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Aus: Ausgabe vom 05.05.2022, Seite 4 / Inland
Schläger in Uniform

Wut über Polizeigewalt

Mannheim: Proteste nach Tod eines Mannes bei Festnahme. Zeugen belasten Polizisten schwer
Von Kristian Stemmler
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Die Teilnehmenden der Spontandemo in der Mainmetropole protestieren gegen institutionellen Rassismus und Polizeigewalt (Frankfurt am Main, 3.5.2022)

Nach dem Tod eines psychisch erkrankten 47jährigen am Montag in Mannheim, der bei einer Festnahme von zwei Polizisten mit Pfefferspray besprüht und mit Schlägen gegen den Kopf traktiert worden war, ist es am Dienstag abend in mehreren Städten zu spontanen Demonstrationen gegen Polizeigewalt gekommen. So demonstrierten auf dem Marktplatz in Mannheim etwa 200 Menschen. Auf dem Boden war die Aufschrift »Mord durch Polizei« zu lesen. In Heidelberg zogen nach Veranstalterangaben rund 600 Menschen durch die Innenstadt, einem Aufruf der »Antifaschistischen Initiative Heidelberg« folgend. »Gegen Polizeiterror und staatliche Gewalt« hieß es auf Bannern.

Auch in Frankfurt am Main kam es am Dienstag abend zu einer Spontandemo. Rund 300 Aktivisten, aufgerufen vom Aktionsbündnis »Black ­Power Frankfurt«, zogen unter dem Motto »Enough ist Enough!« durch die Innenstadt. »Mannheim, das war Mord! Widerstand an jedem Ort!« twitterte das Bündnis. Auf dem Instagram-Account der Gruppe hieß es: »Wir haben voller Hass und Abscheu den Mord durch die Bullen in Mannheim gesehen!«

Tatsächlich werden die beiden Polizeibeamte durch Videos von der Festnahme und Augenzeugenberichte schwer belastet. Wie der SWR berichtete, sind beim Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart, das zur Wahrung des Scheins von Neutralität die Ermittlungen gegen die Mannheimer Kollegen übernommen hat, mittlerweile rund 70 Videos zum Fall eingegangen. Rund 30 Zeugen hätten sich gemeldet. Nach Informationen von junge Welt sagen viele von ihnen übereinstimmend aus, dass der 47jährige bereits von den Polizisten mehrfach geschlagen worden war, bevor es zu den beiden Hieben gegen das Gesicht kam, die in einem im Internet kursierenden Video zu sehen sind. In einem Beitrag bei Focus online erklärte ein Zeuge, dass der von den Polizisten durch die Innenstadt gejagte Mann von diesen insgesamt »10 bis 20 Mal geschlagen« worden sei. Brisant ist auch, dass nach jW-Informationen zahlreiche Augenzeugen den Eindruck hatten, der 47jährige sei bereits tot gewesen, bevor er in ein Rettungsfahrzeug verbracht und ins Universitätsklinikum transportiert wurde.

Am Mittwoch sollte die Leiche in der Rechtsmedizin Heidelberg obduziert werden. Das Ergebnis soll frühestens Ende der Woche vorliegen. Gegen die beiden beteiligten Polizeibeamten wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Amt mit Todesfolge eingeleitet. Laut LKA hatte der Mann die deutsche Staatsangehörigkeit und einen kroatischen Migrationshintergrund, wie jW am Mittwoch berichtet hatte. Laut SWR war der Mann seit 20 Jahren wegen Angstzuständen in Behandlung, ein Verwandter beschreibe ihn als gutmütigen Menschen.

Die bürgerlichen Medien hielten sich in ihrer Mehrheit auch am Mittwoch an das von Polizei und Staatsanwaltschaft in einer Mitteilung vom Montag gesetzte Narrativ. Gegen den 47jährigen habe »unmittelbarer Zwang« angewendet werden müssen, dann sei er »plötzlich kollabiert«. Von den im Video zu sehenden Faustschläge gegen den am Boden fixierten Klinikpatienten ist in der Mitteilung nicht die Rede. Die Polizisten sind laut dpa bislang nicht vom Dienst suspendiert worden. Die »Föderation Demokratischer Arbeitervereine« (DIDF) forderte am Mittwoch eine lückenlose Aufklärung des Einsatzes. Die Polizeigewalt habe System. Seitdem die neuen Polizeigesetze in Kraft getreten sind, sei die Gewalt »völlig enthemmt«.

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