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Aus: Ausgabe vom 10.05.2022, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Kranken- und Altenpflege

Selbstgemachter Notstand

Studie: Bei besseren Arbeitsbedingungen gäbe es keinen Mangel an Pflegekräften
Von Bernd Müller
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Wenn die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert würden, stünden mindestens 300.000 Vollzeitpflegekräfte mehr zur Verfügung

Einen Pflegenotstand müsste es in Deutschland nicht geben: Wenn die Arbeitsbedingungen des Personals deutlich verbessert würde, stünden mindestens 300.000 Vollzeitpflegekräfte mehr zur Verfügung. Das ist das Ergebnis einer Studie, die am Dienstag von der Bremer Arbeitnehmerkammer veröffentlicht wurde. Für die Studie wurden 2021 rund 12.700 Personen befragt, die den Pflegeberufen den Rücken gekehrt hatten oder nur in Teilzeit arbeiteten. Auf dieser Grundlage wurden mehrere Modellrechnungen durchgeführt, um das Potential abschätzen zu können, wie viele wieder in den Beruf zurückkehren oder ihre Arbeitszeit erhöhen wollen.

Bei sehr vorsichtigen Kalkulation seien es 300.000 Pflegekräfte, die zusätzlich in Vollzeit arbeiten würden. Inbegriffen sind rund 263.000 Berufsaussteiger, die zurückkehren könnten, und rund 39.000 Teilzeitkräfte, die mehr Stunden pro Woche arbeiten wollen. In einem optimistischen Szenario könnten es deutlich mehr Vollzeitstellen werden. Berechnet wurden rund 660.000, wovon 583.000 Rückkehrer wären und 78.000 würden von Teil- in Vollzeit wechseln. Die Studie baut auf einer Bremer Pilotstudie auf und ist Ergebnis einer Kooperation der Arbeitnehmerkammer Bremen, der Arbeitskammer im Saarland und des Instituts Arbeit und Technik (IAT), Westfälische Hochschule in Gelsenkirchen. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat die Studie gefördert.

In der Umfrage äußerten sich ehemalige Pflegekräfte zu ihren konkreten Vorstellungen. Sie würden in den Beruf zurückkehren, wenn die Personaldecke am tatsächlichen Bedarf bemessen würde. Gewünscht sind auch eine bessere Bezahlung, verlässliche Arbeitszeiten, mehr Zeit für menschliche Zuwendung, nicht unterbesetzt arbeiten zu müssen und verbindliche Dienstpläne zu bekommen.

Bewegt sich das Pflegesystem nicht in diese Richtung, ist ein Notstand absehbar. Schon heute herrscht bundesweit ein eklatanter Mangel an Fachkräften. Offene Stellen lassen sich nur schwer besetzen: Aktuell dauert es etwa 230 Tage, bis eine Stelle in der Krankenpflege besetzt werden kann; in der Altenpflege sind es etwa 210 Tage.

Wird nicht gegengesteuert, dürfte sich das Problem weiter verschärfen. So nimmt die Zahl der Pflegebedürftigen weiter zu und zugleich gehen viele Pflegekräfte in Rente. In den nächsten zehn bis zwölf Jahren scheiden voraussichtlich etwa 500.000 Pflegefachkräfte altersbedingt aus dem Beruf.

»Es muss uns zeitnah gelingen, Pflegekräfte zu gewinnen«, betonte die Geschäftsführerin der Bremer Arbeitnehmerkammer, Elke Heyduck. Das sei eine der größten sozialpolitischen Herausforderungen dieser Zeit. Dass so viele in den Beruf zurückkehren wollen, wenn sich die Arbeitsbedingungen verbessern, nannte sie »eine sehr gute Nachricht«. Allerdings wüssten die Beschäftigten »sehr genau, was sich ändern muss, damit sie ihren verantwortungsvollen Beruf so ausüben können, wie es ihren fachlichen Vorstellungen und ihrer Ausbildung entspricht«, so Heyduck.

Ihre Amtskolleginnen aus dem Saarlandes und Bremen betonten auch, dass die Tarifbindung in der Branche dringend gestärkt werden müsse. Dass Einrichtungen künftig zur Versorgung nur noch zugelassen werden, wenn sie entweder nach Tarif oder den regionalen Durchschnitt zahlen, sei eine gute, aber nur die zweitbeste Lösung. Denn sie sei nicht geeignet, den Beschäftigten verlässliche Lohnstrukturen zu garantieren.

Heyduck plädierte außerdem dafür, dass die anfallenden Mehrkosten nicht auf die Pflegebedürftigen abgewälzt werden. Es könne nicht sein, dass die Eigenanteile durch die Decke gingen, nur weil der Betrieb ausreichend Personal einstelle und die Pflegeversicherung diese Mehrkosten nicht abdecke. Die Finanzierung gehöre auf stabile Beine gestellt. »An einer Bürgerversicherung, die auch Beamte und Selbstständige einbezieht, geht auf Dauer kein Weg vorbei«, betonte sie.

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