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Aus: Ausgabe vom 11.05.2022, Seite 6 / Ausland
Kurzreportage

Erinnerung wachhalten

»Tag des Sieges«-Feierlichkeiten auf der Krim. Krieg in der Ukraine wenig spürbar
Von Franziska Lindner, Jalta
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»Unsterbliches Regiment«: Teilnehmer tragen am Montag in Sewastopol Porträts von Menschen, die im Großen Vaterländischen Krieg gekämpft haben

Es ist ein trüber Vormittag in Moskau. Der fünfspurige Autobahnring, MKAD, ist durch gleich zwei voneinander unabhängige Unfälle hoffnungslos verstopft. Die Zeit wird knapp, den Flughafen Moskau-Domodedowo rechtzeitig zu erreichen, um eine in diesen Zeiten unbequeme Reise auf die Krim anzutreten. Das finale Ziel ist die Stadt Jalta im Süden der Halbinsel. Aufgrund des Krieges ist der Flugverkehr weiträumig eingestellt worden. Betroffen sind neben Simferopol, der Hauptstadt der Krim, die Städte Rostow am Don, Krasnodar und Woronesch. Flüge über diese Orte werden umgeleitet.

Angriff Kiews befürchtet

Im Flughafen angekommen, hebt der Flieger gerade noch pünktlich zur ersten Zwischenstation nach Sotschi ab. Statt einer Flugzeit von gewöhnlich zwei Stunden dauert es nun vier – über Kasachstan, das Kaspische Meer und bei wolkenlosem Himmel über den wunderschönen Kaukasus. Sotschi, das russische Urlaubsparadies, ist schön hergerichtet. Das Schwarzmeerufer der Stadt wird am Abend zur Ausgehmeile, im Stadthafen liegen Luxusjachten.

Am nächsten Morgen zeigt sich die Stadt kalt und verregnet. Am Bahnhof herrscht helle Aufregung an den Sicherheitsschleusen, denn der vollständig ausgebuchte Zug nach Krasnodar fährt ein und soll in wenigen Minuten wieder abfahren. Mit 60 Kilometern pro Stunde tuckert der vollbesetzte Zug schließlich entlang der Schwarzmeerküste an Orten wie Golowinka und Schepsi sowie der Kreisstadt Tuapse vorbei. Dann geht es landeinwärts bis in die Hauptstadt der gleichnamigen Region Krasnodar.

Tagsüber startet von dort alle 30 Minuten ein Bus in die Stadt Kertsch. Die Fahrt dauert fünf bis sieben Stunden, das Ticket kostet 1.000 Rubel (etwa 14 Euro). Durch die Region Krasnodar, über die Krimbrücke hinweg in Kertsch angekommen, ist es bereits Nacht. Restaurants und Geschäfte schließen, ein Taxifahrer ist noch wach und bereit, mich noch dreieinhalb Stunden nach Jalta zu fahren.

Vom nicht weit entfernten Krieg in der Ukraine ist zunächst wenig zu spüren. Doch die Menschen reden viel über ihn, sie stellen Überlegungen an, wie lange er sich hinziehen wird und ob er für die Bewohner der Halbinsel gefährlich werden könnte. Der Taxifahrer berichtet zwar von Befürchtungen eines ukrainischen Angriffs auf die Krimbrücke, hält diese aber für eher unwahrscheinlich. Die Erleichterung der Menschen über die im März 2014 weitgehend friedvolle, international überwiegend nicht anerkannte Eingliederung der Republik Krim in die Russische Föderation ist spürbar.

Eine unmittelbare Folge des russischen Kriegseinsatzes für die Krim ist die Wiederherstellung einer umfänglichen Wasserversorgung durch die Flutung des Nordkrimkanals, der einst rund 85 Prozent des Bedarfs abdeckte. Dazu hatte die russische Armee gleich zu Beginn des Kriegseinsatzes am 24. Februar den von der Ukraine nach der Abspaltung der Halbinsel errichteten Blockadedamm im Dnjepr in der Region Cherson gesprengt. Seit 2014 hatte der Rückgang des von Bewässerung abhängigen Teils der landwirtschaftlichen Produktion rund 90 Prozent betragen.

Nach einem Monat der Wiederauffüllung wird das Dnjeprwasser seit April wieder für die Landwirtschaft verwendet. Die Sperrung des Nordkrimkanals hatte die Landwirte im Jahr 2014 dazu gezwungen, den Anbau von Reis, Sojabohnen und Mais vollständig aufzugeben und den von Sonnenblumen sowie anderen feuchtigkeitsliebenden Pflanzen deutlich zu reduzieren. Nun beginnt die Kultivierung erneut. Darüber hinaus soll die Krim Russland in wenigen Jahren mit verschiedenen Saatgutkulturen wie Zuckerrübensamen, Luzernen und Sojabohnen versorgen, deren Lieferung aus dem Ausland aufgrund der Sanktionen abrupt enden könnte.

Andächtig und ausgelassen

Indessen begehen die Menschen in Jalta am 9. Mai den 77. Jahrestag des Sieges über den Hitlerfaschismus. Bei 17 Grad Celsius und strahlendem Sonnenschein versammeln sich einige Tausende von jung bis alt zur Teilnahme am »Unsterblichen Regiment«. Ein Meer aus sowjetischen und russischen Fahnen sowie der »Flagge des Sieges« und die der Krim füllt die Uferpromenade. Unzählige Menschen tragen die Fotos ihrer Groß- und Urgroßeltern vor sich her, die Stimmung wechselt zwischen andächtig und ausgelassen, es herrscht große Eintracht.

Auf einer gewaltigen Bühne gratuliert die Bürgermeisterin Jaltas, Janina Pawlenko, allen Menschen zum »Tag des Sieges« und zieht Parallelen zwischen den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs und dem heutigen Konflikt in der Ukraine. Wie vor 77 Jahren sei man erneut mit einer Bedrohung durch den Nazismus konfrontiert. Man müsse immer an die Heldentat des sowjetischen Volkes erinnern, welches Europa vom Faschismus befreit hat, betont sie während in Deutschland die Mühlen des Geschichtsrevisionismus mahlen, um sich der deutschen Kriegsschuld zu entledigen.

Danach finden über mehrere Stunden Konzerte statt. Besungen wird das Ende des Großen Vaterländischen Krieges, wie der Kampf der Sowjetunion gegen Nazideutschland in Russland genannt wird, und das Leben. Am Abend beendet ein buntes Feuerwerk den ereignisreichen Feiertag.

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