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Aus: Ausgabe vom 10.05.2022, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Gesundheitswesen

Allein in der Schicht

Weder Personaluntergrenzen noch Entlastungstarifverträge: Bundesweit vernetzte Initiative klärt über Bedingungen in Notaufnahmen auf
Von Steve Hollasky
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In der aktuellen Auseinandersetzung um Entlastung an den Unikliniken in NRW geht es auch um die Arbeitsbedingungen in den Notaufnahmen (Düsseldorf, 7.5.2022)

Die Schilderungen der Aktivistinnen und Aktivisten von »Notaufnahmen retten« sind erschreckend. Während einer digitalen Pressekonferenz vor einer Woche beschrieben sie Fälle, in denen eine Notfallpflegekraft allein in der Nacht Dienst tat und zugleich zwei Menschen wiederbelebt werden mussten. In einem Fall gelang das tragischerweise nicht. Entstanden ist die Gruppe aus der Berliner Krankenhausbewegung. Diese hatte im letzten Jahr in einer monatelangen Auseinandersetzung Tarifverträge zur Entlastung in den Krankenhäusern Charité und Vivantes erkämpft. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) organisierte im Rahmen des Kampfes einen mehr als 30tägigen Streik der Pflegekräfte.

Genau hier setzt nun die Initiative »Notaufnahmen retten« an. Denn die Tarifverträge, die die enorme Überlastung des Pflegepersonals verringern sollen, finden in den Notaufnahmen der Kliniken keine Anwendung.

Aus der Unterbesetzung in den Rettungsstellen folgten schlimme Zustände für Personal und Patientinnen und Patienten, wie eine Studie der Initiative ergab, deren Ergebnisse sie bei der Pressekonferenz vorstellte. Unterstützt von Verdi befragte »Notaufnahmen retten« 400 Beschäftigte aus verschiedenen dieser Einrichtungen in Berlin. Das Beeindruckende sei die »Ähnlichkeit der Probleme« gewesen, die die Umfrage zutage gefördert hat, erklärte Lisa Einzmann von der Initiative am vergangenen Donnerstag im Gespräch mit jW. So hätten 82 Prozent der Befragten angegeben, in den letzten zwölf Monaten »regelmäßig« an die persönliche Belastungsgrenze geraten zu sein. Nicht weniger als 50 Prozent hätten erklärt, dies in jedem zweiten Dienst zu erleben.

Selbst Übergriffe auf Helfende scheinen an der Tagesordnung zu sein, wie die Antworten darlegten. Lediglich sechs Prozent der Befragten gaben an, keine sexualisierte, verbale oder physische Gewalt während ihrer Dienste erlebt zu haben. Für 93 Prozent der Befragten war klar, dass unter diesen Umständen Gefahr für Leib und Leben der Patientinnen und Patienten bestehe. Und nur 17 Prozent der Befragten konnte sich vorstellen, unter diesen Bedingungen weiterhin im Beruf zu bleiben.

In der Pflege gehe es allen »gleich schlecht«, betonte Einzmann. Im Falle der Notaufnahmen käme erschwerend hinzu, dass weder die Entlastungstarifverträge noch die gesetzlichen Personaluntergrenzen gelten. Insbesondere die letztgenannten werden von Pflegenden häufig als absolut unzureichend kritisiert. Da die Abteilungen für Unfallopfer aber nicht als pflegesensible Bereiche gelten, kommt dort selbst dieses schwache Instrument nicht zur Anwendung. So gebe es Nachtschichten in Notaufnahmen, in denen Pflegekräfte allein sind. Entsprechend sei auch der psychische Druck enorm. »Wir treffen wichtige Entscheidungen«, erklärte Einzmann, »an denen mitunter das Leben von Menschen hängt.«

Die inzwischen bundesweit vernetzte Initiative will nun einerseits mit einer Petition auf dem Portal Change.org auf die Situation aufmerksam machen. Dort verlangen die Aktivistinnen und Aktivisten unter anderem einen Pflegeschlüssel von 1:4 und die »verpflichtende Anwesenheit von mindestens einer weitergebildeten Notfallfachpflegekraft«. Die Petition ist bereits von mehr als 12.000 Menschen unterschrieben worden.

Andererseits versucht die Initiative, ihre Forderungen an die Politik heranzutragen, so stehe man auch mit der von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach einberufenen Krankenhauskommission in Verbindung. Ob diese wirklich das Wohl der Pflegenden im Blick hat, ist jedoch mehr als zweifelhaft. So hat Lauterbach auch klare Befürworter weiterer Klinikschließungen in den Arbeitskreis berufen. Einzmann zeigte sich gegenüber jW ebenfalls eher skeptisch. Das weitere Vorgehen der Initiative »Notaufnahmen retten« werde auch davon abhängen, ob die Politik nun halte, was sie versprochen habe, so Einzmann weiter. Insbesondere ältere Kollegen fühlten sich inzwischen oft »verarscht«.

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