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Aus: Ausgabe vom 20.05.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Energiewende

Ohne Zukunft

Stahlrohrhersteller Vallourec schließt Werke in Deutschland. 2.400 Beschäftigte betroffen. Gewerkschaft: Kampflos aufgeben wollen sie nicht
Von Susanne Knütter
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Ende 2023 soll Schluss sein: Schutzhelme im Röhrenwerk der Vallourec Deutschland GmbH in Düsseldorf

Anfang der Woche hatten sie noch für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze vor der Konzernzentrale in Paris demonstriert. Am Mittwoch abend stand die Entscheidung des Stahlrohrherstellers Vallourec dann fest. Der Konzern will seine beiden Werke in Düsseldorf-Rath und Mülheim an der Ruhr schließen. Die Produktion nahtloser Stahlrohre sei »für uns in Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr darstellbar«, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Vallourec-Gruppe, Philippe Guillemot, am Mittwoch. Die beiden Standorte gehörten früher zur Mannesmannröhren-Werke AG. Das Düsseldorfer Werk im Stadtteil Rath bestand seit 1899, das Werk in Mülheim seit 1966. Ende 2023 soll nun Schluss sein. Betroffen sind insgesamt rund 2.400 Beschäftigte.

Aufträge nach Brasilien

Als Gründe nannte Vallourec Überkapazitäten in der Branche, sinkende Margen, Ölkrisen, Strafzölle aus China, die Coronapandemie und nun auch den Krieg in der Ukraine. Die IG Metall wirft dem Konzern vor, sich jahrelang einseitig auf den Öl- und Gasmarkt ausgerichtet zu haben. Die nahtlosen, warmgewalzten Stahlrohre werden im Energiesektor für den Maschinen- und Anlagenbau sowie im Stahlbau genutzt und sind zum Beispiel bei Bohrinseln unerlässlich. Neue Märkte seien hingegen nicht erschlossen worden, sagte Karsten Kaus, Geschäftsführer der IG-Metall-Geschäftsstelle Düsseldorf-Neuss, am Donnerstag gegenüber jW. Dabei könnten die Produkte, darauf machte etwa die SPD-Bundestagsabgeordnete Zanda Martens laut der Internetzeitung für Düsseldorf, Ddorf-aktuell, am Mittwoch aufmerksam, genauso für den Brückenbau und für die derzeit entstehende Wasserstoffwirtschaft verwendet werden. »Das Management hat den Strukturwandel in der Industrie nicht verstanden«, so Martens.

Oder irgnoriert: In einer Gewerkschaftsinformation an die Beschäftigten von Vallourec Deutschland vom Sonntag, die jW vorliegt, wiederholte die IG Metall ihre Befürchtung, dass es der Rohrproduzent »mit dem Verkauf nicht ernst meint und nur noch daran interessiert ist, die Reste des Unternehmens auszuschlachten«. So seien Aufträge bereits an Brasilien »abgeschoben« worden, teures Vormaterial aber den deutschen Standorten in Rechnung gestellt worden, erklärte der damalige stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von Vallourec in Rath, Vilson Gegic, letzten Herbst. Dass das Unternehmen dadurch weiter in die roten Zahlen rutsche, sei da kein Wunder.

In der BRD schreibt der Konzern seit sieben Jahren Verluste. Ein weiteres Werk am Standort Düsseldorf-Reisholz wurde bereits 2020 geschlossen. Restrukturierungsmaßnahmen blieben ohne Erfolg. Trotz Zugeständnissen der Belegschaft. So hatte die IG Metall 2019 etwa eine Vereinbarung mit der Geschäftsführung getroffen, infolgedessen der Flächentarifvertrag der Stahlbranche für das Unternehmen vorübergehend ausgesetzt wurde. Im Gegenzug für die Sicherung von Arbeitsplätzen erfolgten die Entgelterhöhungen später als tarifvertraglich vorgesehen. Außerdem wurde das »zusätzliche Urlaubsgeld« zweimal um 500 Euro gekürzt. Die Hauptinvestoren Apollo und SVP Global wollen nun ihr Geld zurück.

Kerngeschäft Öl und Gas

Aus Anlass des ersten Quartalsberichts 2022 erklärte Guillemot am Mittwoch: Die Unternehmensgruppe werde sich künftig auch auf die »Möglichkeiten der Energiewende« konzentrieren, um sich auf eine »zukünftige kohlenstoffarme Wirtschaft vorzubereiten«. Jedenfalls die deutschen Standorte betrifft das nicht, da sie bis dahin abgewickelt sein werden, sagte Gewerkschafter Kaus. Auch die Produktionsverlagerungen nach Brasilien deuten darauf hin, dass der Konzern vorerst in seinem Kerngeschäft, dem Öl- und Gasmarkt, bleiben wird.

Die IG Metall, die Betriebsräte und Beschäftigten werden jetzt erst einmal alles daran setzen, die Betriebsschließungen solange wie möglich zu verzögern. Und sie fordern eine Absicherung der Beschäftigten über einen Sozialtarifvertrag. Die Produktion bis zur Schließung 2023 einfach so aufrechtzuerhalten, wie sich der Konzern das vorstellt, wird mit der Belegschaft nicht zu machen sein. Streiks sind vorprogrammiert.

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