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Aus: Ausgabe vom 07.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Film

»Der Film ist zur politischen Aktion geworden«

Über Arbeiterkämpfe und Geschichten von Menschen ohne Namen. Ein Gespräch mit Metin Yegin
Von Nick Brauns
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Gegen das Elend: Seidenarbeiterinnen in Bursa haben die Arbeit niedergelegt – Szene aus dem Film »Grev«

Ihr im vergangenen Jahr nach einer wahren Begebenheit gedrehter Historienfilm »Grev« (Streik) handelt vom Arbeitskampf der Seidenarbeiterinnen in der Stadt Bursa im Osmanischen Reich im Jahr 1910. Worum ging es in dem Kampf?

Es war ein Kampf ums Überleben. Die Seidenarbeiterinnen arbeiteten unter sehr schwierigen Bedingungen, hatten sehr lange Arbeitszeiten, ähnlich denen der Industrie im 19. Jahrhundert. Der Streik war eine Rebellion gegen dieses Elend. Uns erschien die Geschichte eines Arbeiterkampfes, eines Frauenstreiks im Osmanischen Reich, sehr ergreifend.

Wer waren die Streikenden? Muslimische Frauen?

Nein, es waren sehr wenige muslimische Frauen dabei, denn die Arbeiterklasse im Osmanischen Reich bestand ja vor allem aus Nichtmuslimen, insbesondere aus Armeniern und Griechen. Bis 1915 hat es in der Türkei sehr viele Streiks gegeben, der 1. Mai wurde gefeiert, es wurden fünf oder sechs verschiedene sozialistische Zeitschriften publiziert. Doch nach dem Weltkrieg bestand die Linke bis in die 1960er Jahre hinein vor allem aus Intellektuellen und Migranten. Die Massaker an Armeniern und Griechen hatten nicht nur zu einem hohen Verlust von Menschenleben geführt, es war auch ein Verlust für die kämpferische Tradition der Arbeiterklasse. Umgekehrt wurde die Kommunistische Partei Griechenlands eine Zeitlang vor allem aus Istanbuler Griechen gebildet, die aus der Türkei vertrieben worden waren. Gleichzeitig wird in der Türkei so getan, als hätten in diesem Land nie Armenier und Griechen gelebt. Auch ihre Rolle im Klassenkampf wird verleugnet – leider war das auch die Sichtweise der türkischen Linken. Deswegen ist der Film »Grev« von großer Bedeutung.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

In letzter Zeit sind bei uns, aber auch international Filme über Sultane und Könige sehr populär. Doch wie ließ schon Bertolt Brecht seinen lesenden Arbeiter fragen: »Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?« Wir sind der Ansicht, dass die Arbeiter die wahren Erschaffer sind. Aus diesem Grunde entschlossen wir uns, einen Arbeiterfilm zu drehen, und haben einen Film über Arbeiter, Frauen, Arme­nier, Griechen gemacht, also über die, deren Existenz verleugnet wird.

Wie waren die Reaktionen auf den Film in der Türkei?

Der Film wurde in fast allen Städten gezeigt. In den kurdischen Provinzen waren sämtliche Vorführungen ausverkauft. Aber gerade auch in den als konservativ geltenden Städten Mittelanatoliens, in Konya, Karaman und Safranbolu, waren die Säle voll. Die Vertriebsgesellschaft hatte Versprechen nicht gehalten, sie vertrieb den Film nicht. Daher konnte er nur durch einen unermüdlichen Kampf in die Kinos kommen. »Grev« ist selbst zu einer politischen Aktion geworden. Arbeiter nahmen Transparente mit Aufschriften wie »Der Streik organisiert uns, wir organisieren den Streik« mit zu den Vorführungen.

Sie arbeiten bereits an Ihrem nächsten Filmprojekt. Es soll um die wilden Streiks in der Bundesrepublik Deutschland Anfang der 70er Jahre gehen. Warum haben Sie gerade dieses Thema aufgegriffen?

Die Frage muss lauten: Weshalb drehen wir Arbeiterfilme? Die Antwort: um das verfluchte System zu stürzen. Sie fragen: Können wir das denn mit einem Film schaffen? Wir antworten: Was soll’s? Auch die Indianer haben Kriegstänze vorgeführt. Und so drehen wir gleich zwei neue Filme über zwei Streiks im Jahre 1973. Diesmal stellen wir den Kampf der ausgegrenzten Arbeitsmigranten in den Vordergrund. Momentan arbeiten wir an einem Film über einen Streik von Frauen, zumeist Arbeitsmigrantinnen aus der Türkei, die in der Bundesrepublik für gleichen Lohn wie die Männer kämpften. Erneut ist es die Geschichte von Menschen ohne Namen und Gesichter.

Wie lässt sich so ein Film finanzieren?

Es ist ein echtes Abenteuer, einen Arbeiterfilm zu drehen. In der Türkei ist das nicht normal. An »Grev« haben alle Beteiligten, von den Schauspielern bis zu den Kameraassistenten, ohne Gage mitgewirkt, auch die bekannte spanische Schauspielerin Itziar Ituño Martinez bekam keine. Einen Film zu drehen ist eine sehr teure Angelegenheit. Vom Aufbau der Sets über die Technik, Kameras, Ton, Effekte ... an manchen Tagen müssen wir für die Essenskosten von 100 bis 200 Mitarbeiter aufkommen. Aus diesem Grunde suchen wir derzeit 1.000 Komplizen, die bereit sind, das »Verbrechen« zu begehen, das heißt jeweils 100 Euro in die Produktion eines Arbeiterfilms zu investieren. Bis jetzt haben wir 267 Komplizen gewinnen können. Aber wir brauchen weitere Unterstützer, damit die Welt nicht nur Filme über Sultane und Könige anschauen muss.

Metin Yegin ist Regisseur und lebt in der Türkei

Interview: Nick Brauns

www.moviepilot.de/movies/grev

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Henry F. aus Berlin ( 7. Mai 2022 um 18:50 Uhr)
    Interessanter Artikel! Fehlt nur der Hinweis/Link wie/wo man Komplize werden kann, um den nächsten Film zu unterstützen.

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