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Aus: Ausgabe vom 09.05.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Westliche Kriegshilfe

Immense Aufrüstungsbestrebungen

Waffenlieferungen und Ausbildung in großem Umfang: Britische Unterstützung für Kiew seit 2014
Von Jörg Kronauer
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Rüstungsschau in Großbritannien: »Starstreak«-Luftabwehrraketen bei der »Farnborough Airshow« (10.7.2012)

Das Vereinigte Königreich hat 2014 begonnen, die ukrainischen Streitkräfte in größerem Umfang zu unterstützen. Das geschah zunächst durch die Lieferung von Schutzausrüstung, ab Anfang 2015 dann vor allem durch militärische Ausbildung, die unter dem Codenamen »Operation Orbital« durchgeführt wurde. Bis zu ihrer Beendigung im Februar 2022 absolvierten sie rund 22.000 ukrainische Soldaten. Mitte März berichtete die Times, Militärspezialisten wollten im Vorgehen der ukrainischen Streitkräfte gegen russische Panzer »genau die Art von Taktik« erkannt haben, »die von der britischen Infanterie angewandt wird«. Der ehemalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko wurde von der Zeitung denn auch mit der Äußerung zitiert, »die Fähigkeit, Putin zu stoppen«, sei »nicht nur unsere Leistung«; sie sei auch eine Leistung britischer Militärausbilder.

Während nach der Eskalation des Ukraine-Konflikts im Jahr 2014 Großwaffensysteme – besonders gepanzerte Fahrzeuge – zunächst vor allem von den USA, Tschechien und Polen geliefert wurden, unterzeichneten London und Kiew im Oktober 2020 eine Absichtserklärung, der zufolge Großbritannien einen bedeutenden Beitrag zur Aufrüstung der ukrainischen Marine leisten wollte. Es ging dabei um die Lieferung bzw. den gemeinsamen Bau von Kriegsschiffen und Raketen sowie um Unterstützung bei der Errichtung neuer Marinestützpunkte am Schwarzen und am Asowschen Meer. Von der Vereinbarung, die im Juni und im November 2021 jeweils noch konkretisiert wurde, sollte speziell der Rüstungskonzern Babcock International mit Sitz in London profitieren.

Bei den Unterstützungsleistungen für Kiew seit Jahresbeginn liegt das Vereinigte Königreich weit vorn. Laut dem Ukraine Support Tracker, den das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) veröffentlicht, stellte London allein vom 24. Januar bis zum 23. April 2,1 Milliarden Euro an Militär-, Finanz- und humanitärer Hilfe für Kiew bereit; größere Summen kamen nur aus den Vereinigten Staaten und Polen. Bei der Militärhilfe (770 Millionen Euro) lag Großbritannien im selben Zeitraum hinter den USA, Polen und der Bundesrepublik auf Rang vier. An die Ukraine geliefert hatte es dabei unter anderem Tausende Panzerabwehrraketen, Spezialmunition sowie »Starstreak«-Flugabwehrraketen mit lasergelenkten Geschossen, die nicht ganz einfach zu bedienen sind, aber als hocheffizient gelten. Notwendige Ausbildungsmaßnahmen an diesen Waffensystemen führen britische Militärs auf polnischem Territorium durch.

Die nächste große Lieferung, die Premierminister Boris Johnson am vergangenen Dienstag angekündigt hat, soll einen Wert von insgesamt 360 Millionen Euro haben und Radarsysteme, Drohnen sowie Nachtsichtgeräte umfassen. Zudem hat London angekündigt, »Brim­stone«-Lenkwaffen in die Ukraine zu schaffen, mit denen sich Panzer bekämpfen lassen, darüber hinaus gepanzerte Fahrzeuge des Typs »Stormer«, auf denen Flugabwehrgeschütze montiert sind. Nicht zuletzt hat die britische Regierung mitgeteilt, sie werde Polen Kampfpanzer vom Typ »Challenger 2« zur Verfügung stellen, wenn Warschau den ukrainischen Streitkräften seine »T-72«-Panzer überlasse. Details sind allerdings nicht bekannt.

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