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Online Extra
09.05.2022, 16:16:45 / Inland
Gedenken an Befreier

Ohne Fahnenmeer

9. Mai in Berlin: Gedenken an gefallene Rotarmisten am »Tag des Sieges«
Von Annuschka Eckhardt und Marc Bebenroth
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Zum steinernen Eingangstor des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park in Berlin sind am Tag des Sieges über den Faschismus nach und nach Hunderte Menschen geströmt. Doch schon hier beginnt die diesjährige Repression. Auf einem Schild der Berliner Polizei steht eine Liste mit allem, was verboten ist: das Tragen von militärischen Abzeichen, das Singen von russischen oder ukrainischen Liedern, das Zeigen von St.-Georgs-Bändchen und mehr. Polizisten kontrollieren die eintretenden Personen, halten manche an und inspizieren die Kleidung. Mit Erlass der Allgemeinverfügung vom 4. Mai war die Versammlungsfreiheit entsprechend eingeschränkt worden.

Forcierte Symbolpolitik

»Wir sind wegen des Gedenkens an die Befreiung hier, das darf nicht mit aktuellen Ereignissen wie dem Krieg in der Ukraine vermischt werden. Sonst entsteht eine Relativierung des historischen Sieges«, sagt Stefan Natke, Bundesvorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei, am Ehrenmal an diesem Montag im Gespräch mit junge Welt. Mehr als 7.000 der in der Schlacht um Berlin gefallenen Rotarmisten sind hier bestattet. Ein Teil des Denkmals, das Fahnenmonument, besteht aus zwei großen, aus rotem Granit gefertigten sowjetischen Fahnen. »Wir haben bei unserer 9.-Mai-Kundgebung immer die Fahne der Befreier dabei«, erklärt Natke. »Nur in diesem Jahr dürfen wir das nicht tragen.« Die kleine Fahne der Befreier auf einem Banner der Partei muss abgeklebt werden.

Zwischen den großen Granitfahnen bildet sich ein Menschenauflauf. Eine ältere Frau möchte ihres Großvaters gedenken und einen Strauß roter Rosen niederlegen. Polizeibeamte hindern sie daran. Als Grund nennen sie die kleine Brosche an der grünen Bluse der Frau, ein St.-Georgs-Band, das als das wichtigste Zeichen der Erinnerung an den Sieg gilt. Die umstehenden Personen reagieren empört auf das Vorgehen der Polizeibeamten, die wiederum mit einer Strafanzeige drohen. Rund 1.800 Polizistinnen und Polizisten sind nach Behördenangaben im Stadtgebiet unterwegs.

Rechtsanwalt Eberhard Schultz hatte im Namen der DKP als Anmelderin der Kundgebung Widerspruch gegen die sogenannte Allgemeinverfügung – unter anderem gegen das Verbot des Zeigen der sowjetischen Flagge – erhoben und ein Eilverfahren bei den Verwaltungsgerichten beantragt. Am Ehrenmahl im Treptower Park sagt er am Montag junge Welt: »Auch das Auftreten der Polizeibeamten vor Ort zeigt, wie willkürlich hier vorgegangen und das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit in unzumutbarer Weise beschränkt wird.«

Stilles Gedenken

Im Berliner Tiergarten finden sich im Laufe des Vormittags jeweils zwischen 100 und 150 Menschen am dortigen Sowjetischen Ehrenmal ein. Leute kommen und gehen. Immer wieder legen einzelne und Gruppen Blumen an verschiedenen Stellen der Anlage ab, sei es am Fuß der zentralen Säule mit der Statue eines Rotarmisten oder an den Steinsockeln der Haubitzen und Panzer.

Die übergroße Mehrheit der Anwesenden hält sich erkennbar an die Auflagen der Behörden und verzichtet auf Fahnen und Abzeichen. Ein Besucher fällt ins Auge, der wohl aufgrund der besagten Allgemeinverfügung nur einen rund zwei Meter langen Holzstab mit sich führt. Kurz nach 12 Uhr ist ein halbes Dutzend Polizeibeamte dabei zu beobachten, wie sie zwei ältere Frauen an den Steinsockel zur rechten Seite des Eingangs führen. Eine von ihnen trägt ein rotes Kleid, eine rote Handtasche und eine rote Mütze. An ihrer Hüfte hat sie mit einer roten Nelke ein Band befestigt. Die Beamten monieren wohl, dass dieses Band die Farben der Russischen Föderation trägt. Es kommt zur Diskussion zwischen ihr und den Beamten, die Situation eskaliert aber in dem Moment nicht. Allein zwischen dem Brandenburger Tor und dem Ehrenmal sind übrigens an jeder Kreuzung und Straßenecke Polizeiposten präsent. Kolonnenweise parken Polizeiwagen links und rechts entlang der Straße des 17. Juni.

Wie als kleine Vorhut zieht schließlich eine Gruppe singend und musizierend vom Brandenburger Tor zur Anlage. Sie machen vor dem Gelände halt und spielen russische Volkslieder, einige tanzen. Als die Musik endet, wirde es wieder sommerlich still. Mittags sind dann Rufe zu hören, die sich dem Ehrenmal nähern. Ein großer Gedenkumzug, dem sich geschätzt 2.000 Menschen angeschlossen haben. Sie halten Porträts von Angehörigen hoch, vereinzelt werden Lieder angestimmt. Auch hier ist keine der verbotenen Flaggen zu sehen.

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