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Wie scharf die Rezession wird

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Der Aktienmarkt der USA lieferte nach der vorher angekündigten Zinsanhebung der Notenbank (Federal Reserve/Fed) am vergangenen Mittwoch ein vorzügliches Bild der Unentschiedenheit. Erst ging es steil bergauf und einen Tag später noch steiler bergab. Am Donnerstag fiel der behäbige Dow-Jones-Index um drei Prozent, der breitgefächerte Index S&P-500 um gut vier Prozent und der Index der Nasdaq, wo die immer noch modernen Computer- und internetaffinen Werte gelistet sind, um fünf Prozent. Für einen einzigen Handelstag sind das ganz hübsche Veränderungen. Und wirklich sonderbar ist schon, dass die börsenbewegende Nachricht beim Aufwärtsschwung am Mittwoch und bei der noch schwungvolleren Rutschpartie der Börsenpreise am Donnerstag dieselbe war. Noch dazu war sie schon vorher »eingepreist«. Fed-Präsident Jerome Powell hatte schon mehrmals vorher betont, dass man mit dem Verkauf der Staatsanleihen noch im Juni beginnen, der Leitzins in dieser Woche erhöht werden würde, dass dem eine ganze Serie von Anhebungen folgen und dass es dieses Mal auch nicht nur um ein viertel Pünktchen, sondern einen halben Punkt nach oben gehen würde. Genau so geschah es auch.

Die Frage eines Journalisten, ob es bei der nächsten angekündigten Zinsanhebung im Juni vielleicht sogar um 0,75 Punkte nach oben gehen könne, wehrte Powell ab. Das schien bei vielen Spekulanten so verstanden worden zu sein, dass die Fed die Konjunkturbremse nicht noch härter anziehen will. Am nächsten Tag erhöhte die Bank von England ihren Leitzins und merkte realistisch an, dass eine Rezession (Rückgang der Wirtschaftsleistung) im Vereinigten Königreich nicht unwahrscheinlich sei. Der demnächst scheidende Chef von J. P. Morgan, der größten Bank der Welt außerhalb Chinas, James (»Jamie«) Dimon wurde zitiert mit der Aussage, er halte die USA betreffend keine Rezession, eine leichte oder eine schwere Rezession zu je einem Drittel für gleich wahrscheinlich. Wahrlich keine heiteren Aussichten.

Die Rezession wird auch in den USA nicht das Ergebnis der Bremsübungen der Notenbanker, sondern ganz platt der Teuerung auf breiter Front sein. Gebremst wird real dadurch, dass der gemeine Bürger bei steigenden Preisen real weniger Geld in der Tasche hat als vorher. Gerade dafür sind eigentlich große staatliche Ausgabenprogramme für die weniger Betuchten gedacht. Und um eine solche Rezession zu verhindern, haben die Notenbanken den Finanzboom der letzten dreißig Jahre mit allen Mitteln gefördert. Der einfachere Ausweg, dass die Beschäftigten sich die Einbußen durch die gestiegene Inflation durch höhere Löhne zurückholen und eine Preis-Lohn-Spirale in Fahrt setzen, soll jetzt durch die Bremsübungen der Zentralbanken verhindert werden. Um dieses hehren Zieles willen nehmen sie eine Rezession in Kauf.

Wie weit sie dabei gehen und ob sie sogar eine Krise des aufgeblähten Finanzsektors in Kauf nehmen werden, darüber ist der Streit im Finanzkapital entbrannt. Die Periode der unentwegt steigenden Aktienkurse ist jedenfalls zunächst vorbei.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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