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Aus: Ausgabe vom 20.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Ukraine-Krieg

Du, Papa, ich musste heute Friedenstauben basteln!

Kriegspropaganda ist jetzt ordentliches Schulfach
Von H. B. Makarenko jun.
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Wie schreibt man »Slawa Ukrajini«? Der Lehrer meint, das heißt so was wie Weltfrieden (Klassenraum in Lorup, Niedersachsen, 29.4.2022)

Ja, schon gut, erwischt! Ich gebe es zu, ich schreibe unter Pseu­donym … Aber nur, um Schaden von meinem Sohn abzuwenden. Der ist zwölf Jahre alt, und wie jeder anständige Schüler dieses Alters steht er der Institution Schule einerseits distanziert und anderseits zurückhaltend gegenüber. So verdreht er auch immer die Augen, wenn er gefragt wird, ob er gerne in die Schule gehe. Ich als Pädagoge kann natürlich die verdrehten Augen ins Deutsche übersetzen: »Wer gern zur Schule geht, ist entweder verhaltensgestört oder nicht ganz dicht.«

Letzte Woche war ich bass erschrocken, als mein Sohn von allein anfing, über die Schule zu sprechen. Das tun Kinder in diesem Alter nur selten – nur, wenn wirklich etwas Tolles passiert ist. Wie zum Beispiel: Du Papa, der Direktor hat sich heute das Bein gebrochen. Letzte Woche sagte er aber: »Du, Papa, ich musste heute Friedenstauben basteln! Die mussten wir dann gelb-blau ausmalen und ans Fenster kleben. Und wir müssen jetzt jeden Tag Kindernachrichten von ›logo!‹ gucken.« Da mein Sohn aus einem anständigen Haushalt kommt, musste ich nichts ideologisch mit ihm einordnen, er weiß, wie man »West-Nachrichten« nimmt, dass es sich dabei um Propaganda handelt, und dass man nichts verkehrt macht, wenn man sich an die Faustformel hält: Die Hälfte ist gelogen, und die andere Hälfte verdrehe man in ihr Gegenteil.

Natürlich gab es in der Schule auch einen »Solidaritätsbasar«. Solidarität mit der Ukraine. Nicht mit Palästina oder Kurdistan, Syrien … Ich könnte unendlich fortsetzen. Jedenfalls buken wir einen Russischen Zupfkuchen. Der schaffte es am Ende aber nicht bis zum Basar, weil er aus rein taktischen Gründen zuvor von den Kindkollegen verspeist werden musste. Und daran war Mathe schuld. Das fiel nämlich aus. Und die Kinder waren gezwungen, die mathematische Leere mit Kuchen auszufüllen. Damit musste man rechnen, oder? Es sind ja schließlich Kinder!

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