Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 2. / 3. Juli 2022, Nr. 151
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 09.05.2022, Seite 1 / Titel
Antikommunismus

Flagge zeigen verboten

8. Mai in Berlin: Sowjetfahnen nicht erlaubt, Polizei setzt Auflagen rigide durch. Ehrenmale zeitweise für Besucher gesperrt. Neonazis marschieren
Von Nick Brauns
DSCF1266 Kopie.jpg
Polizisten riegelten das Sowjetische Ehrenmal in Pankow zeitweilig für Besucher ab (Berlin, 8.5.2022)

Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, sah die Berliner Polizei rot. Per Erlass war für Sonntag in 15 so­wjetischen Ehrenmalen und Gedenkorten in der Hauptstadt das Zeigen der Flagge der UdSSR, die den größten Blutzoll in der Niederringung des Nazismus getragen hatte, verboten worden. Die rote Fahne mit Hammer und Sichel könne als Unterstützung des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine ausgelegt werden, hatte die Polizei ihren ebenso antikommunistischen wie geschichtsrevisionistischen Erlass, der auch für diesen Montag gilt, begründet. Die Empörung von Besuchern der Gedenkstätten, zu denen teils riesige Gräberstätten gefallener Sowjetsoldaten gehören, war entsprechend groß.

DSCF1656 Kopie 2.jpg
Sowjetisches Ehrenmal in Pankow: Kränze auch von der Russischen Föderation und junge Welt (Berlin 8.5.2022)

In der Praxis wurde das Verbot vielfach auf sämtliche rote Fahnen ausgedehnt. Von Beamten zum Umkehren gezwungen wurden beim Ehrenmal in Treptow etwa auch Vertreter kommunistischer Parteien aus der Türkei und Griechenland mit ihren Parteifahnen.

adasd.JPG
Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park: Blumen für die im Kampf gegen die Nazis gefallenen Helden (Berlin, 8.5.2022)

Die Polizei habe sie am Vormittag gezwungen, nicht nur ihre roten Arbeiterfahnen, sondern auch ein gegenüber dem Ehrenmal am Tiergarten aufgespanntes Banner mit dem Text »Dank euch, Soldaten der Antihitlerkoalition – Nieder mit der Bundeswehr und ihren Auftraggebern« wieder einzurollen, berichtete Ringo Ehlert von der Gruppe »Unentdecktes Land« gegenüber jW.

asdas.JPG
Sowjetisches Ehrenmal im Tiergarten: Blumen und Kränze für die im Kampf gegen den Hitlerfaschismus gefallenen Soldaten der Roten Armee (Berlin, 8.5.2022)

Bis zum frühen Nachmittag ließ die Polizei im Tiergarten Besucher nur in Ausnahmefällen bis zum abgesperrten Ehrenmal vor. Dort sei eine Sicherheitszone für ukrainische Vertreter eingerichtet worden, berichtete ein Besucher gegenüber jW. Als der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk schließlich eintraf, wurde er von Dutzenden Demonstranten auf der Straße des 17. Juni mit »Hau ab«-Rufen empfangen. Schließlich hat Melnyk verdeutlicht, dass seine Sympathien nicht der Roten Armee, sondern dem Nazikollaborateur Stepan Bandera gelten. Als Teilnehmer der rund einstündigen Veranstaltung, an der ukrainische Soldaten explizit in Uniform teilnahmen, wurde neben Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) gesehen. Anschließend beschimpfte der Linke-Politiker auf Twitter die Demonstranten wegen ihrer Proteste gegen Melnyk.

yxcd.JPG
Griechische und türkische Kommunisten in Treptow

Da Diplomaten von dem auch für das Zeigen ukrainischer und russischer Fahnen geltende Verbot ausgenommen waren, konnte Melnyk, der am Sonntag abend zur Feierstunde im Potsdamer Landtag erwartet wurde, seinen Kranz umringt von Trägern ukrainischer Fahnen niederlegen. Lediglich ein mehr als 20 Meter langes blau-gelbes Banner, das ukrainische Demonstranten vor dem Ehrenmal aufgespannt hatten, wurde von der Polizei wieder eingerollt. Vor dem nahe gelegenen Brandenburger Tor startete derweil eine Demonstration der Neonazipartei »Der Dritte Weg« mit rund 50 Teilnehmern, die am Holocaust-Mahnmal vorbeizog. Die Partei behauptet, einige ihrer Mitglieder würden in den Reihen des faschistischen »Asow«-Bataillons in der ­Ukraine kämpfen.

Auch das Ehrenmal in der Schönholzer Heide, wo Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (beide SPD) sich zur Kranzniederlegung einfanden, sowie das im Treptower Park waren zeitweise polizeilich abgeriegelt. Besucher mussten sich teilweise schikanös von der Polizei durchsuchen und von Hunden beschnüffeln lassen. Einem greisen Russen – seine Abzeichen wiesen ihn als Überlebenden der mehr als zwei Jahre dauernden Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht aus – wurde so eine Stunde lang der Zutritt zum Ehrenmal in Treptow verwehrt.

Für den 9. Mai, der in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion als Tag des Sieges begangen wird, bereitet sich die Polizei bundesweit auf weitere Demonstrationen und Autokorsos vor.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinz-Joachim R. aus Berlin ( 9. Mai 2022 um 19:34 Uhr)
    Ich würde anstelle dieses hirntoten Senats auch die Ampelrotanzeige verbieten. Und wer etwas gegen Hammer und Sichel hat, liebt natürlich Kanonen. »Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?« ist wieder hochmodern, wie Erich Kästner wusste. Da sollte doch statt des Pleitegeiers künftig eine Kanone die deutsche Fahne zieren. Der Hobbypoet E.Rasmus ließ mir anläßlich des Tages des Sieges die folgenden Zeilen zukommen. Vielleicht machte die Redaktion aus gegebenem Anlass mal eine Ausnahme und gestattete den werten Lesern dieses antikapitalistischen Blattes diese zu lesen? »9. Mai, mit Hammer und Sichel – Moskau – Berlin 2022 - Zum Tag des Sieges heute/ Sind Worte angebracht./ Da so, wie einst, die Meute/ In Fresslust giert nach Beute./ Nehmt euch vor ihr in acht!/ euch, die ihr nur in Worten kennt/ Den Krieg, bleibt vom Gedächtnis/ Wahrhaft Erleben abgetrennt,/ Wo Baum, Haus, Mensch und Tier verbrennt./ Dem Tag des Sieges zum Gedenken,/ Wer uns befreit im Mai/ Verteufelt wird in Ränken,/ Die selbst nur Krieg uns schenken/ – seid nimmer mit dabei!

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • In Berlin am Tag der Befreiung verboten: Flagge der Sowjetunion ...
    07.05.2022

    Rotes Banner unerwünscht

    8. und 9. Mai: Berlin verbietet sowjetische Flagge im Umfeld von Ehrenmalen. Polizei: Zeigen der Fahne ist »Verherrlichung« des Ukraine-Kriegs
  • Blumenkränze am Sowjetischen Ehrenmal Schönholzer Heide in Berli...
    07.05.2022

    Zum Erhalt verpflichtet

    BRD verantwortlich für Schutz sowjetischer Ehrenmale. Angriffe häufen sich
  • In Elite und Öffentlichkeit Russlands ist die NATO schon in den ...
    22.04.2022

    Verzerrte Spiegelung

    Globale Rivalitäten. 30 Jahre führten die USA und ihre Verbündeten Kriege für ihre Weltordnung. Jetzt spielt Russland mit seinem Krieg gegen die Ukraine dem Westen dessen eigene Melodie vor
Startseite Probeabo