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Aus: Ausgabe vom 10.05.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Was geschah in Tadamon?

Auf Spurensuche

Syrien: Einwohner Tadamons machen Opposition für Massaker verantwortlich
Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Im Januar 2014 verlief die Frontlinie zwischen syrischer Armee und dschihadistischen Gruppen bei Tadamon

Tadamon ist ein Stadtviertel im Süden von Damaskus. Wie im benachbarten Ortsteil Jarmuk gab es vor dem Krieg auch hier eine große palästinensische Bevölkerung. Im Westen wird Tadamon von Jarmuk durch die Palästinastraße getrennt. Die südliche Spitze grenzt an Babila und Yalda. Im Norden, Richtung Stadtzentrum, liegen die Viertel Al-Zahera und Al-Midan.

S.*, die aus Tadamon stammt, hat das Video, in dem ein Mann offenbar unbewaffnete Zivilisten erschießt und über das US-Außenamtssprecher Edward Price Ende April auf einer Pressekonferenz gesprochen hat, auf Facebook gesehen. In Damaskus berichtet sie, dass der Täter aus Suweida stamme. Sie bezeichnet ihn als »Daesch«, als jemand, der der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« angehört. Das habe sie von anderen Bewohnern des Viertels gehört. Sie habe zwar auch von einem Massaker in Tadamon gehört, war aber 2013, als es stattgefunden haben soll, wie die meisten Menschen des Ortes längst geflohen. Als Grund für ihre Flucht gibt S. an, dass der Ortsteil ab 2012 von oppositionellen Rebellen kontrolliert worden sei. Die Bewaffneten seien »Fremde aus Daraa« gewesen.

Auch M.*, die ebenfalls aus Tadamon stammt, hat von einem Massaker gehört. Die Leute erzählten, dass die oppositionellen Rebellen ein Massaker begangen hätten. Möglich sei das, weil sie seit 2012 den Ort kontrolliert hätten. M. berichtet, ihr Vater, der am Flughafen gearbeitet habe, sei kurz nach ihrer Flucht im Sommer 2012 nach Tadamon zurückgekehrt. Er wollte prüfen, ob die Wohnung der Familie noch in Ordnung war, ob etwas gestohlen oder zerstört worden war. Als der Vater in die Wohnung kam, sei ein Nachbar mit fremden jungen Männern aufgetaucht. Sie hätten ihren Vater beschuldigt, für den syrischen Geheimdienst zu arbeiten, und einer von ihnen habe ihm von hinten in den Rücken geschossen und ihn umgebracht. Das habe der Nachbar der Familie später gesagt. Die Familie weiß jedoch nicht, ob das stimmt. Vielleicht habe der Nachbar eine ganz andere Rolle gespielt. Der Vater sei nie zurückgekehrt, der Leichnam nie gefunden worden. Auch M. berichtet, dass die Bewohner von Tadamon 2012 vor den bewaffneten Rebellen geflohen seien und dass die syrische Armee den Ort gar nicht erreichen konnte.

Auch der ehemalige Polizeioffizier und Arzt M.* aus Damaskus hat sich das Video über das Massaker in Tadamon angesehen. »Nichts lässt sich in Damaskus verbergen«, sagt er und weist auf Ungereimtheiten hin. Tadamon sei ein Ortsteil innerhalb der Hauptstadt und die Bevölkerung sehr gemischt. Es stellt sich die Frage, warum die bewaffnete Opposition, die sich damals in der Offensive befand, nicht auf dieses Massaker reagierte?

Wie könne es sein, dass das Video – das Angaben zufolge schon 2019 vorgelegen hatte – drei Jahre lang nicht veröffentlicht wurde, fragt M. Der Täter in dem Video sei aller Wahrscheinlichkeit nach Unteroffizier gewesen. In dem Rang habe er jedoch weder Auftrag noch Befugnis gehabt, Zivilisten zu töten. Selbst wenn er persönlich hätte Rache nehmen wollen, sei es sehr unwahrscheinlich, dass keiner seiner Vorgesetzten von seinem Verhalten erfuhr. Er sei im April 2013 in einer Polizeistation am Al-Marjah-Platz eingesetzt gewesen, nicht weit von Tadamon entfernt. Viele seiner Kollegen seien Bewohner aus Tadamon gewesen und Nachrichten hätten sich damals in Windeseile verbreitet. Von einem Massaker habe er damals jedoch nichts gehört.

*Namen sind der Redaktion bekannt

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