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Aus: Ausgabe vom 13.05.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Automobilbranche

Milliarden für Porsche-Piëch-Clan

Volkswagen-Hauptversammlung: Hohe Dividenden dank Kurzarbeit und Luxuskarossen
Von Stephan Krull
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Umweltaktivisten protestieren vor Beginn des VW-Events gegen mobile Konzernpolitik (Berlin, 12.5.2022)

Volkswagen hat trotz Krise, Klimakatastrophe und Krieg glänzende Geschäfte gemacht. »Auch im vergangenen Jahr haben wir unsere Widerstandskraft bewiesen«, sagte VW-Vorstandschef Herbert Diess am Donnerstag auf der diesjährigen Konzernhauptversammlung stolz gegenüber den Aktionären des Automobilmonopolisten. »Konzernweit konnten wir den Umsatz um zwölf Prozent auf 250 Milliarden Euro steigern, obwohl wir zwei Millionen Autos weniger gebaut haben als geplant«, freute er sich.

Der Gewinn des Autobauers stieg nach Steuern um 75 Prozent auf 15,5 Milliarden Euro, die Dividende wird von 4,80 Euro auf 7,50 Euro erhöht. Die Gewinnrücklagen betragen inzwischen 117 Milliarden Euro. Etwa 2,4 Milliarden Euro werden an die Aktionäre ausgeschüttet. Mit rund 4.000 Euro hat jeder der 650.000 Beschäftigten weltweit dazu beigetragen. Allein der Porsche-Piëch-Clan bekommt mehr als 1,2 Milliarden Euro überwiesen.

Möglich wurde diese sagenhafte Entwicklung durch von der Arbeitslosenversicherung finanzierte zehntausendfache monatelange Kurzarbeit – mit Mitteln im hohen dreistelligen Millionenbereich und durch die Fokussierung auf das Luxussegment. Die Gewinnbringer sind Audi und Porsche mit Umsatzrenditen von bis zu 16,5 Prozent. Die Produktion kleinerer Fahrzeuge wurden im Zuge des Chipmangels eingeschränkt, kleine Elektrofahrzeuge sind überhaupt nicht im Angebot und für frühestens 2025 angekündigt. Umweltverbände und kritische Aktionäre sprachen in diesem Zusammenhang vom »Verlust der Volkswagen-DNA«. Immer mehr »große, schwere und oft übermotorisierte Autos« seien mit Blick auf Energie- und Ressourcenverbrauch »der falsche Weg«, hieß es in einer BUND-Mitteilung am Donnerstag.

Die am Profit orientierte Strategie führt dazu, dass im größten Werk in Wolfsburg nur noch so viele Autos gebaut wurden wie vor 50 Jahren. Die Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter werden alle schon nicht mehr beschäftigt. Immer mehr Produktion wird ins Ausland verlagert, in China werden inzwischen auch fast 40 Prozent aller Fahrzeuge aus dem Konzern verkauft.

Diess kündigte an, der Zeitpunkt sei günstig, um Porsche eigenständig an die Börse zu bringen. Der Porsche-Piëch-Clan will dadurch noch mehr Einfluss auf den Konzern bekommen und die lästige Mitbestimmung des Betriebsrates loswerden. Die FAZ kommentierte am Mittwoch, der Kapitalmarkt habe Diess als »Hoffnungsträger« gesehen, »um VW effizienter zu machen und den Einfluss der Arbeitnehmer zurückzudrängen, den internationale Investoren als Bremsklotz wahrnehmen«. Die Unterstützung der Familien Porsche und Piëch habe Diess weiterhin.

Ein neuerlicher Anlauf in diesem Sinne ist der Bau einer E-Auto-Fabrik in Wolfsburg, in der ab 2027 nach dem Vorbild von Tesla in Grünheide die Produktivität enorm gesteigert werden soll. Das Land Niedersachsen und die Stadt sind schon bereit, Antragsfristen zu verkürzen und Bauvorschriften zu lockern. Wolfsburgs Stadtbaurat Kai-Uwe Hirschheide sagte im März, die Stadtverwaltung werde mit einem eigens aufgestellten »interdisziplinären Projektteam« eine »besonders effiziente und handlungsstarke Struktur schaffen, um das Vorhaben bestmöglich zu bearbeiten«.

Da es insgesamt aber um weniger Autos gehen wird, werden Beschäftigung, Einkommen und Steuereinnahmen sinken – Leistungsverdichtung und Stress in der Fabrik aber steigen. Um als einer der Sieger aus der verschärften Konkurrenz um kleiner werdende Absatzmärkte hervorzugehen, werden von Volkswagen weitere Kooperationen wie die mit Ford angestrebt. Auch deshalb war vom VW-Vorstand die fast dringende Bitte zu hören, nach Krieg, Pandemie, gestörten Lieferketten und trotz der Klimakatastrophe mit der weiteren Globalisierung und dem unbegrenzten Freihandel doch wieder zur alten Wirtschaftsordnung zurückzukehren. Eine längst überfällige Verkehrswende wird nur gegen solche Profitorientierung durchzusetzen sein.

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