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Aus: Ausgabe vom 09.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Deak

Alles wieder gut!

Die neue Herzlichkeit zwischen Berlin und Kiew und andere Fragen politischer Anatomie
Von Dusan Deak
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Ja, hallo, Herr Melnyk, Sie auch hier? Leberwurst im Wasserbad

Alles gut! Die Bestellungen sind aufgegeben, die gewünschten Geräte unterwegs und die Wogen scheinbar geglättet. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij hat das Leberwurstnetzwerk der Putin-Versteher um Frank-Walter Steinmeier und Olaf Scholz zur Berichterstattung nach Kiew bestellt. Das Treffen kommt dank der äußerst feinfühligen Hintergrundarbeit seiner Exzellenz, des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk, zustande, eines außergewöhnlichen Jahrhunderttalents in Sachen umsichtiger Diplomatie. Ungeheuerlich, was dieser mutige Mann, von den deutschen Regierungsdilettanten hat erdulden müssen!

Noch kurz zuvor war ernsthaft befürchtet worden, dass Botschafter Melnyk das deutsche Regierungspersonal wegen Zögerlichkeit und Ungehorsams aus ihren Ämtern entfernen lassen muss. Alles Schnee von gestern. Damit hat sich auch Melnyks Vorwurf an Kanzler Scholz erledigt, dieser wäre eine beleidigte Leberwurst. Er war ohnehin unter ernährungswissenschaftlichen Gesichtspunkten stark umstritten.

Laut Wikipedia besteht Leberwurst in der Regel aus Schlachterzeugnissen vom Hausschwein, Rind, Kalb und Geflügel. Neben sehnenreichem Muskelfleisch wird meist auch noch Fettgewebe (Speck, Schweinebauch, Fettwamme) und Schweinekopf mit Brägen verwendet. Schon eine oberflächliche fachliche Inaugenscheinnahme durch Metzgergesellen aus dem Hause Tönnies Holding bestätigt die Vermutung, dass sich Olaf Scholz aus anderen Materialien zusammensetzt.

Bei Verwendung des Begriffs »Arschloch« ist Wikipedia ähnlich restriktiv: Um diesen Begriff korrekt zu verwenden, müsste die damit bezeichnete Person zu mindestens 80 Prozent aus Enddarm, Schließmuskel und einem großen Loch bestehen, einschließlich des dazugehörigen Bindegewebes. Die restlichen 20 Prozent sind frei wählbar und nicht festgelegt. Während die Anwesenheit von Enddarm, großem Loch und Schließmuskel bestätigt scheint, geben gerade die 20 Prozent Restmaterial in Melnyks Falle Anlass zu Zweifeln, was die Verwendung des Begriffs im konkreten Fall so kompliziert macht.

Unumstritten ist Melnyks Haltung zu Ukraines nationalistischen Extremisten und zu »gemäßigten« Neofaschisten (etwas Ähnliches, wie die von den USA erfundenen »gemäßigten« Islamisten in Syrien) und deren Idol Stepan Bandera, einem Nazikollaborateur und verurteilten Kriegsverbrecher. Ebenso wie sein unbändiger Russenhass und seine Besessenheit, die westlichen Staaten zur direkten Kriegspartei zu machen.

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  • Leserbrief von Hans Gielessen aus Frankfurt am Main (11. Mai 2022 um 11:28 Uhr)
    Das Verhältnis zwischen den ukrainischen Nationalisten und Deutschland ist bekanntlich schon seit dem Zweiten Weltkrieg leicht angespannt. Trotz freiwilligem und begeisterten Mitmachen beim Mord an den Juden und dem Russenschlachten haben die völkischen Ukrainer von den deutschen »Freunden« nicht den erwünschten Staat erhalten. Sogar der heute in der Ukraine als Nationalheld verehrte deutsche Bündnispartner Bandera verbrachte zeitweise in – durchaus komfortabler – deutscher Schutzhaft. Das sorgt bis heute für Missstimmung, insbesondere beim ukrainischen Botschafter – bekanntlich ein Bandera-Verehrer. Heute geht deutsche Ausplünderung natürlich eleganter, siehe EU-Assoziierungsabkommen. Souverän ist die Ukraine schon lange nicht mehr.

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