgeschichte zu verbinden. Die Familie stammte ursprünglich aus Tschechien, wo sie wegen ihres Katholizismus diskriminiert wurde. Der Großvater konnte deshalb seine schriftstellerischen Ambitionen nicht ausleben, so dass »sein Werk« nun in der Fremde ehrfürchtig von Frau und Tochter verwahrt wird. Sowohl mit der Kultur des Heimatlandes als auch der in Prag verbliebenen Familie haben die Großeltern gebrochen – und rächen sich für das erlittene Ungemach mit patriarchaler Härte und Gewalt.

Die Protagonistin fühlt sich weder in ihrer Ursprungsfamilie, deren Kultur und Sprache ihr fremd sind, noch in ihrer deutschen Umgebung zu Hause. Sie ist verloren, allein und unverstanden – und begegnet dem ihrerseits mit Absonderung, Verweigerung und Selbstzerstörung. Am Ende ist aber der einzige wirkliche Ausweg aus dem Unglück das Schreiben. Oder mit den Worten der Protagonistin: »Ich werde sie finden, meine Geschichte. Auch wenn ich uns verraten muss.«

Lea Draeger: Wenn ich euch verraten könnte, Hanser-Blau-Verlag, Berlin 2022, 288 Seiten, 23 Euro

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