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Aus: Ausgabe vom 10.05.2022, Seite 12 / Thema
Klassengesellschaft BRD

Herrschaft der 300.000

Vorabdruck. Wer gehört in Deutschland eigentlich zur Bourgeoisie? Zur Zusammensetzung der Kapitaleigner in der Bundesrepublik
Von Jürgen Leibiger
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Das deutsche Kapital ist nach wie vor zu großen Teilen familiendominiert. Während die meisten Oligarchen traditionell das Licht der Öffentlichkeit scheuen, inszenieren sich andere um so mehr – Trigema-Chef Wolfgang Grupp, mit einem Vermögen von geschätzt 100 Millionen Euro unter den Superreichen eher ein kleiner Fisch (Burladingen, 12.3.2018)

In diesen Tagen erscheint im Münsteraner Verlag Westfälisches Dampfboot Jürgen ­Leibigers Buch »Eigentum im 21. Jahrhundert. Metamorphosen, Transformationen, Revolutionen«. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Die heutige Struktur der Anteilseigner der Kapitalunternehmen ist im Vergleich zum 20. Jahrhundert wesentlich komplexer und vielfältiger geworden. Dazu hat beigetragen, dass sich mit der Entwicklung der Aktien- und Fondsvermögen eine gewisse Verbreiterung des formalen Eigentums vollzogen hat. Sie ist verbunden mit einem häufigen Händewechsel der Anteilspapiere, der in Bruchteilen einer Sekunde vollzogen werden kann. Werden Beschäftigte einer Firma gefragt, ob sie wüssten, wem diese gehört, antworten sie nicht selten mit einem Schulterzucken. Manchmal wird deshalb auch von einem »anonymen Kapitaleigentum« gesprochen. Die Komplexität ist auch dem Umstand geschuldet, dass mit der Finanzialisierung das Eigentum »mehrstufig« geworden ist.

Zwischen die formalen Anteilseigner und dem Eigentumsobjekt sind verschiedene, häufig wechselnde Akteure getreten. Dax-Konzerne »gehörten« vor seiner Erweiterung im Herbst 2021 zu etwa zehn Prozent dem US-amerikanischen Finanzinvestor Blackrock. Aber Blackrock gehört selbst wieder anderen Eignern, und das von ihm angelegte Kapital ist nur verwaltetes Fremdkapital, zu dem beispielsweise auch Pensionsfonds gehören. Diese verfügen natürlich auch über Eigenkapital, agieren aber auf der Grundlage der eingezahlten Prämien der Versicherten. Wie kümmerlich nehmen sich die Lehnsstufen im Feudalismus gegenüber diesen horizontalen und vertikalen Verschachtelungen des Eigentums aus! Hinzu kommt die Internationalisierung, mit der eine weitere Anonymisierung verbunden ist.

Namen und Adressen

Trotzdem sind es letztlich konkrete soziale Akteure, natürliche Personen, die in Gruppen, Schichten und Klassen über Eigentum verfügen und Verfügungs- und Aneignungsmacht ausüben. Diese Machtausübung durch natürliche Wirtschaftssubjekte ist hinter den Institutionen verborgen, für die sie tätig sind oder bei denen sie Anteile haben, und sie wird durch die Rede von der »Macht der Märkte« weiter verschleiert. Dies gilt auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass auch die machtvollsten Agenten des Kapitals dem Wirken ökonomischer Gesetze unterworfen sind.

Ein paar repräsentative Untersuchungen bringen wenigstens etwas Licht ins Dunkel dieser Strukturen. So zeigt eine Analyse von fast 9.000 mittleren und Großunternehmen (davon 2.247 börsennotierte und 6.694 andere private Unternehmen) aus dem Jahr 2013 die Verteilung der Kapitalanteile der verschiedenen Eigentümerkategorien. Den größten Anteil am Kapital (57,2 Prozent) haben teils anonyme, teils namentlich bekannte direkte Eigentümer. Vor allem die Gründerfamilien und Manager sind als Privatpersonen identifizierbar. Ein durchaus nicht geringer Kapitalanteil entfällt auf juristische Personen wie institutionelle Anleger, Venture-Capital und Private Equity sowie andere Unternehmen, deren Eigentümer ihrerseits nur indirekt über dieses Kapital verfügen. Der Anteil des Staates in Gestalt von Gebietskörperschaften ist trotz der Privatisierungsorgien der letzten Jahrzehnte keinesfalls gering. Nur knapp zwölf Prozent befinden sich in Streubesitz. Dabei handelt es sich zumeist um nur relativ kleine Anteile, aus denen sich keine nennenswerte Verfügungs- und Aneignungsmacht ergibt. Dieser Anteil ist etwa genausohoch wie der von Angehörigen des Managements, die neben ihren Eigentumsanteilen allein infolge ihrer funktionalen Stellung zentrale Positionen im Komplex der Verfügungs- und Aneignungsmacht einnehmen. Obwohl sie trotz ihrer Anteile formal abhängig Beschäftigte sind – an Anweisungen der Eigentümer oder deren Vertreter gebunden und im Extremfall kündbar – stehen sie in ihrem Einfluss den dominierenden Eigentümern in den Gründerfamilien nur wenig nach. Bei vielen operativen Entscheidungen genießen sie weitgehend freie Hand.

Die Wirtschaft Deutschlands wird oft als vom Mittelstand geprägt gekennzeichnet. Besonders die Interessenvertreter der Familienunternehmen betrachten es als moralischen Vorzug, dass bei ihnen eine »Einheit von Eigentum und Leitung« oder auch eine »Einheit von Risiko und Haftung« besteht, »da der Unternehmer mit seinem eigenen Kapital für betriebswirtschaftliche Entscheidungen aufkommt«, so die Stiftung Familienunternehmen. In der Tat gelten diese Merkmale für die allergrößte Zahl der unter diesem Begriff zusammengefassten Unternehmen. Von allen Unternehmen Deutschlands gehören 90 Prozent zu den »familienkontrollierten Unternehmen«, das heißt, eine Familie, oft die Gründerfamilie, verfügt über maßgebliche Anteile an der Firma. Eigentümergeführte Unternehmen machen 86 Prozent des Unternehmensbestands aus. Um diese Zahlen einordnen zu können, muss die Betriebsgrößenstruktur herangezogen werden. Die allermeisten dieser Unternehmen gehören zu Kleinst- und Kleinunternehmen, bei denen die Merkmale »Einheit von Eigentum und Leitung« und »Einheit von Risiko und Haftung« in der Tat oft zutreffen. Bei allen größeren Unternehmen trifft das kaum zu; sie weisen in der Regel eine Rechtsform mit beschränkter Haftung auf und riskieren natürlich auch fremdes Kapital.

Konstant durch alle Krisen

Die jährlich veröffentlichte Reichenliste des Manager-Magazins mit tausend Positionen listet die reichsten Personen und Familien auf (in der überwiegenden Zahl sind sie Firmeninhaber), die den genannten moralischen Vorzug für sich in Anspruch nehmen. Aber auch ihr Reichtum beruht auf der Ausbeutung fremder Arbeit und natürlich auch auf dem Anteilskapital familienfremder Anleger. Davon abgesehen ist es zumeist ererbter Reichtum. Das Geschäftseigentum der 700 reichsten Familien in Deutschland beruht auf der Vererbung von Firmen, die zu knapp einer Hälfte vor 1918 und zu einem Viertel zwischen 1918 und 1950 gegründet wurden. Revolutionen, Krisen und verlorene Kriege haben dem Kern ihres Eigentums nichts anhaben können. »Das Reich zerfiel, die Reichen blieben« betitelte 1974 der seinerzeit bekannte Schriftsteller Bernt Engelmann eine Analyse von 400 großen alten Vermögen.

Aktiengesellschaften und Kommanditgesellschaften auf Aktien sind neben den absolut dominierenden GmbHs eine der wichtigsten Formen von Gesellschaftskapital. Bis Anfang der 1990er Jahre existierten davon weniger als 3.000. Danach explodierte diese Zahl in kurzer Zeit auf über 16.000. Im Gefolge der Krisen und des Konzentrationsgeschehens reduzierte sich diese Zahl zwar wieder auf inzwischen weniger als die Hälfte, trotzdem bleibt das ein starkes Wachstum in den letzten 30 Jahren.

Bezüglich der börsennotierten Aktiengesellschaften hat die Bundesbank eine Analyse der Eigentümerstrukturen für das Jahr 2014 vorgelegt. Auffällig sind hier der hohe und wachsende Anteil ausländischer Eigner und die Tatsache, dass der Anteil von Finanzinvestoren keineswegs durchgängig dominiert. Bei den kleineren Gesellschaften haben private Haushalte eine weit größere Bedeutung als bei den größeren Aktiengesellschaften. Bei diesen spielen ausländische Kapitalanleger eine weit größere Rolle. Allerdings wird auch hier nur die alleroberste Ebene von Eigentumsverhältnissen erfasst; tiefere Ebenen, wie zum Beispiel die Anteilseigner der institutionellen Investoren, sind nicht abgebildet.

Detailliertere Angaben über die konkreten Eigentumsverhältnisse finden sich auch in den Gutachten der Monopolkommission für die 100 größten Unternehmen, zumeist Konzerne mit mehreren Töchtern und Beteiligungen. Bei der hinsichtlich ihres Umsatzes größten Gruppe der Unternehmen befindet sich die Mehrheit der Besitzanteile in Streubesitz. Unter diesen Umständen ist ein in quantitativer Hinsicht relativ kleiner Kapitalanteil ausreichend, um die reale Verfügungsmacht über ein Unternehmen auszuüben. Diese Macht liegt entweder bei Finanzunternehmen, die über Vertretungsvollmachten (Depotstimmrecht und andere Vertretungsformen) verfügen, oder beim Spitzenmanagement und dem Aufsichtsrat. Bei immerhin einem Viertel der hier untersuchten Unternehmen liegt die absolute Mehrheit der Besitzanteile in den Händen von Einzelpersonen oder Familien.

In all diesen Tableaus der Eigentümerstruktur zeigt sich einerseits die Trennung des Kapitaleigentums von der Kapitalfunktion als der realen Durchsetzung von Verfügungsmacht. Es zeigt sich auch, in welch hohem Maße es zu einer privaten Verfügung über fremdes Eigentum kommt. Gesellschaftseigentum wird der privaten Verfügung unterworfen, oder wie Marx es formulierte: »Es ist die Aufhebung des Kapitals als Privateigentum innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise (…) (und ein) Übergangspunkt zu einer neuen Produktionsform«. Mit dieser Entwicklung sahen manche Schriftsteller einen »Volkskapitalismus«, andere den »Managerkapitalismus« heraufziehen, und sogar heutige Wissenschaftler fallen auf diesen Schein herein. So konstatierte der als linksliberal geltende Robert Reich: »Tatsache ist, dass die meisten von uns Verbraucher und Anleger sind und als solche immens vom Superkapitalismus profitieren«.

Schein der Demokratisierung

Auch unter Berücksichtigung dessen, dass in den USA das Aktien- und Fondsvermögen wegen des Zwangs zur vorwiegend privaten Vorsorge in der Tat eine weit höhere Bedeutung als in Deutschland hat, ist das eine oberflächliche Einschätzung. Der wurde auch hierzulande dadurch Vorschub geleistet, dass der Aktienbesitz zunächst tatsächlich einer immer breiteren Streuung unterlag und selbst Kleinaktionäre wähnten, real über Kapitaleigentum zu verfügen. Anfang der 1950er Jahre befanden sich in der Bundesrepublik die Aktienbestände zu immerhin fast 50 Prozent (6,8 von 14,4 Milliarden DM) im Besitz der privaten, natürlich vor allem der vermögenden Haushalte. Das ist auf den ersten Blick eine erhebliche Streuung. Aber die große Zahl von Aktionären macht nicht deutlich, dass die überwiegende Mehrheit der Aktieninhaber nur geringste Anteile besitzt, während die großen Pakete sich im Besitz von Hochvermögenden befinden. Es entsteht zwar der Schein einer Demokratisierung des Kapitaleigentums. Aber sie kettet den Aktieninhaber an das Kapitalinteresse und verstärkt den Effekt der Aneignungs- und Verfügungsmacht über fremdes Eigentum durch Großaktionäre wie Banken und Fonds – hinter denen wiederum natürliche Eigentümer stehen – sowie Kapitalfunktionäre.

Die Zahl der Aktien- und Fondsinhaber unterliegt starken Schwankungen; 2020 sind in Deutschland 12,4 Millionen Bürger am Aktienmarkt engagiert, das sind 17,5 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahre. Wie beim Gesamtvermögen konzentrieren sich auch dieser Wertpapierbesitz und das Betriebsvermögen vor allem bei den Reichsten dieser Gesellschaft, den Hochvermögenden. Die Frage nach der realen Verfügungs- und Aneignungsmacht muss also differenziert beantwortet werden. Bei einer großen Streuung der formalen Eigentumstitel ist der Einfluss der einzelnen Aktionäre sehr gering. Die Machtposition von Vorstand und Aufsichts- bzw. Verwaltungsrat wächst dadurch. Sie verfügen faktisch wie Eigentümer über solche Gesellschaften. Ihre Macht und ihr Informationsvorsprung vor den Anteilseignern erlaubt es ihnen, selbst in Vertreterversammlungen zu dominieren.

Diese Asymmetrie verschiebt sich, sobald bei einer ansonsten starken Streuung sich größere Anteilspakete in einer Hand befinden. Das kann der Fall sein, wenn zum Beispiel eine Familie oder ein Finanzunternehmen über ein solches Paket verfügt, dass Entscheidungen gegen ihre Interessen nicht möglich sind. Viele Anteilseigner delegieren ihre Stimmrechte an Finanzunternehmen und lassen sich vertreten. Zwischen die formalen Eigentümer und der tatsächlich ausgeübten Verfügungsmacht tritt dann eine weitere Instanz mit eigenen Interessen. Millionen von Sparern sowie kleine und mittlere Geldvermögensbesitzer, jene atomisierte Mehrheit kleinster Eigentümer, sind von der realen Verfügung über ihr Eigentum getrennt. Es verleiht ihnen zwar noch das Recht auf einen gewissen Profitanteil, und sie können darüber entscheiden, wer die anderen Rechte geltend macht, aber nicht mehr darüber, wie sie wahrgenommen werden. Es ist eine spezifische Enteignungsform der breiten Masse der Bevölkerung zugunsten der Kapitaleliten.

John M. Keynes mutmaßte 1936, die Wirtschaft erreiche allmählich einen Zustand, der mit einem »sanften Tod des Rentiers (worunter er die funktionslosen Investoren verstand – J. L.) (…) und dem sanften Tod der kumulativen niederdrückenden Macht des Kapitalisten« einhergehe. Die wirkliche Entwicklung gab ihm – selbst für die heutige Zeit mit niedrigsten Zinsen – nicht recht, und Christoph Deutschmann stellte in einer Auseinandersetzung mit dieser These fest, dass »auf politischer Ebene eine Entwicklung ein(setzte), die auf das genaue Gegenteil der von Keynes angestrebten ›Euthanasie des Rentiers‹ hinauslief. Die Rentiers ließen sich nicht einschläfern. Aufgeschreckt durch die Stagflationskrise der 1970er Jahre, begannen sie vielmehr, ihre Macht auf internationaler Ebene neu zu organisieren, und errichteten ein hegemoniales Regime, von dem Keynes sich nichts hätte träumen lassen«.

Mit diesem neuen Regime, dem neoliberalen, finanzialisierten Kapitalismus, begann sich die oberste Schicht der Vermögenden wieder stärker als noch vor einigen Jahrzehnten vom Durchschnitt der Gesellschaft abzusetzen. Thomas Piketty hat in seinen Studien nachgezeichnet, wie die Einkommens- und Vermögensschere sich nach einer langen Phase der Schließung ab Mitte der 1970er Jahre wieder zu öffnen begann. Ihre Einkommen bezieht diese Schicht aus weit überdurchschnittlichen Erwerbseinkünften und den Erträgen sehr hoher Geld- und Kapitalvermögen. Bei den obersten zehn Prozent konzentrieren sich zwischen 56 und 66 Prozent aller Privatvermögen; und sie sind zugleich jene Gruppe mit den höchsten Erwerbseinkommen. Obwohl der größte Teil ihrer Immobilien selbst genutzt ist, erhalten sie aus nicht selbst genutzten Immobilien Mieten und Pachten, als Aktien- und Fondsinhaber erzielen sie Dividenden und andere Formen von Renditen sowie Kursgewinne, als Geldvermögensbesitzer erhalten sie Zinsen, und als Eigentümer von Betriebskapital nehmen sie Ausschüttungen vor und tätigen Entnahmen.

Um die wirklich hochvermögende und herrschende Spitzengruppe zu identifizieren, muss selbst das oberste Zehntel in seiner inneren Differenzierung betrachtet werden. Das durchschnittliche Vermögen der Millionäre beträgt mehr als drei Millionen Euro, wovon ein gewisser Teil auf selbstgenutztes Wohneigentum entfällt und die häufig private Alterssicherung – anders als die gesetzliche, umlagefinanzierte Rentenversicherung – ebenfalls ein Vermögensbestandteil ist. Diese Gruppe bezieht im Verhältnis zum Bevölkerungsdurchschnitt fast das sechsfache Einkommen und verfügt über ein 20faches Bruttovermögen. Selbst im Vergleich zu den übrigen Wohlhabenden sind die Unterschiede gravierend. Bei den nicht selbst genutzten Immobilien verfügen sie über ein mehr als 15faches Vermögen, beim Betriebsvermögen beträgt dieser Faktor 90 und beim Geldvermögen sechs.

Tausend Oligarchen

Obwohl in dieser Gruppe auch Rentenbeziehende und Privatiers vertreten sind, handelt es sich zu einem großen Teil um Selbständige und Unternehmer, bei denen ererbtes Vermögen eine überdurchschnittlich große Rolle spielt. Auch wenn ihr Vermögen zum Teil der Altersvorsorge dient, die sie in der Regel privat betreiben, macht das Produktivvermögen, bestehend aus Betriebs- und nicht selbst genutztem Immobilienvermögen, etwa zwei Drittel ihres Bruttovermögens aus. Damit ist eine direkt und persönlich ausgeübte wirtschaftliche Macht verbunden. Zu dieser Gruppe gehören auch die 1.000 reichsten Deutschen. Die oberste Schicht der herrschenden Klasse wird deutlich mehr als diese 1.000, aber weniger als die Zahl der Millionäre oder die 1,3 Millionen Personen ausmachen, die zum Beispiel Stephan Krüger zu den Kapitalisten zählt. Sie ist dadurch charakterisiert, dass sie sehr reich ist, dass ihr Produktiv- und Geldvermögen den größten Anteil an ihrem Vermögen ausmacht und dass sie nicht nur innerhalb ihrer Firmen, die sowohl zum finanziellen wie zum nicht-finanziellen Sektor gehören, sondern weit darüber hinaus an der aktiven Machtausübung in der Gesellschaft auch ohne eine formale Position in Legislative, Exekutive oder Judikative innezuhaben, beteiligt ist.

Diese Konzentration des Eigentums an Produktionsmitteln und hohen Geldvermögen bei den Millionären, einer kleinen Schicht von nur wenig mehr als einem Prozent der Bevölkerung, verweist darauf, dass die Klassenspaltung in Kapitaleigner, abhängige Lohnarbeiter und diverse andere Klassen und Schichten nach wie vor fortbesteht. Allein die namentlich erfassten 1.000 reichsten Deutschen bzw. Familienclans verfügten im Jahr 2017 laut Manager-Magazin über fast eine Billion Euro an Vermögen, das sind 6,6 Prozent des Vermögens aller privaten Haushalte. Als reichste Familie aus dieser Gruppe der Superreichen verfügt die Familie Reimann über 35 Milliarden Euro, die »ärmste« über immerhin noch 100 Millionen Euro Vermögen.

Die ursprüngliche Quelle ihrer Vermögen liegt zu 35 Prozent in Erbschaften oder Schenkungen der Eltern und zu 40 Prozent in ihrer Selbständigkeit bzw. Unternehmertätigkeit. Das heißt, dass die Geldelite des Landes zwar nicht ausschließlich, aber doch in hohem Maße zugleich Verfügungsmacht über das Produktivvermögen der Gesellschaft ausübt. Die Liste der 1.000 reichsten Deutschen nimmt sich denn auch wie ein »Who is who« der größten deutschen Konzern- und Familienunternehmen aus. Diese Konzentration des Reichtums ist übrigens keine Besonderheit Deutschlands. Nach den 2020 von Oxfam veröffentlichten Zahlen besitzt die Gruppe der Dollar-Milliardäre – sie besteht aus reichlich 2.000 Menschen – genausoviel wie 60 Prozent der Weltbevölkerung.

Abgeschlossener Zirkel

In die Schicht der obersten Kapitalelite können selbst Wohlhabende nur noch schwer aufsteigen. Die jüngsten Analysen über die soziale Mobilität zwischen den Schichten besagen, dass es zwar Abstiege aus den unteren Mittelschichten und Aufstiege in die Gruppe der Wohlhabenden (die oberen zehn Prozent) gibt, die Gruppe der Allerreichsten, das oberste eine Prozent aber ein ziemlich geschlossener Zirkel ist. Es kommt zu einer sozialen Abschottung einer sich selbst reproduzierenden, in sich abgeschlossenen Kapitalelite. Die Macht dieser Gruppe und ihrer Funktionäre drückt sich nicht nur in der hohen Konzentration von Produktiv- und Geldvermögen aus, sondern auch in ihrem Informationsmonopol, ihrer enormen Marktmacht, in der Verfügung über finanzielle, personelle und informelle Netzwerke, ihrem privilegierten Zugang zum Staat und dessen Beeinflussung sowie ihrem Erpressungspotential (too big to fail, opting out) aus.

Gegenüber dieser Machtkonzentration bleiben die Mitbestimmungsgesetze, die staatlichen Gesetze und Regulierungen und auch die freiwilligen Bestimmungen einer Good Corporate Governance zwar nicht unwichtig, aber doch sekundär. Thomas Piketty spricht in diesem Zusammenhang von einer »oligarchischen Divergenz«, von einem »dynastischen Typ« und der Rückkehr eines »patrimonialen Kapitalismus«. Gelegentlich wird sogar von einer Refeudalisierung gesprochen. Der Elitenforscher Hans Jürgen Krysmanski bezeichnete dieses Netzwerk in Anlehnung an den Begriff vom Militärisch-Industriellen Komplex als »Geldmachtkomplex«. Solche elitären Kreise verkörpern als Großeigentümer der Konzerne im realen und Finanzbereich gemeinsam mit deren Führungselite auch ohne absolutes Mehrheitseigentum jene Schicht der herrschenden Klasse mit realer Verfügungs- und Aneignungsmacht, deren Entscheidungen und Handlungen heute das wirtschaftliche Leben wesentlich beeinflussen. Die Konkurrenz herrscht auch ihnen die Gesetze der Kapitalverwertung auf, aber ihre Macht verschafft ihnen in diesem Rahmen einen einzigartig großen Spielraum.

Diese Schicht bezeichne ich als Finanzoligarchie. Als Oligarchie wird im allgemeinen eine Schicht oder Gruppe bezeichnet, die aufgrund ihres Reichtums eine herrschende Stellung einnimmt und sich dabei nicht unbedingt an die üblich geltenden Regeln hält und den Inhalt von Gesetzen im Eigeninteresse sogar beeinflusst. Wegen dieses Inhalts des Oligarchiebegriffs findet er in den Mainstreammedien kaum Verwendung. Dort wird eher vom zumeist positiv besetzten, mit einer besonders hohen Leistungsfähigkeit verbundenen Begriff der »Elite« und von »Finanzelite« gesprochen. Aufgrund dieser Assoziation wird dieser Begriff dem wirklichen Charakter dieser Gruppe jedoch kaum gerecht.

Reale Verfügungsmacht

Eine frühe Verwendung des Oligarchiebegriffs in der Kapitalismusanalyse findet sich 1877 bei Marx, der in einem Brief an Engels von einer »associated capital Oligarchie« in den USA schreibt. Die damals übliche Verwendung von »Oligarchie« bezog sich eher auf die alte Aristokratie, denn auf eine bestimmte Gruppe von Kapitalisten. Marx terminiert in seinem Brief die Entstehung dieser Kapitaloligarchie auf die Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Der Begriff lag also durchaus in der Luft, als ihn Rudolf Hilferding 1910 in die Diskussion einbrachte und »Kapitaloligarchie« synonym mit der Herrschaft von Kapitalmagnaten verwendete. »Finanzoligarchie« wurde erstmals von Lysis (= Eugene Letailleur) 1908 als Titel einer kritischen Schrift (»Contre l’oligarchie financière en France«) geprägt. Von ihm hat ihn wohl dann Lenin in seinem Werk über den Imperialismus übernommen. Damit sollte jene besondere Schicht innerhalb der Kapitalistenklasse charakterisiert werden, in der sich das Finanzkapital konkret personifiziert, von der es also repräsentiert wird.

Bei den Angehörigen der Finanzoligarchie verbindet sich ein überdurchschnittliches, extrem hohes Eigentum an Geldvermögen mit der realen Verfügungs- und Aneignungsmacht in der Real- und Finanzsphäre. Das heißt, Reichtum allein ist kein Merkmal der Angehörigen der Finanzoligarchie. Nur dort, wo er mit Verfügungs- und Aneignungsmacht gepaart ist, gehören diese dazu. Verfügungs- und Aneignungsmacht ist zwar in ihrem Kern, aber nicht ausschließlich an das Eigentum von Produktiv- und Geldvermögen gebunden. Daneben existieren Akteure, wie Spitzenmanager, Berater oder Kapitalvermittler sowie politische Interessenvertreter in Verbänden und in der Politik, die in Teilen ebenfalls zu dieser Oligarchie gehören können. Im Zusammenhang mit der Finanzialisierung entwickelte sich eine Professionalisierung im Bereich der Anlagestrategien und der Verwaltung von Finanzanlagen, und es bildete sich eine »Dienstklasse des Finanzmarktkapitalismus« (Paul Windolf) heraus.

Der Soziologe Hannes Wienold geht von etwa 300.000 Personen aus, die in Deutschland zur »Bourgeoisie« gerechnet werden können. Von ihnen sind circa zwei Drittel Eigentümer und etwa ein Drittel Angestellte. »Aus dem breiten Sockel beider Teile erheben sich die Spitzen von wenigen Tausend- oder Hundertschaften, die in den höchsten Stockwerken des hoch konzentrierten und zentralisierten Kapitals regieren. Dies sind die Eliten der Bourgeoisie«. Die Finanzoligarchie bildet den machtvollen, inneren Herrschaftskern einer Gesamtheit von verschiedenen Gruppen der herrschenden Klasse.

Jürgen Leibiger: Eigentum im 21. Jahrhundert. Metamorphosen, Transformationen, Revolutionen. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2022, 381 Seiten, 38 Euro.

Jürgen Leibiger ist studierter Mathematiker und war als Dozent für politische Ökonomie an der TU Dresden tätig. Er sitzt im Beirat von Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung.

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