Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Juni 2022, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 18.05.2022, Seite 15 / Antifa
Faschistischer Terror

Vorbild Christchurch

USA: 18jähriger Faschist ermordete zehn Menschen. Tatort in schwarzer Community wohl gezielt ausgewählt
Von Marc Bebenroth
15.jpg
Trauermarsch zum Supermarkt, in dem der Täter mehrheitlich Schwarze tötete (Buffalo, 15.5.)

Der Ort war wohl gezielt ausgewählt. Der rechtsterroristische Anschlag auf den »Tops Friendly Market« in Buffalo im US-Bundesstaat New York kostete zehn Menschen das Leben: Celestine Chaney, Roberta A. Drury, Andre Mackneil, Katherine Massey, Margus D. Morrison, Heyward Patterson, Aaron Salter jr., Geraldine Talley, Ruth Whitfield und Pearl Young. Drei weitere Personen wurden bei dem Attentat am Sonnabend verletzt. Insgesamt elf der Opfer waren Schwarze. Der Supermarkt befindet sich im Herzen von Buffalos afroamerikanischer Community, wie das linke Magazin Critical Mass am Dienstag online berichtete.

Der Mordanschlag werde von den Behörden als rassistisch motivierte Attacke behandelt, wie Erie County Sheriff John C. Garcia am Tattag demnach der Presse sagte. »Es handelte sich um ein rein rassistisch motiviertes Hassverbrechen von jemandem außerhalb unserer Gemeinschaft«, wird Garcia zitiert. Am selben Tag äußerte sich US-Justizminister Merrick B. Garland in einer Mitteilung zum Anschlag. Sein Ministerium untersuche den Fall »als Hassverbrechen und als rassistisch motivierten gewalttätigen Extremismus«. US-Präsident Joseph Biden reiste am Dienstag nach Buffalo, um mit der Gemeinde zu trauern, wie es hieß.

Der weiße Attentäter war noch am Sonnabend von der Polizei festgenommen worden. Der 18jährige Faschist Payton G. sei dem Bericht von Critical Mass zufolge rund 320 Kilometer von seinem Wohnort im selben Bundesstaat zum Tatort gefahren. Der Polizei zufolge sei es die Absicht des Täters gewesen, weitere Geschäfte zu überfallen, um noch mehr Schwarze zu ermorden, wie unter anderem der US-Sender ABC News am Montag berichtete. G. sitzt derzeit in Untersuchungshaft und soll am Donnerstag erneut vor einem Richter erscheinen.

Faschistische Subkultur

Der Anschlag von Buffalo wurde von dem 18jährigen G. zwar allein begangen. Doch vieles deutet darauf hin, dass er Anhänger einer weltweit vernetzten faschistischen Subkultur meist junger, weißer Männer ist, die solche Anschläge verherrlicht, die Täter als Helden verehrt und andere zur Nachahmung aufstachelt. So wurde der faschistische Terror von Buffalo live auf der Streamingplattform Twitch im Internet übertragen, wie zuvor schon beim Anschlag von Christchurch in Neuseeland auf zwei Moscheen im März 2019 oder in Halle an der Saale im Oktober desselben Jahres auf eine Synagoge.

In einer Stellungnahme vom Dienstag verurteilt der Plattformbetreiber die Tat vom Sonnabend aufs Schärfste. Die rassistische Ideologie einer »weißen Vorherrschaft« sowie Rassismus und Hass »sollten nirgendwo Platz haben, vor allem nicht auf Twitch«. Man arbeite mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen. Die Übertragung des Attentats sei in »weniger als zwei Minuten nach Beginn der Gewalttätigkeiten« identifiziert und entfernt sowie das Nutzerkonto dauerhaft gesperrt worden. Man ergreife Twitch zufolge »alle möglichen Maßnahmen«, um die Verbreitung des Materials und damit verbundener Inhalte zu verhindern. Insgesamt dauerte die Übertragung 36 Minuten, wie der Deutschlandfunk am Montag berichtete.

Eindeutige Nachahmungstat

Im Internet kursierende Fotos von der Liveübertragung zeigen unter anderem die Tatwaffe, ein halbautomatisches Gewehr. Wie auch beim Attentäter von Christchurch sind auf der Waffe zahlreiche Schriftzüge. Zu sehen sind das N-Wort und Namen von Rechtsterroristen, die offensichtlich dem Täter als Vorbild dienen. Zu erkennen ist auch die Zahl 14, wohl eine Anspielung auf die »14 Worte«. Der Code steht für unter Rassisten und Faschisten verbreitete Slogans, die auf einen Mitbegründer der faschistischen Terrororganisation »The Order« zurückgehen. Womöglich auch deshalb wurde der Anschlag von Buffalo am 14. Mai verübt.

G. wird ein »Manifest« zugeschrieben, das sich offenbar größtenteils bei dem Christchurch-Täter bedient. Der Verfasser gebe das Internet als Hauptquelle für seine Radikalisierung an, wie der Autor und Journalist Robert Evans am Sonnabend per Twitter resümierte. Der Urheber sage in dem Dokument demnach, dass »wenig bis keine« persönlichen Gespräche zu seinen Handlungen beigetragen hätten. Er habe den Anschlagsort gewählt, weil dort überdurchschnittlich viele nichtweiße Menschen leben, heißt es dem Journalisten Benjamin Hindrichs zufolge in dem Papier. Das neurechte und antisemitische Buffalo-Pamphlet sei »geschrieben im Frage-Antwort-Stil« und »voll mit ironischen Chan-Jokes« – zur Belustigung der eigenen Subkultur gemeinte Anspielungen.

Auf Fotos, die mutmaßlich die von G. getragene Schutzweste zeigen sollen, ist die sogenannte »Schwarze Sonne« deutlich zu erkennen. Zwar wird dem Buffalo-Attentäter deswegen wohl eine Nähe oder ein Bezug zum ukrainischen »Asow«-Netzwerk nachgesagt. Allerdings ist das Nazisymbol unter Faschisten weltweit dermaßen verbreitet, dass der 18jährige es ebensogut auch wegen der Beliebtheit in der Szene trug. Das faschistische Symbol aus miteinander verschränkten Hakenkreuzen geht auf ein Bodenmosaik in der Nazi-»Ordensburg« Wewelsburg zurück. Ideologisch lässt sich der Buffalo-Schütze wie dessen Vorbilder der »Alt-Right« sowie dem faschistischen Akzelerationismus zuordnen. Dieser ist vor allem vom Glauben geprägt, durch rassistisch motivierte Anschläge den angeblich bevorstehenden Zusammenbruch der Zivilisation früher herbeizuführen.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

Mehr aus: Antifa

Startseite Probeabo