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Mariupol: Halbe Wahrheit im Spiegel

Hamburg. Am Montag stellte der Spiegel ein dreiminütiges Video über die Evakuierung von Zivilisten aus dem Stahlwerk »Asowstal« in Mariupol ins Netz. Darin kam Natalia Usmanowa zu Wort, die vor dem ­Ukraine-Krieg in dem Werk angestellt war und mit ihren Kindern und ihrem Mann dort Schutz gesucht hatte. Das »Asow«-Regiment habe in zwei grauenhaften Monaten mehrfach ihre Evakuierung verhindert, erklärte sie im Spiegel-Video: »Wir haben versucht zu fliehen, wussten von den humanitären Korridoren, von der Evakuierung, aber wurden nicht rausgelassen.« Auf Youtube fand sich am Mittwoch auch ein längeres Video, dem die Interviewauszüge entnommen waren. »Sie haben uns im Bunker festgehalten«, wird Usmanowa da noch etwas deutlicher. »Sie haben sich dahinter versteckt, dass sie angeblich um unsere Sicherheit besorgt sind.« Immer wieder seien sie angebrüllt worden: »Geht zurück in den Bunker!« Nach der Evakuierung habe die Familie entschieden, nicht in die Ukraine zurückzukehren: »Die Ukraine ist als Staat für mich gestorben.«

Mittlerweile hat der Spiegel das Video »wegen nachträglich festgestellter inhaltlicher Unstimmigkeiten vorübergehend von der Seite genommen«. Er beruft sich darauf, das Videomaterial von der Nachrichtenagentur Reuters bezogen zu haben. (jW)

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.05.2022, Seite 15, Medien

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  • Onlineabonnent*in Josie M. aus 38448 Wolfsburg 5. Mai 2022 um 17:08 Uhr
    Man muss danach doch vermuten, dass der entsprechende »Spiegel«-Journalist von der Zensur zurückgepfiffen wurde.
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