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Aus: Ausgabe vom 05.05.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Zukunft der MV-Werften

Wind oder Wehrkraft

Gewerkschaft und Betriebsrat informieren über Lage insolventer MV-Werften. Rüstung und Militär interessiert. Stillstand bei Überlegungen zu Offshore-Windenergie
Von David Maiwald
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Demnächst Rüstungsstandort? Laut Berichten könnte Thyssen-Krupp Marine Systems in Wismar bald U-Boote bauen

Sie wünschen sich Klarheit. In einem Pressegespräch informierten IG Metall (IGM) und Betriebsräte der insolventen Werftengruppe MV-Werften am Mittwoch morgen über die Lage an den jeweiligen Werkstandorten in Rostock, Stralsund und Wismar. Denn die Transfergesellschaft, die die Standorte nach der Pleite übernommen hat, läuft zu Ende Juni aus. Darüber hinausgehende Pläne gibt es zwar für einige Teile der Werften. Für die knapp 2.000 Beschäftigten stehen verbindliche Zusagen aber noch aus, weswegen die ersten sich bereits nach neuen Arbeitsstellen umsehen, die Region verlassen. Die IGM beharre daher »hartnäckig« auf Perspektiven, äußerte sich Daniel Friedrich, IGM-Bezirksleiter Küste, zu Beginn der Pressekonferenz. Die Gewerkschaft fordert eine Verlängerung der Transfergesellschaft für mindestens vier Monate. Nur so könne man sicherstellen, »dass die Leute bleiben und es auch für Investoren Perspektiven gibt«, so Friedrich. Die Politik müsse auch eine Minderheitsbeteiligung in Erwägung ziehen.

Etwas Bewegung ist drin. Auf einer gemeinsamen Konferenz von IGM und Stiftung Offshorewindenergie wurde der Bau von Plattformen für Offshorewindkraft Ende März als tragfähige Perspektive für die Werftstandorte gehandelt. Auch gab es Übernahmen: In Stralsund hat die Stadt das Werftgelände gekauft, mit dem Metallverarbeiter Ostseestaal und der norwegischen Werft Fosen Yards auch schon Pächter gefunden. Die Meyer-Gruppe aus Papenburg und das Schiffbauunternehmen Fassmer werden das Ingenieurbüro Neptun Ship Design in Rostock übernehmen, außerdem hat sich die Hamburger Eppendorf SE das Kabinenfertigungswerk in Wismar einverleibt. Militär und Rüstungsproduktion haben die Werften ebenfalls im Blick: Auf den Rostocker Standort hat offenbar die Bundeswehr ein Auge geworfen. Nach verschiedenen Berichten zeigt die Rüstungswerft Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) Interesse am Standort Wismar.

Und doch Stillstand. »Es passiert nichts, null«, monierte Betriebsratsvorsitzender Bernd Fischer in der Pressekonferenz. War man nach der Offshorekonferenz noch »euphorisch«, habe es in Richtung Windenergie seitens der Bundesregierung keinen weiteren Schritt gegeben, erklärte Fischer. Auch Ostseestaal und Fosen Yards hätten bisher »keinen einzigen Arbeitsplatz gebracht«, beschwerte sich der Vorsitzende. Man habe Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) klargemacht, »dass wir in der Lage sind, für Offshore zu bauen«, bemerkte auch Ines Scheel vom Standort in Wismar. Getan habe sich nichts. »Aber alle sagen, wir kriegen die Energiewende nur hin, wenn wir Offshore weiter ausbauen«, ärgerte sich die Betriebsratsvorsitzende. Durch die Meyer-Übernahme seien in Rostock bereits die Ingenieure abgewandert, weitere Beschäftigte verließen die Region. »Wenn wir nicht bald ein Signal geben, wer soll dann noch für mögliche Investoren zur Verfügung stehen?« Auch die Fertigstellung des Kreuzfahrtschiffes »Global 1« sei für die Beschäftigten in Wismar noch immer die »brennende Frage«.

Für die Beschäftigten in Rostock wäre der Bau von Offshoreplattformen wünschenswerter, sagte Betriebsratsvorsitzender Jörg Sens. Das »Marinearsenal« sei eine »Chance für die Kolleginnen und Kollegen«, sagte der IGM-Branchenbeauftragte für Schiffbau, Heiko Messerschmidt, im junge Welt-Interview (Mittwoch). Es gebe noch »andere Player«, äußerte sich Gewerkschafter Friedrich im Pressegespräch. Noch sei unklar, »ob das Realität wird«. Das Sondervermögen für die Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro könne Perspektiven schaffen. Derzeit zeige sich, »wie wichtig eine gut ausgestattete Bundeswehr« sei, einsatzfähig »für die Verteidigung und auch im Bündnisfall«.

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