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Aus: Ausgabe vom 14.05.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Palästina und Israel

Angriff auf Trauernde

Israel: Zehntausende bei Beerdigung von Reporterin Abu Akle. Einsatzkräfte prügeln auf Teilnehmer ein
Von Gerrit Hoekman
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Protest vor dem Französischen Krankenhaus am Freitag in Jerusalem mit Bild von Schirin Abu Akle

Die Bilder sprechen Bände: Am Freitag mittag hat die israelische Polizei den Beginn der Trauerfeier für die bekannte Reporterin Schirin Abu Akle in Jerusalem angegriffen. Brutal hinderten schwerbewaffnete Einsatzkräfte die Menschen, einen Trauerzug zu bilden. Der Wagen mit dem Leichnam machte sich alleine auf den Weg zur römisch-katholischen Kirche in der Altstadt von Jerusalem.

Die Journalistin des TV-Senders Al-Dschasira war am Mittwoch bei einer Razzia der israelischen Armee im Flüchtlingslager Dschenin im besetzten Westjordanland mit einem Kopfschuss getötet worden. Der Fernsehsender warf Israel einen gezielten Mord vor.

Bereits als der Sarg gegen 13 Uhr in Anwesenheit von mehr als 100 Trauernden aus dem Französischen Krankenhaus in Jerusalem getragen wurde, kam es zu Provokationen der israelischen Besatzungsmacht. Palästinensische Fahnen und Gesänge waren während der Beerdigung verboten worden. Die Zeremonie sollte offensichtlich nicht zu einer Demonstration des palästinensischen Widerstands werden. Die Bevölkerung in Gaza oder der Westbank konnte ohnehin nicht teilnehmen. Viele Trauergäste hielten sich nicht an die Auflagen, und die Polizei prügelte ohne Vorwarnung auf die Sargträger und die Trauergemeinde ein. Beinahe wäre der Sarg zu Boden gestürzt. Der arabischsprachige Kanal des Senders Al-Dschasira übertrug die verstörenden Bilder vor dem Französischen Krankenhaus live.

»Leider begannen Hunderte von Menschen unter dem Deckmantel der Beerdigung und unter zynischer Ausnutzung derselben, die öffentliche Ordnung zu stören, bevor diese überhaupt begonnen hatte«, zitierte die Nachrichtenagentur AFP aus einer Erklärung der Polizei. »Als der Sarg aus dem Krankenhaus gebracht werden sollte, wurden die Beamten auf dem Krankenhausplatz mit Steinen beworfen, so dass sie gezwungen waren, Mittel zur Bekämpfung von Ausschreitungen einzusetzen.«

Auf dem Weg von der Kirche zum Friedhof konnte dann doch ein nicht enden wollender Trauerzug von sicher mehr als 10.000 Menschen die Journalistin auf ihrem letzten Gang begleiten. Israelische Polizei war nicht mehr zu sehen. Nur ein Hubschrauber drehte seine Runden über dem Friedhof.

In Dschenin begann der Tag der Beerdigung mit einem neuerlichen, mehrere Stunden dauernden Feuergefecht zwischen der israelischen Armee und palästinensischen Widerstandskämpfern. Laut der amtlichen palästinensischen Nachrichtenagentur WAFA zerstörten die Soldaten ein Gebäude mit Lenkraketen. Das Haus ging in Flammen auf. Darin hatten sich angeblich mehrere Mitglieder des »Islamischen Dschihad« verschanzt, der in Dschenin eine starke Basis besitzt. Nach Angaben der palästinensischen Nachrichtenseite Maan wurden mindestens 13 Palästinenser teilweise schwer verletzt. Einer befindet sich in einem kritischen Zustand. Die israelische Armee meldete einen verletzten israelischen Polizisten.

Die israelischen Soldaten seien am Freitag morgen auch in Dschenin gewesen, um den Ort, an dem die Journalistin Abu Akle am Mittwoch tödlich getroffen wurde, nach Spuren zu untersuchen, hieß es von der Armeeführung laut der israelischen Tageszeitung Haaretz. Es wurde nahegelegt, ein palästinensischer Schütze habe die Reporterin getötet. »Dschenin ist eine Hochburg der Terroristen«, erklärte ein Sprecher der Armee am Freitag auf Twitter. Bereits am Mittwoch hatte Premierminister Naftali Bennett behauptet, bei dem Feuergefecht hätten die Palästinenser unkontrolliert in alle Richtungen geschossen. Die israelische Armee lud an dem Tag auf Twitter ein Video hoch, das einen palästinensischen Kämpfer zeigt, der in eine Gasse feuert, ohne zu schauen, auf wen er schießt. Ein Mann ruft auf Arabisch: »Sie haben einen Soldaten getroffen! Er liegt auf dem Boden!« Weil die Armee keine Verluste zu beklagen habe, könne es sich eigentlich nur um die Journalistin handeln, hieß es von israelischen Offiziellen.

Die israelische NGO »B’Tselem« suchte am Donnerstag die Gasse in Dschenin auf, an dem das Video entstand. Fazit der Ortsbegehung: Die Szene kann unmöglich mit dem Tod von Abu Akle zu tun haben. Der Platz, an dem sie verblutete, liegt in einer Straße, die fast 300 Meter entfernt ist. Häuser und Mauern befinden sich zwischen den beiden Orten. Die US-Tageszeitung Washington Post befragte Zeugen des Vorfalls. Alle geben an, dass sich die Gruppe von Journalisten, zu denen auch Abu Akle gehörte, nicht in der Nähe der bewaffneten Auseinandersetzung befand. »Wo wir waren, gab es überhaupt keine Kämpfer. Wir setzen uns nicht in die Schusslinie. Was auch immer die israelische Armee von uns verlangt, wir tun es. Sie haben direkt und absichtlich auf uns geschossen«, versicherte der Journalist Ali Al-Samudi gegenüber der Washington Post.

Die Palästinensische Autonomiebehörde weigert sich unterdessen, die Patrone, mit der Abu Akle erschossen wurde, an Israel zu übergeben. Sie misstraut offenbar der israelischen Expertise und fürchtet Manipulation. »Alle Hinweise, Beweise und Zeugen bestätigen ihre Ermordung durch israelische Spezialeinheiten«, sagte der palästinensische Minister für Zivilangelegenheiten, Hussein Al-Scheich am Donnerstag. Die Autonomiebehörde will den Tod von Abu Akle nun vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag bringen. Als Kriegsverbrechen.

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