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Aus: Ausgabe vom 09.05.2022, Seite 6 / Ausland
Krieg in der Ukraine

Pathos und Pakete

Wie Russland sich bemüht, die Bewohner der besetzten ukrainischen Gebiete auf seine Seite zu ziehen
Von Reinhard Lauterbach
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Vorbereitungen zum »Tag des Sieges« im unter russischer Kontrolle stehenden Melitopol (1.5.2022)

Einstweilen sind es nur Kiewer Behauptungen, aber sie gehen in eine Richtung: Den Tag des Sieges am 9. Mai wolle Russland auch im zerstörten Mariupol mit einer Militärparade begehen. Zu diesem Zweck seien aus dem Stadtzentrum die schlimmsten Trümmer und der Schrott der wochenlangen Kämpfe entfernt und antifaschistische Gedenkstätten im Eiltempo restauriert worden. Außerdem wolle Russland ukrainische Gefangene durch das Stadtzentrum marschieren lassen, so wie die sowjetische Führung 1945 gefangene Deutsche.

Ob es dazu kommt, muss sich zeigen. Aber dass die Beschwörung der so­wjetischen Erinnerungserzählung zum zentralen Arsenal der russischen Bemühungen um die »Integration« der besetzten ukrainischen Gebiete gehört, ist unübersehbar. Sowjetische Denkmäler, die die Ukraine nach 2014 gestürzt hatte, werden wieder aufgestellt, am 1. Mai fanden in Berdjansk und Melitopol kleine Maifeiern nach sowjetischer Ikonographie statt, mit roten Fahnen und Transparenten – freilich unter geringer Beteiligung und vorwiegend von seiten älterer Bürger. Ihnen und den Staatsangestellten will Russland von diesem Monat an auch ihre Renten und Löhne zahlen.

Zu geradezu ikonischer Verwendung auf der russischen Seite hat es ein wohl von einem ukrainischen Soldaten gedrehtes Handyvideo gebracht, das Anfang April Verbreitung fand. Es zeigt eine alte Frau in einem Dorf, die – in der Annahme, die Soldaten seien Russen – mit einer Sowjetflagge aus dem Haus kommt und ihnen für die Befreiung dankt. Der Macher des Videos nimmt ihr die Fahne weg, wirft sie zu Boden, tritt darauf herum und ruft »Ruhm der Ukraine«. Daraufhin erklärt die Frau, dass ihre Eltern unter dieser Flagge gekämpft hätten, und gibt den Ukrainern die mitgebrachten Lebensmittel zurück. Diese »Donbass-Babuschka« mit der roten Fahne in der Hand ist binnen Tagen dutzendfach in Murals und ähnlicher Gebrauchskunst verewigt worden.

Dass sich die Rezeption des Seitenwechsels in den besetzten südukrainischen Gebieten nach Generationen unterscheidet, hat auch ein Vertreter der russischen Seite nach einer Reise in die unter russischer Kontrolle stehenden Gebiete eingeräumt. Oleg Zarjow, ehemaliger ukrainischer Parlamentsabgeordneter, der 2014 ein führender Vertreter des »Anti-Maidan« war und seit dem Staatsstreich im russischen Exil lebt, sagte dieser Tage der von ukrainischen Emigranten wie ihm betriebenen Seite antifashist.com, die Russen würden überwiegend von der älteren Generation begrüßt. »Mit der Jugend ist es schwieriger«, so Zarjow. Er äußerte zugleich die Zuversicht, dass sich dies ändern werde, sobald die russischen Medien anfingen, auch in der Südukraine zu senden. Eine etwas mechanistische Vorstellung, die auch seinen Überlegungen zugrunde liegt, wie Russland auf die Vorwürfe wegen Kriegsverbrechen in der Umgebung von Kiew reagieren solle: »Es reicht, Kiew zu besetzen, dann finden sich schon Zeugen, die aussagen werden, wie es wirklich gewesen ist« – nämlich dass die Toten in Wahrheit von der ukrainischen Seite ermordet und dann in den Straßen von Butscha abgelegt worden seien.

Probleme haben die russischen Truppen offenbar auch damit, geeignetes Verwaltungspersonal zu finden. Viele lokale Führungskräfte seien zwar bereit, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren, sagte Zarjow, aber aus Furcht vor eventuellen ukrainischen Repressalien scheuten sie einstweilen davor zurück, ihre Unterstützung für Russland offen zu bekennen, und wollten lieber als Berater im Hintergrund wirken. Daher sei in der Ortschaft Wassiliwka im Gebiet Saporischschja als neuen Ortsvorstand eine Frau eingesetzt, die zuvor eine Autowerkstatt geführt habe. Allerdings hätte Zarjow auch ihr zusichern müssen, ihr schlimmstenfalls die Flucht auf die Krim zu ermöglichen. Denn in der Ukrai­ne droht ihr für »Kollaboration« lebenslange Haft oder die standrechtliche Ermordung.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin ( 9. Mai 2022 um 10:32 Uhr)
    Der im Artikel angesprochene Generationenkonflikt dürfte sich nicht nur in den nun bald befreiten Gebieten zeigen. Die soziale Absicherung im Alter steht in spätkapitalistischen Ordnungen zur Disposition, nicht nur in der Ukraine, auch bei uns. Die Alten haben am meisten zu verlieren, Absicherung und ein solidarisches Milieu. Die Jugend dort ist im Aufbruch, am Nachholen, was im Westen so aufregend war. Nicht alle sind in blinder Wut zu Faschisten geworden, viele wollen nur arbeiten, sich ausbilden, Familie gründen. Unpolitisch oder zumindest sehr vorsichtig. Dafür ist der Westen attraktiv, noch ne Weile. Weil hier Frieden. Die hier Ankommenden werden sehnsüchtig erwartet, um die kommenden Lohnkämpfe auszubremsen. Willkommen. Für wen? Zurück zum Donbass. Die Regionen im Osten, die die Putschregierungen nicht anerkennen wollen, weil die Putschregierungen als Räuber, Mörder und Erpresser aufgetreten sind. Linke in Europa waren nicht in der Lage, dem Staatsterror der westausgerüsteten Verbrecher entgegenzutreten. Es gibt wohl solidarische Unterstützung, die hat 1936 in Spanien nicht ausgereicht, diesmal auch nicht. Deshalb musste Russland übernehmen, nicht wie von interessierter Seite wiederholt behauptet als Eroberer, sondern als Schutz, zu dem es sich in den Minsker Abkommen verpflichtet hat. Schutz. Wer die Selbstverwaltungsgebiete den Agenten der NATO zum Fressen vorwerfen möchte, kann nur noch bei den Grünen als links bezeichnet werden. Wenn Krieg geführt werden muss, dann hier und jetzt. Acht Jahre Geduld, Zehntausende Tote durch Staatsterror. Endlich Hilfe jetzt.

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