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Aus: Ausgabe vom 12.05.2022, Seite 16 / Sport
Boxen

Girly-Girl mit Punch

Bielefeld, Manchester, Berlin: Bantamgewichtlerin Michelle Klich aus dem Agon-Profistall will den EM-Gürtel
Von Oliver Rast
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Klare Sache, erster Gürtel: Klichs Sieg bei Internationaler Deutscher Meisterschaft (Berlin, 26.11.2021)

Sie wirkt einen Moment lang irritiert, ihre Augenbrauen huschen nach oben, die Mundwinkel zucken nach unten. Ups, falsche Frage, falscher Sport? Denn: »City oder ManU?«, fragt der jW-Reporter. Sie: »Man United.« Ausrufezeichen.

Gesprächsauftakt geglückt, Punkt geklärt. Warum? Michelle Klich ist im ostwestfälischen Bielefeld geboren. Ihr Vater war in der Britischen Rheinarmee im benachbarten Gütersloh stationiert, boxte dort im Militärteam. Nach dem Abzug der Truppen aus Deutschland zog die Familie ins frühere Industriezentrum der Insel, nach Manchester. 2004, da war Klich sechs Jahre alt. Eines der Kinder – Michelle, ihr älterer oder jüngerer Bruder – sollte in die Fußstapfen des Vaters treten. Die Brüder kickten lieber, Michelle raufte. Gegen Jungs austeilen, keiner Keilerei auf der Straße ausweichen, so war das, erinnert sich die 23jährige Bantamgewichtlerin (bis 53,5 Kilogramm). »Meine Mutter wollte einen Boxer, sie hat eine Boxerin gekriegt«, sagt sie und rückt dabei das fliederfarbene Handtuch über den Trägern ihres marineblauen Tanktops zurecht.

Wollen müssen

Es ist Dienstag nach Ostern, im Foyer eines Hotels in Potsdam, unweit des Olympiastützpunkts. Vor der großen Fensterfront ein Zweisitzer, zwei Schalensitze, ein Beistelltisch, alles farblich abgestimmt, hellbeige. Ein Ensemble im 70er Jahre Retrostyle mit granatrotem Teppich, Typ: Flokati. Dahinter freier Blick auf den Templiner See. Sonnenstrahlen spiegeln sich auf der glatten Wasseroberfläche. Alles scheint metallicgrau. Klich hat es sich in einer der Sitzschalen bequem gemacht, zeitweise baumeln ihre Unterschenkel über der Lehne, die weißen Badeschlappen schlackern taktvoll an ihre Fersen. Horst-Peter Strickrodt sitzt direkt daneben auf der Doppelgarnitur. Er ist Michelles Mentor und Trainer, nicht zuletzt Fachanwalt für Sportrecht, einer mit zahlreichen Professionen und Passionen im Boxsport.

Beide haben noch viel vor. Trotz Startschwierigkeiten. Als das Thema zur Sprache kommt, blitzt sofort der Schalk in Klichs Nacken auf: »Peter wollte mich zuerst nicht trainieren, ah, Scherz«, sagt sie und beugt sich seitlich zu Strickrodt. Beide schmunzeln, haben die Szene des Erstkontakts noch gut vor Augen. Strickrodt hat die Devise: »Die Athletin muss wollen, darf nicht von den Eltern zum Boxen gedrängt werden.« Zweifel waren anfangs da, die sind indes längst ausgeräumt. Talent, Potential, Perspektive, alles spreche für die junge Faustkämpferin, so der Hallenser, der auch dem Boxklub Gütersloh vorsteht.

In England war Klich bei den olympischen Boxerinnen in ihrer Gewichtsklasse bereits die Nummer eins. Streifte das Nationaldress über, holte Titel. Dann die Zäsur, familiär, sportlich. Rückkehr nach Ostwestfalen. Mit 19. Klich gibt zu: »Ich hatte mich zuerst geweigert, wollte nicht alles zurücklassen.« Letztlich ging sie mit, ihre Mutter hatte Heimweh. Keine leichte Zeit für Klich, oft hockte sie allein zu Hause. Ein Jahr hat sie gebraucht, um in der alt-neuen Umgebung Anschluss zu finden, anzukommen. »Ich fühlte mich echt wie eine Outsiderin«, sagt sie. Die Leute in Deutschland geben sich anders, kleiden sich anders, unterhalten sich anders. Mentalität, Habitus, nicht miteinander vergleichbar. Und dann auch das noch. Klich atmet tief ein, holt dann aus: »Waaas, Boooxen in einer Turnhalle für den Schulunterricht? Äh, geht’s noch?« Völlig ungewöhnlich. In England gibt es diese Art des urdeutschen Vereinswesens nicht. Boxsport findet in der Regel in privaten Gyms und Camps statt.

»Kill with kindness«

Neue Situation, neues Arrangement also – Klich: »Ich finde letztlich immer eine Lösung.« Oder: Mit »purem Willen« gehe fast alles. Im Hochleistungssport und überhaupt. Früher, als Amateurin, kam zum Willen Wut hinzu. Beinahe unbändige. »Vieles sah bei mir nach Straßenkampf im Ring aus.« Ohne Taktik ein schlagkräftiges Drauflos. Mehrmals habe sie dabei ihre »Coolness« verloren. Autogenes Training, Yogaübungen, das helfe, weiß Klich seit anderthalb Jahren, besonnen in der quadratischen Kampfzone aufzutreten. Kein Aggroschub mehr direkt vor dem Clinch? Klich überlegt zwei, drei Sekunden, streicht mit der linken Fingerspitze über den linken Nasenflügel: »Hm, ich bin als Profi echt chillig geworden.« Die Abgeklärtheit nimmt man ihr ab.

Professionell zu sein, heißt indes auch, einen Beruf zu erlernen. »Dir ist doch wohl bekannt«, grient Klich zum Reporter, bevor sie den Satz komplett ausgesprochen hat, »in Deutschland brauchst duuu eine anständige Ausbildung«. Ihr Berufswunsch: Sport- und Fitnesskauffrau. Obendrein: »Warning, warning!« – sie könne auch »richtig zickig« sein. Zuweilen, nicht oft, rutscht ihr die eine oder andere englische Vokabel durch, meist als Stilmittel, um ihre Aussagen zu verstärken. Als »Girly-Girl« sei sie »magic«, im Seilquadrat für die Kontrahentin schwer auszurechnen, mit ordentlich Punch in der Schlaghand. Ihr Credo: »Kill with kindness.« Mit Erfolg. Schon als Amateurin, als olympische Boxerin. Ihr Kampfrekord: 30 Fights, drei Niederlagen. Unter dem Strich: drei nationale Meisterschaften in England.

Mit Bodenhaftung

Schlüsselerlebnisse ändern eine Menge. Bei Klich war das nicht anders. Querelen um eine widerrechtlich angeordnete Coronaquarantäne beim Cologne Cup (Ex-Chemie-Pokal) Ende 2020 führten zum Bruch mit dem olympischen Deutschen Boxsportverband (DBV). Und eh – alles, was hinderlich ist, »muss weg«, sagt sie. Die Konsequenz aus dem Hickhack mit dem Verband: Laufbahnende in jungen Jahren oder ab zu den Profis. Die Entscheidung fiel nicht schwer.

Profi im Berliner Boxstall Agon Sports ist die 168 Zentimeter große Klich seit Februar 2021. Schlag auf Schlag folgten die ersten professionellen Kämpfe. Im November des vergangenen Jahres stand ihr vierter Profikampf auf dem Programmzettel. Duell um den vakanten Titel der Internationalen Deutschen Meisterschaft des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB). Klare Sache, erster Gürtel für Klich. Ein Etappensieg auf dem Weg eines »langfristigen Leistungsaufbaus«, wie Strickrodt sagt. Anfangs sei das Tempo hoch, die Sprünge nach vorne groß. Umso näher Athletinnen und Athleten an die Weltspitze rückten, um so geringer werde die Aufstiegsgeschwindigkeit, würden die Schritte kleiner.

Erste Zwischenbilanz, gefällig? Klich legt sich das Handtuch enger um den Hals, beugt ihren Oberkörper nach vorne: »Logo, nach fast anderthalb Jahren bei den Profis ist schon richtig viel passiert, ich bin mächtig stolz auf mich und auf das Erreichte.« Besteht die Gefahr, abzuheben, unnahbar zu werden? »Nicht doch! Ich bleibe das Mädchen von nebenan, bin als Michelle für alle ansprechbar.« Daran änderten höherer Bekanntheitsgrad und sportliche Triumphe nichts. Eine mit Bodenhaftung.

Und die nächste Entscheidung wartet schon: EM-Kampf gegen die Französin Delphine Mancini. Ursprünglich auf den 14. Mai in Gütersloh angesetzt, soll die Show nach überstandener Coronainfektion von Klich am 2. Juli in München steigen. Sie will gar keine Irritationen aufkommen lassen, den zweiten Gürtel. »Ich bin hundertprozentig sicher, ich gewinne.«

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