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Aus: Ausgabe vom 17.05.2022, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Duale Bildung

Weiterhin zu wenig Lehrstellen

Ausbildungsbericht der Bundesregierung: 2,32 Millionen junge Menschen ohne Berufsabschluss
Von Ralf Wurzbacher
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Lediglich zwei von drei Interessenten finden laut DGB den Weg in eine Ausbildung (Azubis üben die Verdrahtung von Schaltschränken)

Wenn dieser Tage von einer »leichten Erholung« am Lehrstellenmarkt zu hören und zu lesen ist, dann ist die Situation durch Corona praktisch ausnahmslos der Gradmesser. Und tatsächlich deuten die Kennzahlen des in der Vorwoche vom Bundeskabinett beschlossenen Berufsbildungsberichts 2022 tendenziell auf eine Entspannung der Lage nach den Einbrüchen im ersten Pandemiejahr hin. Was dabei in Vergessenheit gerät: Schon davor war es um das deutsche Ausbildungssystem schlecht bestellt. Die Krise hat die Lage nur weiter verschärft, dies allerdings mit großer Wucht.

Der neuen Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) ist deshalb zu danken, dass sie nicht jeden Strohhalm zur großen Trendwende verklärt. Insbesondere die hohe Zahl von Schulabgängern ohne Abschluss sowie Schwierigkeiten bei der »Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund in Ausbildung« bereiteten ihr Sorge, wie aus einer Medienmitteilung von Mittwoch hervorgeht. Verglichen mit dem Vorgängerreport für das Ausbildungsjahr 2020 verzeichnet die aktuelle Erhebung ein Minus von 6,3 Prozent bei geflüchteten jungen Menschen, die bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) als ausbildungssuchend gemeldet waren. Gerade einmal ein Drittel der fraglichen Bewerber wurde tatsächlich fündig.

Auch dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ist nicht nach Aufatmen zumute. Sowohl akute Krisenfolgen als auch »strukturelle Probleme« seien nicht behoben, kommentierte die stellvertretende Verbandsvorsitzende Elke Hannack. Dem Bericht zufolge gab es bis 30. September 2021 mit 473.100 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen 1,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Vergleichswert vor Corona aber lag fast zehn Prozent darüber. Eine geringfügige Steigerung von 1,7 Prozent auf 536.200 wurde desgleichen beim Angebot an Ausbildungsstellen registriert, was immer noch 7,3 Prozent weniger waren als 2019.

Daneben zeigen sich mehrere alarmierende Befunde, die dem Eindruck einer halbwegs überwunden geglaubten Pandemie zuwiderlaufen. So ist die Zahl derer, die eine duale Ausbildung nachfragten, um knapp ein Prozent auf 540.900 gesunken. Das markiert einen Negativrekord seit 1992, als erstmals Daten für Ost- und Westdeutschland ermittelt wurden. Um 3.200 auf 63.200 ist die Zahl der unbesetzten Stellen gestiegen, während gleichzeitig 68.000 junge Menschen ihren Vermittlungswunsch aufrechterhielten. Im Berufsbildungsbericht wird dieses Phänomen mit »Passungsproblematik« bezeichnet. Dazu kommen 24.600 Bewerber, die gänzlich unversorgt blieben, und 20.000 ehemalige Bewerber, bei denen kein Vermittlungsauftrag mehr besteht, die aber auf Arbeitssuche sind.

»Nach wie vor wird viel Potential am Übergang zwischen Schule und Ausbildung verschenkt«, beklagte DGB-Vize Hannack. Lediglich zwei von drei Interessenten fänden tatsächlich den Weg in eine Ausbildung. Verlierer sind diejenigen, die in einer zumeist wenig zielführenden Maßnahme des sogenannten Übergangssystems landen, 2021 waren dies 228.000, sowie die, die komplett auf der Strecke bleiben. Alles in allem gab es im Vorjahr 2,32 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss – auch das ein Allzeithoch. Angesichts dieser strukturellen Schieflage fordert der DGB unter anderem die Einführung einer umlagefinanzierten Ausbildungsgarantie. Dabei sollen ausbildende Betriebe aus einem Fonds unterstützt werden, in den alle ausbildungsfähigen Unternehmen einzahlen müssten.

Eine »Ausbildungsgarantie« haben die Ampelparteien in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, ohne jedoch der Wirtschaft die Daumenschrauben anlegen zu wollen. Dabei täte das bitter not: Laut Bericht sind von allen Unternehmen in Deutschland nur 19,4 Prozent in der Ausbildung engagiert, noch ein historischer Tiefstand.

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