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Aus: Ausgabe vom 10.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Frei von starren Regeln

Vor 20 Jahren starb der italienische Künstler Gabriele Mucchi
Von Peter Michel
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Hat die Kunst fest im Griff: Gabriele Mucchi mit Katalog neben seinem »Porträt der Reisearbeiterin Ada« (Berlin, 26.1.1983)

Eine große Geburtstagsfeier gab es 1974 in den Räumen des Berliner Künstlerverbandes für Gabriele Mucchi. Freunde, Kollegen, seine Schüler – darunter Ronald Paris, Hans Vent, Antje Fretwurst-Colberg, Joachim John und Rolf Schubert – und zahlreiche Verehrer versammelten sich um ihn. Er gehörte nicht nur dazu, sondern war vielen ein Vorbild. Für die Entwicklung eines lebendigen, von starren Regeln freien Realismus leistete der Italiener in der DDR einen wichtigen Beitrag. Er engagierte sich – gerade weil er Realist war und u. a. 1950 zu den Mitbegründern der Künstlergruppe »Realismo« gehörte – für eine große Offenheit allem gegenüber, was ins Zeitgeschehen eingreifen konnte. Dass dies gerade in den Jahren der Formalismusdebatte – also den frühen 1950ern – seinen Anfang nahm, gab vielen Künstlern das nötige Selbstbewusstsein, um dogmatischen Vorwürfen und Angriffen zu widerstehen.

Begegnungen mit Gabriele Mucchi waren immer ein geistiger Gewinn. Wo sich in Berlin die Karl-Marx-Allee und die Andreasstraße kreuzen, hatte er seit 1956 seine Atelierwohnung. Dort sprachen wir in den siebziger und achtziger Jahren nicht nur über gerade entstehende Werke, sondern auch über Beiträge, die er für die Zeitschrift Bildende Kunst empfahl oder selbst schrieb. Das Denken an andere war dabei typisch für ihn.

Jeder, der sich heute mit Gabriele Mucchis geistigem und künstlerischem Erbe beschäftigt, sollte sein Buch »Verpasste Gelegenheiten« (1997) lesen, in dem er seine Lebenserinnerungen als Maler, Graphiker, Zeichner, Designer und Kunstschriftsteller in Italien, Deutschland und Frankreich niederschrieb. Am 25. Juni 1899 wurde er in Turin geboren. 1937 beteiligte er sich mit einem »Akt auf grünem Tuch« an der Pariser Weltausstellung, kämpfte 1944 als Partisan der 186. Brigade Garibaldi gegen die deutschen Truppen und begegnete in den fünfziger Jahren dem Dokumentarfilmer Joris Ivens, dem Politiker Salvador Allende sowie den Dichtern Pablo Neruda und Bertolt Brecht, mit denen er freundschaftlich verbunden blieb. 1956 bis 1961 war er Gastprofessor an der Berliner Kunsthochschule in Weißensee, danach zwei weitere Jahre am Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald. In der DDR entwickelten sich schnell Freundschaften zu Arno Mohr, René Graetz, Elizabeth Shaw, Waldemar Grzimek, Fritz Cremer, Herbert Sandberg, Heinrich Ehmsen, Paul Dessau und zu seinen Schülern. Große Personalausstellungen machten ihn bekannter: 1977 in der Westberliner Galerie Poll, 1983 im Alten Museum Berlin, 1989 in der Nationalgalerie. 1984 wurde er Ehrendoktor der Humboldt-Universität Berlin. Wandmalereien, die er gemeinsam mit seinen Schülern gestaltete, entstanden in einer italienischen Kirche und in der Fischerkapelle Vitt auf Rügen (1990), und immer fand der Kommunist Mucchi künstlerische Ideen, die das Humanistische in den Religionen und im atheistischen Denken betonten. So trug der Petrus im Bilddetail »Ein Engel befreit Petrus aus dem Kerker« aus der Engelkapelle in Salussola (1986) die Gesichtszüge von Karl Marx.

Auch als Illustrator machte er sich einen Namen. Mit ironischer Distanz hatte Erasmus von Rotterdam in seinem »Lob der Narrheit« (1511) intellektualistische Begriffsspielereien verworfen, hatte die Humanität und das natürliche Selbstgefühl der Menschen gepriesen, hatte den Adel, die Kaufleute, die Kriegführenden, die Mönche und die Moralapostel kritisiert, was dazu führte, dass die Päpste seine Schriften verboten. Das Denken des Erasmus war Gabriele Mucchi nahe, und er illustrierte dessen Werk mit 100 Zeichnungen kongenial mit eindeutigen Bezügen zur Gegenwart.

Im Oktober 1989 hatte sich Mucchi in einem Brief an Kurt Hager und das Politbüro gewandt, in dem er sich mit Fehlern auseinandersetzte, die Wahlmanipulationen benannte, eine Erneuerung der Politik einforderte und dennoch seine Solidarität bekundete. »So wie die Demonstranten in Leipzig gerufen haben: ›Wir bleiben hier‹, so bleibt der neunzigjährige Genosse und Freund – in Berlin und Mailand – an Eurer Seite. Und in diesem ernsten Augenblick bittet er Euch, ihm die Staatsbürgerschaft der DDR zu verleihen. Euer Gabriele Mucchi«

Mit dem Zusammenbruch der DDR hatte sich auch für ihn die Welt verändert. Doch an seinen Überzeugungen und an seinem Arbeitseifer änderte sich nichts. Am 10. Mai 2002 starb er in Mailand kurz vor seinem 103. Geburtstag. Seine Frau Susanne, die heute gemeinsam mit ihrem Sohn Gabrio das künstlerische Erbe pflegt, hatte sich aufopferungsvoll um ihn gekümmert. Seine mit seiner ersten Ehefrau, der 1969 verstorbenen Bildhauerin Jenny Mucchi-Wiegmann, gemeinsame Ruhestätte liegt in der Reihe der Künstlergräber auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde unweit des Grabes von Käthe Kollwitz.

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