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Weltbeziehung

Von Helmut Höge
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Eine gelungene Weltbeziehung sei durch die »Etablierung und Erhaltung stabiler Resonanzachsen gekennzeichnet«, meint der in Jena lehrende Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch »Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung« (2016). In meiner Umgebung gibt es immer mehr männliche Jugendliche, die beim Aufbau einer Weltbeziehung scheitern (im Gegensatz zu den Mädchen). Sie hängen verstockt rum, kriegen nichts auf die Reihe, schmeißen die Ausbildung, fliegen aus ihren Jobs, bringen ihre Eltern zur Verzweiflung, kiffen wie blöd, hängen ewig im Internet, verwahrlosen. Die Welt überfordert sie. Sie sind Beispiele für misslingende »Weltverhältnisse, die sich nicht am Ressourcen- oder Verfügungsreichtum festmachen« lassen, »sondern am Grad der Verbundenheit mit oder der Offenheit gegenüber anderen Menschen (und Dingen)«: abgepufferte Mittelschichtkids.

Mir ging es früher genauso. Mich hat dann zum Glück die linke Bewegung »erlöst«. Nun hat der Leipziger Dichter Carl-Christian Elze solch einem verkorksten Jugendlichen einen Roman gewidmet: »Freudenberg«. »Als Freudenberg kurz vorm Hauptschulabschluss noch immer nicht hatte sagen können, wie es weitergehen sollte mit ihm und seinem Leben, war es Gerd (seinem Vater: ein ›Metaller‹, H. H.) endgültig zu bunt geworden. Wieder hatte sich Freudenberg ausweichend und zeitschindend verhalten, genauso ausweichend und zeitschindend wie immer, ›seit seiner Geburt‹, hatte Gerd plötzlich geschrien. Aber jetzt war Schluss damit!«

Der Vater entscheidet für seinen 17jährigen Sohn: Metallverarbeitung. Es sieht aus, als würde Freudenberg zustimmen. »Dann sei ja alles geritzt, hatte Gerd gemeint und Freudenberg auf die Schulter geklopft, so kräftig, wie er konnte.« Mit seiner Mutter kommt er eher klar als mit seinem Vater, der meint, dass die Mutter »keinen ausreichenden Willen besäße, auch keinen ausreichenden Willen, Freudenberg zu erziehen«. Bevor ihr Sohn die Arbeitsstelle antritt, fährt die Familie in Urlaub – nach Miedzyzdroje (früher Misdroy), einem polnischen Badeort an der Ostsee. Nachdem sie ihre Hotelzimmer bezogen haben, gibt der Vater ihm 200 Zloty, und Freudenberg zieht los, um sich etwas zu essen zu holen. »Er wollte allein sein und rauchen«. Nach einem Imbiss geht er ans Meer.

Dort, an einer einsamen Strandstelle, gibt ihm der Zufall die Möglichkeit, seiner existentiellen Misere zu entfliehen. Er zieht die Kleidung eines polnischen Jungen an, der ihm ähnlich sieht: »Nie in seinem Leben hatte er passendere Schuhe besessen«. Er ist danach nicht mehr das Kind seiner Eltern. »Sein Kleiderhaufen war weg. Seine Haut. Also war es entschieden.«

Er hat keinen Plan. Aber er trifft ein Mädchen, das Heidelbeeren pflückt und ihm welche abgibt. Er folgt ihm eine Weile »wie ein herrenloser Hund«. Sie lachen zusammen. Am Straßenrand findet er ein zerbeultes Moped. Sein Essen klaut er sich in Tankstellen zusammen. Zwei Wochen geht das so, er schläft im Freien – dann landet er wieder an seinem Elternhaus. »Er hatte es nicht geschafft. Einfach nicht geschafft.«

Zunächst versteckt er sich im Keller, dort gibt es »genügend Konserven«. Oben hört er, wie sich seine Eltern unterhalten. Sie trauern um den verlorenen Sohn, haben bereits »Beileidsbekundungen« bekommen. Später sieht er durchs Kellerfenster, wie sein Vater den Rasen mäht, »in jedem polnischen Wald war es sicherer als in diesem Keller«, denkt er – und geht nach oben.

Seine Eltern sitzen am Wohnzimmertisch, »dampfende Schüsseln vor sich. ›Setz dich doch‹, sagte seine Mutter. Er aß. Ob es ihm schmecken würde, fragte Gerd nach einer Weile. Er sagte ›Ja‹.« In seinem Zimmer zieht er die Sachen des polnischen Jungen aus. Er fängt in der Fabrik an, arbeitet an einer Maschine. »Vielleicht hatte Gerd ja schon immer gewußt, was gut für ihn war, viel besser gewußt als er selbst … Heute mittag hatte ihn der Meister für ein Stück Metall gelobt.« Aber seine Mutter möchte wissen, »warum ihr Kind sich gewünscht hatte, sie nie wiederzusehen. ›Was habe ich dir denn getan?‹ keuchte sie und wurde laut.«

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