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Aus: Ausgabe vom 12.05.2022, Seite 15 / Medien
Pressefreiheit

»Bewaffnet mit einer Kamera«

Palästina: Al-Dschasira-Journalistin bei Berichterstattung über Razzia im Flüchtlingslager vermutlich von israelischen Soldaten erschossen
Von Gerrit Hoekman
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Trauer um eine weitere Tote, die Journalistin Schirin Abu Aqla, am Mittwoch in Nablus

Die bekannte und populäre palästinensische Korrespondentin Schirin Abu Aqla ist am frühen Mittwoch morgen vermutlich von israelischen Soldaten erschossen worden. Die 51jährige war gerade dabei, für den TV-Sender Al-Dschasira über eine Razzia der israelischen Armee im Flüchtlingslager Dschenin zu berichten, als sie von einer Kugel in den Kopf getroffen wurde. Das gab das palästinensische Gesundheitsministerium in Ramallah bekannt.

Ein Video, das Al-Dschasira am Mittwoch über seinen arabischsprachigen Kanal verbreitete, zeigt, wie die Journalistin mit dem Gesicht nach unten reglos auf dem Boden liegt. Sie trägt einen Stahlhelm und eine Schutzweste mit der deutlichen Aufschrift »Press«. Ihre verängstigte Kollegin Shatha Hanaischa, die hinter einem Busch Deckung sucht, kann die nur eine Armlänge entfernte Abu Aqla nicht erreichen, weil weitergeschossen wird. Es dauert mehrere Minuten, bis Abu Aqla aus der Schusslinie gebracht werden kann.

»Sie haben uns nicht gebeten zu gehen, und sie haben uns nicht gebeten, mit dem Filmen aufzuhören. Sie haben auf uns geschossen«, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch den Reporter der palästinensischen Tageszeitung Al Kuds, Ali Samudi. Er war gemeinsam mit Schirin Abu Aqla in einer Gruppe von Journalisten in Dschenin unterwegs. »Sie haben sie kaltblütig getötet«, berichtete Samudi geschockt. Ihm selbst wurde in den Rücken geschossen, er konnte sich aber noch in Sicherheit bringen. Aktuell liegt er in einem Krankenhaus. Alle Reporter hätten Schutzwesten und Helme getragen und seien deutlich als Medienvertreter zu erkennen gewesen.

Die unter Kollegen als besonnen geltende Schirin Abu Aqla lebte in Jerusalem. Sie hatte neben der palästinensischen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Seit 1997 berichtete sie für den arabischsprachigen Kanal des in Katar ansässigen TV-Senders Al-Dschasira über den Palästina-Konflikt. Der Sender sprach am Mittwoch morgen in einer über den Kanal verbreiteten Erklärung von einem »kaltblütigen, abscheulichen Verbrechen«. Es sei nicht das erste Mal, dass die kritische Berichterstattung von Al-Dschasira durch Israel angegriffen werde. Die bekannte palästinensische Politikerin Hanan Aschrawi nannte den Tod der Journalistin am Mittwoch bei Al-Dschasira eine »Hinrichtung«.

Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge beschuldigte der israelische Ministerpräsident Naftali Bennett am Mittwoch die palästinensische Seite. Nach Informationen, die Israel bisher gesammelt habe, sei es wahrscheinlich, dass bewaffnete Palästinenser – die zu diesem Zeitpunkt wahllos geschossen hätten – »für den unglücklichen Tod der Journalistin verantwortlich sind«.

Die israelischen Soldaten, die am frühen Mittwoch morgen auf der Suche nach »verdächtigen Terroristen« in das Flüchtlingslager eindrangen, stießen offenbar auf heftige Gegenwehr palästinensischer Kämpfer. Dschenin ist eine Hochburg des bewaffneten palästinensischen Widerstands gegen die israelische Besetzung. »Ich glaube nicht, dass wir sie getötet haben«, sagte auch Ran Kochav, Sprecher der israelischen Armee, laut der israelischen Tageszeitung Haaretz im öffentlich-rechtlichen Sender Kan. »Aber selbst wenn die Soldaten auf einen Unbeteiligten geschossen (…) hätten, so geschah das im Kampf, während eines Feuergefechts«, zitierte Times of Israel Kochav. »So etwas kann also passieren.« Die Journalistin hätte sich inmitten bewaffneter Palästinenser befunden. »Sie war mit einer Kamera bewaffnet, wenn Sie mir erlauben, das zu sagen.« Ihr ebenfalls verletzter Kollege Samudi betont hingegen, dass sich keine palästinensischen Kämpfer in ihrer Nähe befunden hätten.

In den vergangenen Wochen war es in Israel zu mehreren blutigen Anschlägen von Palästinensern gekommen. Seitdem unternimmt die israelische Armee fast täglich Razzien auf der Westbank. Dabei sterben regelmäßig Palästinenser durch israelische Kugeln. Während Abu Aqlas Leichnam unter riesiger Anteilnahme der Bevölkerung durch die Straßen von Dschenin getragen wurde, töteten israelische Soldaten in der Nähe von Ramallah einen 18jährigen, meldete die amtliche palästinensische Nachrichtenagentur WAFA.

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