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Aus: Ausgabe vom 14.05.2022, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Fischbrötchen

Unterzeile
Von Maxi Wunder

Tagebucheintrag 3.5. Maxi: »Kühl­(ungsborn), aber sonnig. Apartment an der Einkaufsmeile, gehört Udos Schwester. Ich stehe auf der Terrasse und gucke Leute, die meisten Ü-70. Ostpaare sind von Westpaaren leicht zu unterscheiden: Beim Ostpaar ist er der Beutelträger. Pardon: Beudel. Sie hält die Leine vom Hund. Grundsätzlich: Er trägt den Polyestersack, nicht sie, es sei denn, sie geht alleine. Ostpaare tragen auch gerne richtige Schuhe, keine ›Sneakers‹. Für den Beudel liebe ich die DDR nachträglich. Keine Wegwerftüte, kein unförmiger Rucksack. Gelebtes Understatement – man geht zum Konsum, nicht in den Großen Kaukasus. Gestern Wachturm besichtigt. Roswitha am Boden zerstört.«

Tagebucheintrag 3.5. Udo: »Nach drei Tagen Kühlungsborn erwacht der Historiker in mir! 1937 wurden die Ostseebäder Arendsee und Brunshaupten zu ›Kühlungsborn‹ vereint. Was wollten die Nazis damit erreichen? Interessant die Geschichte der ›Villa Baltica‹: 1912 vom jüdischen Justizrat Hausmann aus Berlin erbaut, dann ›Hochschule für die Wissenschaft des Judentums‹, ab 1931 ›Erholungsheim der akademischen Gesellschaft Hausmann-Stiftung Arendsee‹ mit illus­tren Gästen wie Leo Baeck. Wert 1,5 Millionen RM. Das Kühlungsborner Magazin schreibt: ›Für den Betrag von 20.000 RM musste die ›Villa Hausmann‹ wenig später den Besitzer wechseln.‹ – Arschlöcher, heute noch. Dann ›Goebbels-Stiftung für Bühnenschaffende‹. 1945 jüdische Gemeinde Meck Vorpom. 1949 Verkauf an die UdSSR. Dann FDGB-Erholungsheim. Und jetzt? Verwahrlost. Bauzaun, Graffitis, unklare Eigentumsverhältnisse. Direkt davor ein Rummel. Danach sind wir zum Grenzwachturm, heute Museum. Netter Wärter! Roswitha miese Laune nach Besichtigung. Armes Mäuschen.«

Tagebucheintrag 3.5. Roswitha: »Scheiße! Udo hat’s vermasselt. Bin mit Maxi auf den Museumswachturm, das einzig Sehenswerte hier. Oben ein gutgebauter Mittdreißiger ohne Begleitung. Guckte echt nett. Ich laut zu Maxi: ›Schöne Aussicht, weit zu blicken. So hoch das Gras, doch nichts zu …‹ Und sie brav ergänzt: ›… lesen dabei!‹ Wir losgewiehert, bisschen ironisch, klar. Der Typ ist rot geworden und grinsend langsam runtergeklettert. Bingo! Ich paar Anstandssekunden abgewartet, während Maxi die angekettete Knarre aus dem offenen Wachturmfenster nach unten richtet. ›Hey, da steht ja Udo!‹, und zielt aus Spaß auf ihn. Ich denk mir, jetzt kannste auch runter, komme unten an, da schwadroniert Udo mit dem Museumswärter über Republikflucht etc. Mein Schwarm steht daneben und hört zu. Ich glaub’, der hat auf mich gewartet! Und jetzt kommt’s: Kaum tret’ ich aus dem Turm, umarmt Udo mich überschwänglich, drückt mir erleichtert ein Fischbrötchen in die Hand, dieses Kühlungsborner Nationalgericht aus Schrippe mit Remoulade beschmiert, Salatblatt, toter Fisch drauf, Zwiebeln und Gurke, und ruft: ›Rossi, mein Mäuselein, du bist doch nicht schwindelfrei! Hier, iss erstmal was‹, hakt mich unter, der Schwachkopf, und schleppt mich vom Gelände. Ich dachte, ich sterbe! Seh’ noch aus dem Augenwinkel, wie der hübsche Typ traurig abschiebt. Oh Maxi, hättest du doch abgedrückt!!!«

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