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Aus: Ausgabe vom 14.05.2022, Seite 16 / Ausland
Militarisierte Insel

Freiheit für Okinawa

Noch immer faktisch besetzt: Auch 50 Jahre nach Rückgabe der Insel an Japan halten sich US-amerikanische Herrschaftsstrukturen
Von Igor Kusar
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»Unbändige Wut«: Protest gegen die US-Militärpräsenz in der okinawischen Hauptstadt Naha (19.6.2016)

Vor 50 Jahren, am 15. Mai 1972, wurde Okinawa an Japan zurückgegeben, nachdem es 27 Jahre unter direkter Herrschaft der USA gestanden hatte. Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatten in dem zwischen Kyushu und Taiwan gelegenen Teil der Nansei-Inselkette, der Heimat des Ryukyu-Volkes, schwere Kämpfe gewütet. Danach übernahmen die USA die Inseln, um sie nach und nach in ein militärisches Übungsfeld und logistisches Zentrum für ihre Kriege umzuwandeln. Die »Rückkehr« in japanische Obhut, wie die Rückgabe juristisch heißt, sollte die Erlösung bringen.

Doch für die wenigsten hätten sich ihre Träume erfüllt, sagt der Aktivist Hiroji Yamashiro. Auf den Inseln ist er ein Volksheld, der wohl bekannteste Kämpfer für ein militärfreies Okinawa. Wir sitzen an einem runden Tisch im Plaza House im Ort Okinawa, ein kleines Einkaufszentrum etwa 30 Autominuten nördlich der Hauptstadt Naha. Es ist Anfang April. Das Zentrum hätten die Amerikaner 1954 gebaut, erklärt Yamashiro, hinter ihm an der Wand zeigt ein gewaltiges Foto die damaligen Ausmaße: Riesige US-Limousinen parken vor einem schmucken Gebäude, während die Umgebung in Armut versinkt.

»Viele hier fürchteten die Amerikaner und bewunderten sie zugleich«, meint Yamashiro. »Sie waren groß und kraftvoll, hatten Geld und Macht. Viele unserer Frauen verliebten sich in sie und folgten ihnen in die USA. Doch nicht wenige kamen alleine oder als alleinerziehende Mütter zurück.« Yamashiro, Jahrgang 1952, spricht schnell und viel, wirkt energiegeladen und ist kaum zu bremsen, wenn man ihm das richtige Stichwort gibt.

Es waren gesetzlose Zeiten, die 27 Jahre zwischen 1945 und 1972. Die US-Amerikaner schalteten und walteten nach Belieben. Unfälle und Verbrechen, die sie verübten, wurden kaum geahndet. Vergewaltigungen von einheimischen Frauen und Mädchen gehörten zum Alltag. Arbeitsstellen waren rar, viele Männer arbeiteten für die Amerikaner auf den US-Basen. Noch schlimmer war die Lage für die Frauen, die oft einzig durch Sexarbeit überleben konnten. Es waren diese Umstände, die Yamashiro zum überzeugten Aktivisten machten. Bereits mit 13 warf er Steine auf die Amerikaner und schrie, als US-Bomber anfingen, von Okinawa aus Luftangriffe auf Nordvietnam zu fliegen: »Hört mit dem Morden in Vietnam auf.«

Die Geduld der Einheimischen hatte jedoch Grenzen. Gegen Ende der 60er Jahre begannen sich die Anti-US-Proteste zu häufen. Die Okinawaner wünschten sich mehr Freiheit, Demokratie und Rechtsschutz. Sie begannen, eine Rückkehr unter japanische Souveränität zu fordern. Die Regierungen Japans und der USA, aufgeschreckt durch die stärker werdenden Unruhen, stimmten schließlich zu und unterzeichneten am 17. Juni 1971 ein Rückkehrabkommen. Danach sollte es noch etwa 20 Jahre dauern, bis sich die Lebensumstände zu bessern begannen, meint Yama­shiro.

Zerplatzte Hoffnung

»Doch das, was wir uns am meisten wünschten, den Abzug der USA, ein Leben in Frieden, ohne Lärm, ohne Verbrechen und Unfälle, das blieb uns verwehrt.« Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Während 60 Prozent der Fläche, die US-Basen und andere Einrichtungen 1972 in Japan einnahmen, auf Okinawa lagen, ist diese Zahl bis heute auf über 70 Prozent angestiegen. Das, obwohl Okinawa nur 0,6 Prozent des japanischen Territoriums ausmacht. Die von Amerikanern auf Okinawa begangenen Verbrechen inklusive Mord und Vergewaltigung summierten sich zwischen 1972 und heute auf über 6.000 – das sind durchschnittlich mehr als 100 pro Jahr, allerdings mit sinkender Tendenz. »Ja, wir wurden an Japan zurückgegeben, ja, wir kamen unter die japanische Verfassung, aber wir sind keine vollwertigen Japaner, höchstens halbe Japaner«, sagt Yama­shiro bitter. »Halb Japaner, halb Ausländer.« Eine japanische Halbkolonie von US-Gnaden.

Und die Politik? Was sagen die Politiker Okinawas zu so viel Ungerechtigkeit? Ein Besuch bei Osamu Toguchi soll das klären. Er ist Fraktionschef der Kommunistischen Partei Japans im Präfekturparlament von Okinawa. Ich treffe ihn im Parlamentsgebäude von Naha, das gleich neben dem imposanten Rathaus liegt. Letzteres schwingt sich wie ein alter Tempel treppenartig in die Höhe, als wolle es die Götter Okinawas besänftigen, die – so der Glaube – durch die US-Zerstörungen der Natur aufgebracht worden sind.

Toguchi ist ein netter älterer Herr. Gleich zu Beginn des Gesprächs drückt er mir eine Powerpoint-Präsentation in die Hand, die neben einigen Grafiken und Zeitungsausschnitten vor allem eines enthält: Zahlen. »Wir lernen, wir reisen nach Europa und vergleichen unsere US-Stützpunkte etwa mit denen in Deutschland und Italien, und wir sehen, wie wenig die japanische Regierung gewillt ist, die US-Präsenz zu dezimieren und das Los Okinawas zu verbessern«, sagt Toguchi. In Zahlen ausgedrückt: Während die USA die Zahl ihrer Basen zwischen 2007 und 2020 weltweit um rund 30 Prozent reduzierten, fiel sie in Japan bloß um mickerige 5,6 Prozent.

Die Lage ist für die Okinawaner zum Verzweifeln. Ihr Gouverneur kann in Tokio poltern, soviel er will, Forderungen schriftlich vorlegen, er kann vor Gericht gehen oder nach Washington reisen – in Japans Hauptstadt rennt er damit gegen eine Betonwand. »Sogar eine Volksbefragung in Okinawa von 2019, die zeigt, dass über 70 Prozent der Bewohner gegen den Bau einer neuen US-Militärbasis sind, wird von Japans Zentralregierung ignoriert«, ruft mir Toguchi erbost zu. »Dadurch missachtet sie nicht nur den Willen der Okinawaner und der Präfekturregierung, sondern auch unsere Demokratie.«

Trotz dieser Misserfolge ließ die Zivilgesellschaft ihre Politiker nicht im Stich. In den letzten Jahren wurde ihr Kampf heftiger und kompromissloser, blieb jedoch gewaltlos. »Die Okinawaner sind zur Zeit wohl die einzigen in Japan, die das Zentrum in Tokio so direkt herausfordern können«, meint Toguchi.

Ein Auslöser für diesen wuchtigen Widerstand, der immer wieder Zehntausende von Menschen auf die Straßen bringt, war 1995 die Vergewaltigung eines 12jährigen Mädchens durch drei US-Soldaten. Die Regierungen Japans und der USA befürchteten einen Aufstand und kündigten ein halbes Jahr später an, die vom US-Militär genutzte Fläche zu reduzieren und unter anderem den Flughafen Futenma, mitten in der Stadt Ginowan gelegen, an Japan zurückzugeben. Dafür sollte jedoch in Henoko weiter nördlich ein neuer Heliport gebaut werden, der sich nach und nach zu einem gigantischen Projekt entwickelte, mit Neulandgewinnung an der Küste, worauf zwei Start- und Landebahnen von je 1.800 Metern Länge errichtet werden sollen.

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Unwillkommene Nachbarn: Wartung einer Herkules-Maschine auf der US-Airbase Futenma (Ginowan, 14.7.2005)

Als die Pläne publik wurden, wussten die Okinawaner, dass man sie betrogen hatte. Es brachte das Fass zum Überlaufen. Selbst die einheimischen Wirtschaftsvertreter und konservative Kräfte wie die Liberaldemokraten, Japans Regierungspartei, warfen Tokio den Fehdehandschuh hin. 2013 formierte sich die »All-Okinawa-Bewegung«. Zwar beugten sich die Konservativen und die Wirtschaft schon bald dem Druck aus Tokio und verließen die Bewegung wieder, doch die Zivilgesellschaft kämpft unbeirrt weiter. Ihr ist es zu verdanken, dass das Henoko-Projekt bis heute erst zu rund zehn Prozent fertiggestellt ist.

Einer der Organisatoren des Widerstands ist Yuji Fukumoto, Generalsekretär von »All Okinawa Kaigi«, ein Dachverband, dem Organisationen, politische Parteien und Gewerkschaften angehören. »Die Coronapandemie hat den Protest erschwert«, meint er. »Große Veranstaltungen und Versammlungen sind im Moment nicht möglich.« Doch noch immer fahre ein Bus täglich von Naha nach Henoko und nehme Aktivisten mit, die sich vor dem Tor zur Baustelle aufstellen, um ihren Unmut sichtbar zu machen.

Vor der Pandemie war der Protest lauter. Aktivisten wohnten in Zelten vor der Baustelle und stellten sich den Lastwagen und Bulldozern entgegen oder näherten sich dem Bauareal in Kanus vom Meer her. Unter ihnen Yamashiro als Chefstratege, der sie durch Lieder, Tanz und Debatten anspornte. Während sie gewaltlos agierten und ihr Recht auf zivilen Ungehorsam als letzten Ausweg wahrnahmen, wurden sie Opfer der staatlichen Gewalt. Küstenwache und Polizei schleppten sie weg, brachten Kanus zum Kentern und verletzten einige von ihnen schwer.

Unerhörte Stimmen

Die Intensität der Schreie aus Okinawa wird auf der japanischen Hauptinsel, wenn sie denn gehört werden, oft mit Befremden und Unverständnis quittiert. Viele kennen die Geschichte Okinawas nur vage, haben vergessen, dass zwischen April und Juni 1945, als die japanische Regierung eine Kapitulation stur ablehnte, mehr als ein Viertel der einheimischen Bevölkerung die Schlacht um Okinawa nicht überlebte. Der Horror dieser Zeit, verstärkt noch durch erzwungene Selbstmorde und Hinrichtungen von Einheimischen, die kein Japanisch sprachen und deshalb der Spionage verdächtigt wurden, hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Okinawer eingebrannt.

Dieser Verlust an Leben, den es so auf den japanischen Hauptinseln mit Ausnahme von Hiroshima und Nagasaki nicht gab, und die Demütigungen durch die USA danach und später durch Japan haben die Okinawaner geprägt. Sie haben einerseits zum Wunsch geführt, als vollwertige Mitglieder des japanischen Staates und einer breiteren japanischen Gemeinschaft anerkannt zu werden, andererseits zum Verlangen, die Eigenständigkeit stärker auszuleben. Der Kampf um die US-Militärbasen ist deshalb auch ein Kampf zwischen zwei Völkern, die in einem komplizierten Verhältnis zueinander stehen. Im Kampf suchen die Okinawaner ihre Rolle im japanischen Staat und finden im Protest eine Art Identität, was seine Heftigkeit und den Stolz auf die »All-Okinawa-Bewegung« mit erklärt.

Die Regierung in Tokio andererseits nimmt den Widerstand in Okinawa sehr ernst. Sie will mit allen Mitteln verhindern, dass ein größerer Protestfunke auf die Hauptinseln überspringt. Dafür ist ihr fast jedes Mittel recht. In den letzten Jahren, als Henoko-kritische Gouverneure gewählt wurden, hat sie, um die Bevölkerung zu zermürben, das Budget für Okinawa tendenziell gekürzt. Andere Gegenmaßnahmen betreffen die Protestbewegung direkter. Ein neues Gesetz vom Juni 2021 erlaubt es der Behörde, Land und Bevölkerung um strategisch wichtige Einrichtungen wie Militäranlagen herum besser überwachen zu können.

Doch die Regierung schreckt auch vor direkten Repressalien nicht zurück. Dies musste auch Yamashiro erfahren, der zwischenzeitlich zum Staatsfeind Nummer eins »emporstieg«. Die Polizei suchte einen Vorwand, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Im Oktober 2016, nachdem er einen Stacheldraht durchschnitten hatte, um auf das Baugelände von Henoko zu gelangen, schlug sie zu und verhaftete ihn. Fünf Monate saß er in Einzelhaft, bevor er zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde. »Die Haft hatte auch ihr Gutes«, meint Yamashiro. »Den Feind habe ich aus nächster Nähe studieren können.«

Doch nicht alle Okinawaner protestieren – viele wünschen sich mehr wirtschaftliche Entwicklung für die ärmste Präfektur im Lande. Im Januar wurde in der Gemeinde Nago, wo Henoko liegt, der regierungsnahe Bürgermeister wiedergewählt – eine Garantie für regierungsgesponserte freie Tagesstätten und freie ärztliche Versorgung für Kinder.

Andere meinen, der Henoko-Protest behindere eine schnellere Rückgabe des US-Flughafens Futenma. Doch wird das US-Militär den Stützpunkt je wieder verlassen? »Nein«, meint Hiromori Maedomari, Wirtschaftsprofessor an der Internationalen Universität Okinawa. Sein Ruf eilt ihm voraus, er ist eine der wichtigen Autoritäten, wenn es um Fragen zu Okinawa geht. Von seinem kleinen, mit Büchern vollgestopften Universitätszimmer aus kann man den Flughafen gut überblicken. »Die USA werden ihn nie zurückgeben«, sagt er. »Dafür ist er zu gut mit den anderen Basen vernetzt. Und das Projekt in Henoko wird vermutlich nie zu Ende gebaut.« Das Gebiet ist erdbebengefährdet und verfügt über einen zu weichen Meeresboden.

Der Hauptgrund, warum es noch nicht aufgegeben worden sei, sei die Verbandelung der liberaldemokratischen Regierungspartei mit den zuständigen Baufirmen, wobei etwa Aso Zement von der Familie von Parteivize Taro Aso beteiligt sei, meint Maedomari. Wir treten auf seinen Balkon gegenüber dem Flughafen. Vor 18 Jahren stürzte ein US-Helikopter auf das Universitätsgelände. Es sind solche Unfälle, die die Okinawaner trotz einer gewissen Protestmüdigkeit nie vergessen werden.

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