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Aus: Ausgabe vom 07.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Treppenwitz der Dystopie

Im Jahr 2049 wird mindestens so hoffnungsfroh gegrinst wie heute: Die romantische Komödie »Liftoff – Mit dir zum Mars«
Von Maximilian Schäffer
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Die Liebe 2049 – Wo bitte geht’s zum Mars?

Kennste den schon? Totalüberwachung, Transhumanismus, Oligarchie! Palim, palim! Ja, so lustig ist die Dystopie heutzutage. Abfinden muss man sich mit ihr, ein bisschen schäkern und feixen, weil sie ja schon irgendwie Gegenwart ist, gell? Und wer kann am allerbesten debil grinsen? Hollywood. »Liftoff – Mit dir zum Mars« heißt eine neue romantische Komödie über Menschen und Raketen. Produziert wurde der Film für den Streamingservice des Bezahlsenders HBO. Hierzulande kommt er ins Kino oder in das, was davon übrig ist.

2049: Eine Null namens Walt (Cole Sprouse) arbeitet in einer Kaffeehauskette, irgendwo in den oberflächendesinfizierten USA der goldenen Zukunft. Hier sind Menschen noch zynischer und steriler als Küchenroboter. Weil Walt seit Kindheit vom Mars träumt, den sich nur hochqualifizierte Silicon-Valley-Deppen und Millionäre leisten können, muss er sich was einfallen lassen. So mittelmäßig, wie er ist, hat er nichts auf der elitären Planetenkolonie verloren. Er verguckt sich also in eine Wissenschaftlerin, auf die er seine Marsliebe projiziert. Als seine Flamme am nächsten Tag ins All fliegt und er zurückbleibt, ist der gute Walt irgendwie verzweifelt. Dann trifft er eine Frau an seinem Arbeitsplatz. Die ist Millionärin und Asiatin (Lana Condor). Irgendwie ist Walt dann auf einmal in der Rakete und muss sich verstecken. Am Ende wird geknutscht. Auch zwei Lesben heiraten. Kapiert?

Zach Braff, Ü-30jährigen noch aus der Krankenhausserie »Scrubs« bekannt, spielt eine Art Elon Musk, sozusagen einen milchgesichtigen Moschusochsen, den gegenwärtige Besoffene für charismatisch halten, wenn sie ihn im Kreuzberger Sexklub treffen. Dieser Superreiche hat im Film einen kurzen Auftritt, damit der Zuschauer auch über das Personal der Herrschaft was zu grinsen hat. Denn im Jahr 2049, das prophezeit der Film schon ganz treffend, beherrschen Maschinen und die Klimakrise den Normalbürger. Mit Robotern kann sich Lieschen Müller unterhalten, mit CO2 oder einer Pandemie nicht. »Liftoff« gibt an dieser Stelle Hoffnung: Wenn schon technokratische Harvard-Eliten den Weltenlauf anhand von Statistiken bestimmen, bleibt doch immer noch die unschuldige Liebe zwischen zwei Sterblichen im Hamsterrad. Entmenschlichung einfach wegkuscheln.

2022: Im Supermarkt gibt es seit zwei Monaten kein Mehl mehr, weil der Putin die Ukraine bombardiert, sagt die »Tagesschau«. Für Blackrock Inc. und die Demokratie war Friedrich Merz mit dem Zug in Kiew. Irgendwelche Coronazahlen sinken irgendwie, und die neue Staffel »Germany’s Next Topmodel« ist auch schon wieder fast vorbei. Bei so viel Ereignis kann man auch mal abends ins Kino gehen und sich 104 Minuten lang mit Fastfood fürs Gehirn vollstopfen lassen. Ähnlich wie beim RBB gibt’s auch da keine Kommunistenwerbung. Noch jemanden zum Kuscheln von Tinder dabei und danach alleine nach Hause, um die Kryptoinvestitionen abzuchecken. Der echte Elon Musk twitterte letztens, dass er nach Twitter vielleicht auch noch Coca-Cola aufkaufen würde, um wieder echtes Koks reinzumischen. Das wird vielleicht ein Spaß wie in alten Zeiten.

»Liftoff – Mit dir zum Mars«, Regie: Christopher Winterbauer, USA 2022, 104 Min., bereits angelaufen

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