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Aus: Ausgabe vom 14.05.2022, Seite 14 / Thema
Vergangenes im Gegenwärtigen

Illusion und Imperialismus

Episode und Kontext. Vor 50 Jahren wurden die Ostverträge verabschiedet. Trotz aller folgenden Umbrüche haben sie dennoch etwas mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine zu tun
Von Georg Fülberth
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In einem Boot? Die Ära Brandt mag den Westdeutschen damals das Gefühl vermittelt haben, die Zeiten des Krieges seien endgültig passé. Ein Irrtum (Der Kanzler der BRD mit dem Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, 1971 während einer Bootsfahrt in der Sowjetunion)

Am 17. Mai 1972 verabschiedete der Deutsche Bundestag die sogenannten Ostverträge mit der Sowjetunion und der Volksrepublik Polen. Für diejenigen, die dies damals bewusst erlebt haben und heute schon recht betagt sind, mag das ein Anlass für Veteranennostalgie sein: Ja, das seien noch Zeiten gewesen!

Im April war ein Misstrauensvotum gegen Kanzler Willy Brandt gescheitert. Unmittelbar danach zeigte sich, dass seine Koalition mit der FDP keine Mehrheit mehr hatte. Die Ostverträge kamen gerade noch durch, weil die Union sich mehrheitlich der Stimme enthalten hatte. Danach: Wahlkampf, Willy-Euphorie, erstmals stellte die SPD die stärkste Fraktion im Bundestag. Die Jusos gingen vor Begeisterung über Tische und Bänke und konnten auf dem Parteitag 1973 nur mühsam wieder eingefangen werden. Einige fragten, ob nun der Sozialismus komme.

Wer nicht so weit in die Zukunft denken wollte, meinte aber eines zu wissen: Frieden für alle Zeit, niemals mehr werde es einen Krieg in Europa geben.

Und heute? Schauen Sie in die Tageszeitungen.

Wer wissen will, wie diese Illusion entstehen konnte und warum sie eine war, wird darauf verwiesen, die Episode in eine Entwicklung einzuordnen, die Mitte der fünfziger Jahre begann und noch lange nicht zu Ende ist.

Es begann mit der Brechung des Atom- und danach Wasserstoffbombenmonopols der USA 1949 bzw. 1953 durch die UdSSR und einer annähernden Parität in der Entwicklung der Trägerraketen für Kernwaffen um 1957.

Vorher sind die Kräfteverhältnisse relativ klar gewesen: Die USA waren so überlegen, dass sie etwaigen behaupteten oder tatsächlichen Bedrohungen durch die Sowjetunion mit einem sogenannten Containment begegnen und nach einiger Zeit sogar ein Rollback ins Auge fassen konnten. Für den deutschen Kanzler Konrad Adenauer wurde dadurch eine kapitalistische Wiedervereinigung Deutschlands eine Tagesaufgabe, zu realisieren durch eine »Politik der Stärke«.

Gleichgewicht des Schreckens

Nach dem Sputnik-Schock von 1957 erschien dies aussichtslos. Im Sozialkundeunterricht der Oberstufe wurde die Frage diskutiert, ob man lieber »tot als rot« (CDU/CSU) oder »rot statt tot« (angeblich SPD) sein wollte. Das war auch ein beliebtes Thema in der fortgeschrittenen ethischen Erwägung.

Für letztere war damals unter anderem der Philosoph Karl Jaspers zuständig. 1958 veröffentlichte er das Buch »Die Atombombe und die Zukunft des Menschen«. Es wurde ein Bestseller. Im selben Jahr ist ein »Appell an die Menschheit« von Albert Schweitzer von mehr als hundert Sendern weltweit verbreitet worden. Er wandte sich gegen Kernwaffenversuche in der Atmosphäre. Jaspers vertrat – wie seine Schülerin Hannah Ahrendt – die Ansicht, ein Leben in Unfreiheit lösche Menschen moralisch aus, auch wenn sie physiologisch weitervegetierten. Die Bedrohung kam vom sogenannten Totalitarismus. Für den Antifaschisten Jaspers war davon seit 1945 nur noch der Bolschewismus übriggeblieben. Eine immerwährende Koexistenz mit diesem lehnte er in seinem Buch 1958 ab. 1960 allerdings trat er für eine deutsche Zweistaatlichkeit ein, wenn auch in der DDR Freiheit möglich sei, zu deren Verteidigung die atomare Bedrohung aufgeboten war.

Bereits 1956 hatte ein anderer Philosoph, Günther Anders, den ersten Band seines Werks »Die Antiquiertheit des Menschen« veröffentlicht. Es war vor allem der Inspektion jener Welt gewidmet, die sich die freie nannte. Nicht nur hier, sondern allerdings darüber hinaus, global, entdeckte er die »Prometheische Scham« angesichts der Übermächtigung möglicher menschlicher Autonomie durch die Maschinenwelt, deren äußerster Ausdruck die Selbstvernichtung sei. (Oskar Lafontaine hat 2022 in seiner letzten Landtagsrede an ihn erinnert.)

Es gab also Warnungen. Stärkeren Einfluss auf die praktische Politik als sie brachten zwei tatsächliche Grenzsituationen, in denen sich zeigte, dass die bisherige Konfrontationspolitik nicht mehr länger möglich war:

Als die Massenmigration aus der DDR in das Akkumulationszentrum BRD den Zusammenbruch des zweiten deutschen Staates und damit – als Reaktion darauf – ein atomarer Clash näher zu rücken schien, gab US-Präsident John F. Kennedy seine drei Essentials bekannt: Stationierungsrecht der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs in Westberlin, freier Zugang dorthin und Garantie westlich-demokratischer Verfassung der Frontstadt – nur dafür werde man in den Krieg ziehen, nicht aber (das blieb ungesagt, war aber der Kern der Botschaft) wegen einer Mauer. Die Katastrophe war in dem Moment abgewendet, als sie sehr nahe schien. Dieselbe Konstellation wiederholte sich in der Kuba-Krise 1962.

Wandel durch Annäherung

Mit dem Scheitern der Rollback-Politik des ehemaligen US-Außenministers John Foster Dulles und Adenauers war nicht das Ziel der kapitalistischen Rückgewinnung der DDR und darüber hinaus des »Ostens« aufgegeben, aber der Weg dorthin verändert. Egon Bahrs 1963 ausgegebene Parole vom »Wandel durch Annäherung« war kapitalistische Wiedervereinigungspolitik unter den Bedingungen des atomaren Patts. Gleiches gilt für die Ostverträge, die die sozialliberale Regierung abschloss.

Von den SALT-Abkommen zwischen der UdSSR und den USA zur Begrenzung der wechselseitigen strategischen Bedrohung blieben zwei Tendenzen unberührt. Die erste war die unterschiedliche ökonomische Entwicklung in der kapitalistischen und in der sozialistischen Welt: hohe Wachstumsraten im Westen, Zurückbleiben des Ostens, schließlich Stagnation und dadurch in hohem Maß verursachter Legitimationsverlust seines politischen Systems. Zweitens ging das Wettrüsten weiter. Vorsprünge, die dadurch erreichbar schienen, konnten Chancen eröffnen, das vereinbarte strategische Gleichgewicht zu unterlaufen.

Die in den USA entwickelte Neutronenwaffe verschaffte die Möglichkeit, einen Nuklearkrieg unterhalb des globalstrategischen Schutzschilds auf einem europäischen Gefechtsfeld zu führen. Sie wäre imstande, Menschen zu töten, Material aber unbeschädigt zu lassen. Der US-Präsident Jimmy Carter forcierte seit 1977 eine (heute würde man sagen: wertebasierte) Menschenrechtskampagne, mit der Hauptstoßrichtung gegen die sozialistischen Länder. Im selben Jahr hielt Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vor dem Institute for Strategic Studies in London einen Vortrag, in dem er forderte, im europäischen Mittelstreckenbereich ein Gleichgewicht wiederherzustellen, das inzwischen durch die sowjetischen Raketen vom Typ SS-20 bedroht sei. 1979 fasste die NATO ihren »Nachrüstungsbeschluss«. In Europa sollten Marschflugkörper (»Cruise Missiles«) und Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II stationiert werden. Das neue Wettrüsten, das nun begann, war asymmetrisch: Die SS-20-Raketen hätten die USA nie erreichen können, die neuen NATO-Waffen die Sowjetunion innerhalb von Minuten. Kombiniert mit der anhaltenden und sich ausbreitenden Wirtschaftsschwäche des sozialistischen Lagers wurde 1989–1991 gestürzt, was vorher schon wankte.

Zweiter Imperialismus

Was nun kam, ist als Globalisierung beschönigt worden, lässt sich aber zutreffender als zweiter Imperialismus kennzeichnen.

Was ist das?

Im ersten Imperialismus seit ca. 1870 hatten die hochindustrialisierten europäischen Großmächte neue Kolonien erobert und die ökonomische Durchdringung sowie Ausbeutung ihrer bisherigen intensiviert. Sie konkurrierten um Rohstoffquellen, Absatzgebiete für Waren sowie überakkumuliertes Kapital, das auf ihren Binnenmärkten nicht mehr ausreichend investiert werden konnte. Um 1900 hatten die USA im Süden ihrer eigenen Hemisphäre sich als dominante Macht etabliert. So waren sie ebenfalls längst eine imperialistische Macht geworden.

Nach einer Übergangsperiode 1941–1945, in der eine systemübergreifende Allianz gegen den deutschen Faschismus kämpfte und siegte, trat der Imperialismus in eine Latenzperiode ein. Die kapitalistischen Mächte beendeten ihre gegenseitigen Konflikte und führten unter US-amerikanischer Führung den Kalten Krieg gegen den Sozialismus. Als in den 80er Jahren die UdSSR aufgab, kam der Imperialismus in seiner klassischen Form wieder. Eroberung und Beherrschung von Kolonien ist nun ersetzt durch ökonomische Abhängigkeiten formell selbständiger Staaten von den Zentren, wieder vor allem mittels Waren- und Kapitalexport, angetrieben durch Überakkumulation. Es bleiben die Kämpfe um Einflusssphären, um Absatzmärkte für Waren und Kapital sowie den Zugang zu Rohstoffen.

Heute lassen sich ein globaler und regionaler Imperialismus unterscheiden. Für ersteren stehen die USA, für letzteren China, die EU und Russland. Die Vereinigten Staaten halten an dem Anspruch auf weltweite direkte oder indirekte Dominanz fest. Kritiker(innen) sprechen von der Anmaßung einer »indirekten Weltherrschaft«. Der regionale Imperialismus Chinas, der EU und Russlands zielt dagegen auf Kontrolle und Nutzung des mittelbaren und unmittelbaren Umfelds.

Völlig scharf lassen sich die beiden Typen nicht trennen. In der EU gibt es neben der Konkurrenz zu den USA Tendenzen zur kooperativen Teilhabe an deren selektivem globalem Herrschaftsanspruch. Selbst zur Wahrnehmung seiner regionalen Interessen sieht sich China immer mehr zur Errichtung kontinentübergreifender Logistik und von Einflusssphären veranlasst.

Russland fehlt zu einer solchen Politik das ökonomische Potential. Statt wirtschaftlicher Durchdringung ehemaliger Sowjetrepubliken und anderer Staaten aus dem Machtbereich der ehemaligen UdSSR bleibt ihm allenfalls der Versuch von deren politischer Kontrolle vor dem Hintergrund militärischer Macht. Anders als in den USA, China und den stärksten Ökonomien innerhalb der EU gibt es in Russland kaum Überakkumulation (sieht man in der Anhäufung von Reichtum bei Oligarchen ab). Die Anwendbarkeit des Imperialismusbegriffs ist insofern problematisch. Vielleicht sollte man ihn in diesem Fall entweder ganz fallen lassen oder in einem veralteten nichtmaterialistischen Sinn auf politisch-militärische Dominanzbestrebungen begrenzen, wie sie für das von Anleiheinfusionen abhängige Zarenreich vor 1917 charakteristisch waren.

Die USA haben China zum Systemgegner erklärt, gegen den ein neuer kalter Krieg geführt wird. Im Vergleich dazu ist Russland nur ein subalterner Gegner, den bereits Barack Obama zu einer Regionalmacht herabstufte. Die von den USA betriebene Einkreisungspolitik richtet sich gegen Russland und China gleichermaßen. Ihr westlicher Hebel ist die NATO. Um sich auf China konzentrieren zu können, versuchen die Vereinigten Staaten ihren europäischen Verbündeten einen größeren eigenen – auch militärischen – Anteil an der Auseinandersetzung mit Russland zuzuweisen. Vor allem Deutschland war zunächst nur zögernd dazu bereit. Das hat sich nun geändert: durch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Das (vorläufig?) Unbegreifliche

Er ist ein so ungeheuerlicher Fehler, dass allen, die auf eine fixe Erklärung Lust haben, besser erst einmal die Spucke wegbleiben sollte. Die durch einen etwaigen NATO-Beitritt der Ukraine drohende Komplettierung einer Einkreisung war Anlass oder Vorwand, taugt aber nicht für eine Begründung. Für diesen Einwand spricht überdies, dass auch ein Anschluss der Ukraine an die EU (zunächst ohne NATO-Mitgliedschaft) von der Putin-Administration bekämpft wurde. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass die ökonomische Schwäche Russlands zu den Ursachen seines außenpolitischen Verhaltens gehört. Das wirtschaftliche und Wohlstandsgefälle zwischen den europäischen kapitalistischen Zentren und ihren östlichen und südlichen Peripherien und Semiperipherien erzeugt eine Drift, die sich in Migration nach Norden und Going West ganzer Staaten äußert. Dagegen helfen im letzteren Fall keine Drohungen oder gar Kriege.

Wenn Russland nunmehr angriff, könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass es keine andere Möglichkeit mehr sah. Wer in einer Situation der Schwäche keine zweite Option hat, hat meist vorab verloren. Verzweiflungsreaktionen sind dann schon keine Politik mehr.

Wer in der ökonomischen und politischen Verfasstheit Russlands eine Ursache für Putins Herrschaftsform und seine Fehlentscheidung sucht, kommt zu einem blamablen Ergebnis besonderer Art: Wozu gibt es denn (immer noch) so viele Marxistinnen und Marxisten, wenn keine/r (den Verfasser der hier vorliegenden armseligen Zeilen nicht ausgenommen) sich bisher die Mühe gemacht hat, umfassend die politische Soziologie, Ökonomie und Kultur sowie die verschiedenen Alltagswelten Russlands zu verstehen?

So wäre gegenwärtig wohl das Ehrlichste, solches Versagen einzugestehen und den Schaden, dessen binnengesellschaftliche russische Ursachen vorerst unerkannt bleiben, zu besichtigen.

Asymmetrie

Der bisherige Verlauf des Ukraine-Kriegs deutet auf Asymmetrie hin, in der Russland auf Dauer unterlegen sein könnte. In einem anderen Stellvertreterkonflikt siegte 2020 das von dem NATO-Land Türkei unterstützte Aserbaidschan. Das Kräfteverhältnis der Waffen mögen Spezialisten erklären und dabei auch erörtern, ob in einem Cyberwar Atombomben und Panzer nicht doch eher Waffen der dummen Kerls sind, wenn diese sich in erster Linie auf sie verlassen müssen. Nicht umsonst und durchaus im Interesse seiner USA hat Barack Obama 2009 eine weltweite Abschaffung der Atomwaffen gefordert. In seiner Vision benötigten die Vereinigten Staaten sie in einem geringeren Maß zur Aufrechterhaltung ihrer Überlegenheit als bisher.

Für Russland ist kein Sieg vorstellbar, der nicht zugleich eine weit schlimmere Niederlage wäre. Eine Besetzung der ganzen Ukraine würde ihm ein zweites Afghanistan bringen, eine Abtrennung des Donbass einen kräfteverzehrenden Dauerkonflikt mit der NATO, die alsbald die Ukraine als neues Mitglied begrüßen dürfte. Die USA und der »Westen« konnten 2021 gegen die Taliban (wie auch früher in Vietnam) eine Niederlage quittieren, ohne dadurch schwächer zu werden – anders als einst die Sowjetunion und jetzt Russland.

Angesichts dieser Perspektiven verwundert es nicht, dass die Verfechter einer »wertebasierten Außenpolitik« jetzt sogar von ihrem eigenen Sieg träumen. Er würde Russland als ein zweites Afrika hinterlassen: ein gewaltiges Rohstofflager, das dem Zugriff des »Westens« offenläge, verwaltet von einem neuen Jelzin oder gänzlich zerstückelt. Dass Putin auf diese Aussicht ebenso reagieren würde wie einst Gorbatschow, nämlich mit Kapitulation, ist zumindest nicht wahrscheinlicher als eine Eskalation mit – sagen wir es vorsichtig – atomarer Komponente.

Die NATO mag darauf spekulieren, ein zweites Mal nach 1989–1991 ohne ein solches Szenario zum Ziel zu kommen, »not with a bang, but with a whimper«, nicht mit einem Knall, sondern mit einem Gewimmer der Verlierer.

Ende der Suspension

Stellen wir uns einmal dumm und nehmen an, der »Westen« überlebe seinen Sieg.

Dann böte sich seinen Gelehrten vielleicht die Chance, eine dann allerdings schon akademisch gewordene Frage zu beantworten, die sie bislang vergeblich gestellt hatten: Was war der Charakter der weltweiten Wirtschaftskrise von 2008? Für derlei Liebhabereien wird man dann ja vielleicht Zeit haben.

Mit dem Einbruch von 2008 endete die Periode der nach dem Ende des Sozialismus ausgebrochenen neoliberalen Ungeniertheit. Offenbar war es nicht nur eine zyklische Krise, sondern sie hatte das Zeug zu einer systemischen, wie sie bereits 1873, 1929 und 1975 stattgefunden hatten.

Darunter sind Rezessionen zu verstehen, die den Kapitalismus, der als solcher durchaus fortbesteht, tiefgreifend ändern. Nach 1873 hatte diese Variation im Übergang zum Organisierten Kapitalismus bestanden, nach 1929 zu einem zunächst vor allem Kriegs-, dann wohlfahrtsstaatlichen Keynesianismus, 1975 zum Neoliberalismus. Dessen Dynamik war 2008 bereits gebrochen, doch ist eine nun offenbar wieder anstehende kapitalismusinterne Transformation durch geldpolitische Maßnahmen suspendiert worden. Die Behebung der Krise, die damals ausbrach, wurde in Teilen der kapitalistischen Welt nicht der angeblichen Selbstheilung durch die Märkte überlassen. An deren Stelle traten umfangreiche staatliche Kredit- und Ausgabenprogramme, zunächst auf der nationalstaatlichen Ebene, seit 2010 mit massivem Aufkauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank, in der Coronakrise auch durch einen Aufbaufonds der Europäischen Union, erstmals verbunden mit der Aufnahme von Schulden durch diese und mit der Ankündigung eines Billionenprogramms gegen die Erderwärmung. Die Effizienz dieser Politik war daran zu messen, ob sie gleichzeitig die bisherige Tendenz zu wachsender Ungleichheit und zur Belastung der Biosphäre stoppen, umkehren oder verstärken konnte oder ob sie noch einmal lediglich die Suspendierung einer Transformation bedeutete.

Sollten die Niederlage und die ökonomische Ausschlachtung Russlands und der weitergehende Rüstungswettlauf mit China der westlichen Variante des globalen Kapitalismus einen neuen Schub geben, dann wäre die seit 2008 suspendierte Krise doch eine systemische geworden.

Ach so: Eine Linke, falls es sie noch oder wieder gäbe, hätte dann auch viel zu tun. Aber darüber brauchen wir uns nicht jetzt schon unseren Kopf, der sich ja gerade als wenig tauglich erwies, zu zerbrechen.

Es begreift sich leicht, dass besorgte Menschen sich mit apokalyptischen Fieberphantasien nicht anfreunden mögen. Diejenigen unter ihnen, die bisher auf eine rationale Politik Russlands setzten und diesem einen Angriff auf die Ukraine nicht zutrauten, haben es derzeit schwer. Das gilt nicht nur für Linke wie Sahra Wagenknecht, sondern auch für Repräsentantinnen und Repräsentanten einer sozial-, ja christdemokratischen Mitte.

Krise der instrumentellen Vernunft

Der langjährige SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi hatte – ausweislich eines Buchs, das er unmittelbar vor dem russischen Angriff veröffentlichte – nicht mit diesem gerechnet. Angela Merkel hält es heute noch für richtig, dass sie 2008 die Aufnahme der Ukraine in die NATO ablehnte. Auch Olaf Scholz scheint einige Zeit dieser Denkschule angehört zu haben, bevor er umschaltete.

Sie alle kommen aus einer Vergangenheit, die einst auch die Ostpolitik von Bahr und Brandt prägte: alternativlose instrumentelle Vernunft des rationalen Interessenausgleichs innerhalb eines Rahmens unveränderbarer Gegebenheiten. Jürgen Habermas, zwar Haupt der Kritischen Theorie, aber – zum Beispiel mit seiner Zustimmung zum Jugoslawienkrieg 1999 – Pragmatischem nicht abgeneigt, hatte einst eine Philosophie dazu geliefert: Kommunikatives Handeln, das erst dann an eine Grenze stoße, wenn einer wie Slobodan Milosevic nicht mitspiele. In der Süddeutschen Zeitung zeigte er sich jüngst fassungslos über den siegesgewissen Fundamentalismus einer neuen Generation. Basis der goldenen Zeit, der er Stichworte gab, war ein Gleichgewicht der Kräfte, das aber nur eine Episode gewesen ist.

Weil es sich nicht kurzerhand wiederherstellen lässt, ist es mit praktischen Vorschlägen, die dazu unterbreitet werden, nicht weit her. Dass Waffenlieferungen an die Ukraine Benzin ins Feuer gießen, haben die Vertreterinnen und Vertreter dieser instrumentellen Vernunft richtigerweise zu Protokoll gegeben. Wer die gegenwärtige Katastrophe als einen Regionalkonflikt zwischen zwei Nachfolgestaaten der Sowjetunion betrachten wollte, von denen keiner Mitglied der NATO ist und der diese deshalb nichts angehe, würde wohl als AfD-nah verdächtigt oder als Spießer verachtet, der die Zeitenwende verantwortungslos verschlafen hat, obwohl eine solche (humanitäre Hilfe nicht ausschließende, sondern sogar zusätzlich legitimierende) Neutralität nicht hirnrissiger ist als das kaputte Benehmen derer, die auf einen Siegfrieden des »Westens« setzen.

Fazit: »Die Welt war schon mal heiler.« (Peter Hacks)

Georg Fülberth schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 20./21. November eine ­Bilanz der Ära Merkel.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred P. aus Hamburg (17. Mai 2022 um 16:26 Uhr)
    Georg Fülberth schreibt, dass sich heute »ein globaler und regionaler Imperialismus unterscheiden« ließe. Die USA mit dem Anspruch auf Weltherrschaft. Der »regionale Imperialismus Chinas, der EU und Russlands« sei dagegen »auf Kontrolle und Nutzung des mittelbaren und unmittelbaren Umfelds« gerichtet. Sollen wir nun zwischen »kleinem« und »großen« Imperialismus unterscheiden? Auf Russland bezogen mag es hingehen, dass hier Großmachtphantasien und das Bewahren des riesigen Rohstoffpools eine Rolle spielen; bei China wäre das Adjektiv »imperialistisch« für mich unhaltbar! Die Klasse der Oligarchen Chinas stellt keine politisch-organisatorische Macht dar und kann jederzeit durch die Interventionen des chinesischen Staates auf das Maß eines wichtigen Hebels zur Steigerung der Produktivkräfte begrenzt werden. Kapitalistische Elemente machen aus einem Staat noch keine kapitalistische, geschweige denn eine imperialistische Gesellschaftsformation. Das Eintrüben von Begriffen sollten wir bürgerlichen Ideologen überlassen, mit ihren Worthülsen von »Freiheit«, »Demokratie« und »Menschenrechten«. Weiter: die Oligarchien in Russland und China spielen zwei sehr unterschiedliche Rollen. Friedrich Engels wies darauf hin, dass mit dem Ausgang des Feudalismus und dem Entstehen des Bürgertums, die Klasse des Landadels keine nennenswerte Funktion bei der weiteren Entwicklung der Produktivkräfte mehr ausübte, sondern den bloß »genießenden Reichtum« repräsentierte. Das könnte auf die russischen (und natürlich ukrainischen) Oligarchen von heute zutreffen. »Der Illusion über den Reichtum als Mittel zum bloßen Genuss trat geschichtlich das arbeitende, ›prosaische‹ Kapital, die industrielle Bourgeoisie, entgegen« (G. Stiehler). In China tritt dieser Illusion heute die KP entgegen, für die die Oligarchien eine vorübergehende, aber zum Teil »notwendige Erscheinung« darstellen. Frei nach Dengs Motto, »lasst einige zuerst reich werden«, um so den Reichtum für alle eher zu ermöglichen (Vgl. M. Kunzmann zu China).

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