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Aus: Ausgabe vom 05.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Eine schleichende Katastrophe

Von Gerd Bedszent
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»Amerika, baumbestanden, / wildes Dornengesträuch zwischen den Meeren, / von Pol zu Pol wiegtest du, grünende Pracht, / dein Wälderdickicht.«

Der zitierte Gedichtzyklus »Canto General« des chilenischen Nobelpreisträgers Pablo Neruda (1904–1973) ist leider weitgehend in Vergessenheit geraten. Der bereits schwerkranke kommunistische Dichter wurde 1973 von putschenden Militärs unter Hausarrest gestellt und verstarb wenig später. Viele seiner Freunde gehen bis heute von einem Mord aus. Die ganz am Anfang des Zyklus stehenden Liebesklärungen des Dichters an die Natur haben eine ungebrochene Aktualität in derzeit in seiner Heimat tobenden sozialen Auseinandersetzungen um die Ressource Wald.

Die 1973 installierte Militärregierung von General Augusto Pinochet war schon früh für neoliberale Deregulierungsprogramme verantwortlich. Die Resultate waren nicht nur heftige soziale Umverteilungen von unten nach oben, sondern auch massive Umweltzerstörungen durch Großunternehmen. Aus Bäumen gewinnt man Zellstoff. Zahlreiche Wälder wurden während der Diktatur in kommerziell betriebene Forstplantagen verwandelt. Hauptproduzenten von chilenischem Zellstoff sind die Konzerne CMPC und Arauco; deren Hauptabnehmer ist die deutsche Industrie.

Die Folgen für die chilenische Natur sind schrecklich. Wassermangel, Bodenerosion, Zunahme von Waldbränden. Faktisch handelt es sich um eine schleichende Katastrophe. Geht es im kürzlich produzierten Dokumentarfilm »Das verzweigte Aufbäumen« also um Umweltschutz? Nicht nur.

Der Film thematisiert bis heute andauernde soziale Folgen von unter der Diktatur umgesetzten Privatisierungsorgien am Beispiel der Region Araukanien im Süden von Chile. Bewohnt wird diese unter anderem von Angehörigen der indigenen Minderheit der Mapuche – Ureinwohner Chiles, die vom 16. bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts der europäischen Kolonisation heftigen Widerstand entgegensetzten. Auch das hat Neruda in seinem Zyklus geschildert.

Die Mapuche leben zum Teil noch in winzigen Bergreservaten und sind nicht selten bitter arm. Urwälder, Weinberge und Ackerland wurden von Forstkonzernen zu Spottpreisen aufgekauft und in Holzplantagen umgewandelt. Nach dem Ende der Diktatur wurden dann zwar zu Unrecht getätigte Enteignungen von Gemeineigentum zum Teil wieder rückgängig gemacht. Aber nur teilweise. Die Landrechtskonflikte dauern bis heute an. Viele Mapuche griffen zur Selbsthilfe und holten sich das einst geraubte Land per Besetzung zurück. Der Staat reagierte mit Gewalt. Seit dem Jahr 2019 herrscht in der Region der Ausnahmezustand.

Zahlreiche Menschen kommen zu Wort: Bauern und Bäuerinnen, Kommunalpolitiker, Pressesprecher der Holzkonzerne, auch Angehörige einer Kooperative, die versuchen, sich das Land ihrer Großeltern zurückzuholen. Und dann sieht man Jugendliche, fast noch Kinder, die sich mit Pflastersteinen gepanzerten Polizeifahrzeugen entgegenstellen. Eine Frau sagt in die Kamera, dass man nicht über Frieden verhandeln könne, solange die andere Seite eine schussbereite Waffe auf dem Tisch liegen hat …

»Das verzweigte Aufbäumen. Von Zellstoff, Landkonflikt und Widerstand in Chile«, Regie: Heiko Thiele, 87 Min., Chile/BRD 2021, www.zwischenzeit-muenster.de

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