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Aus: Ausgabe vom 13.05.2022, Seite 4 / Inland
Faschismus

Bombenbau im Kinderzimmer

Essen: SEK findet Waffen bei 16jährigem Neonazi. Innenminister verharmlost rassistisches Manifest als »Hilferuf«
Von Nick Brauns
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Mit Spürhunden auf Sprengstoffsuche beim Wohnhaus eines jugendlichen Neonazis (Essen, 12.5.2022)

In Essen ist am Donnerstag offenbar ein Anschlag durch einen jugendlichen Neonazi vereitelt worden. Bei einem 16jährigen Gymnasiasten im Stadtteil Borbeck wurden bei einer Razzia durch das Spezialeinsatzkommando (SEK) in den frühen Morgenstunden Waffen sowie sprengfähiges Material sichergestellt. Die Zentralstelle Terrorismusverfolgung Nordrhein-Westfalen (ZenTer) bei der Düsseldorfer Generalstaatsanwaltschaft hat die Ermittlungen wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, des Verdachts der Vorbereitung eines Explosionsverbrechens sowie Verstößen gegen das Waffen- und Sprengstoffrecht übernommen.

Die Polizei habe womöglich »einen Alptraum verhindert«, erklärte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am frühen Donnerstag nachmittag auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf. Der in seinem Kinderzimmer festgenommene junge Mann werde noch verhört. »Er steht unter dringendem Verdacht, einen Anschlag geplant zu haben.« Bei der Durchsuchung der elterlichen Wohnung sei Material zum Bau von Rohrbomben sichergestellt worden. So habe die Polizei 16 Rohrkörper gefunden – einige davon bereits mit Uhren versehen und von außen mit Nägel präpariert – sowie zusammengemischte Explosivstoffe, die offenbar zum Befüllen der Rohrkörper vorgesehen waren. Das Material sei »funktionsfähig, aber nicht einsatzfähig«. Auch eine selbstgebaute Schusswaffe, eine Armbrust mit Pfeilen, Speere und Stichwaffen wurden von der Polizei in der Wohnung gefunden.

Auf den Schüler aufmerksam geworden war die Polizei laut Reul durch einen »Hinweisgeber«, der angegeben habe, der 16jährige wolle eine Bombe in der Schule plazieren. Laut Bild handelt es sich dabei um einen Mitschüler. Das Don-Bosco-Gymnasium, auf das der Tatverdächtige geht, sowie dessen ehemalige Realschule wurden von der Polizei mit Sprengstoffspürhunden durchsucht, gefunden wurde dort nichts Verdächtiges.

Bei dem festgenommenen Jugendlichen entdeckte die Polizei »eindeutig ausländerfeindliches und rechtsextremes Material«. Darunter seien zahlreiche antisemitische und muslimfeindliche Schriftstücke sowie Zeichnungen von SS-Runen gewesen. Zudem fand die Polizei ein selbstverfasstes »Manifest« des Schülers, in dem sich dieser über Personen auslässt, die er nach eigenen Angaben hasst. Die Aufzeichnungen könnten als »dringender Hilferuf eines verzweifelten jungen Mannes gelesen werden«, möglicherweise habe er massive psychische Probleme und Suizidgedanken, übte sich der NRW-Innenminister in einer Verharmlosung der rassistischen Ideologie des jugendlichen Faschisten und seiner mutmaßlichen Anschlagsplanungen durch Psychologisierung.

Auch Reuls Feststellung, es handele sich nach derzeitigem Ermittlungsstand offenbar um einen Einzeltäter, gehört zum behördlichen Standardrepertoire bei Rechtsterroristen. Ausschließen will dies Lillian Mettler von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Düsseldorf nicht. Dass ein Manifest vorliegt, könne als Hinweis auf einen »neuen rechtsextremen Tätertypus« gesehen werden, wie er bei den Anschlägen von Utoya, München, Halle und Hanau aufgetreten ist, meinte die Expertin am Donnerstag gegenüber jW. Es handele es sich dabei um Täter, die nicht zuvor im Nazimilieu aktivistisch sozialisiert wurden, sondern um Einzelpersonen, die sich in Onlinecommunities politisiert haben und ein Mitteilungsbedürfnis durch Manifeste artikulieren. Die von Reul vorgenommene Deutung, es handele sich um einen »Hilferuf«, verschleiere die mutmaßlich politische Dimension. »Keine Erkrankung verursacht Rassismus, schon gar keinen Anschlagsplan. Eine rassistische Ideologie hingegen schon«, so Mettler.

Essen verfügt seit langem auch über eine organisierte faschistische Szene. So war der Stadtteil Borbeck, in dem der 16jährige mit seiner Familie lebt, in den Nullerjahren als lokale Hochburg der NPD und freier Kameradschaften bekannt. Seit 2018 treten die »Steeler Jungs (FCC)«, zu denen neben Faschisten auch Hooligans und Rocker angehören, als eine Art Bürgerwehr mit regelmäßigen Patrouillen in der Ruhrmetropole in Erscheinung.

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