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Aus: Ausgabe vom 02.05.2022, Seite 7 / Ausland
Außengebiete Frankreichs

Hauptsache nicht Macron

Französischer Präsident in Überseegebieten unbeliebt – Chance für Opposition bei Parlamentswahlen
Von Hansgeorg Hermann
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Kein Vertrauen in Frankreich: Protest gegen die Pariser Coronapolitik in Petit-Bourg (23.11.2021)

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Am 14. Mai beginnt die zweite Amtszeit des am 24. April gewählten französischen Präsidenten Emmanuel Macron. 21 Kanonenschüsse, abgefeuert in den Gärten des Pariser Hôtel des Invalides, werden die »Investiture«, die pompöse Amtseinführung, ebenso begleiten wie die »Ehrenbezeugung« der berittenen Garde républicaine in ihren Operettenuniformen. Ein bizarres Schauspiel mit Gepränge, Flaggenparade und der nationalen Hymne »Marseillaise«. Im Schatten der Veranstaltung allerdings warten bereits Macrons Gegner, die ihn am 12. und 19. Juni bei den Parlamentswahlen besiegen wollen.

Wenn Macron in zwei Wochen in den Élysée-Palast zurückkehrt, wird sich seine bisherige Regierung mitsamt Premierminister Jean Castex offiziell bereits verabschiedet haben. Vor fünf Jahren hatte der Staatschef seinen damaligen Ministerpräsidenten Édouard Philippe schon am Tag nach der Amtseinführung ernannt, das Ministerkabinett nur 48 Stunden später. Die Frage stellt sich, ob er seine Regierung auch diesmal auf eine breite Mehrheit seiner Partei La République en marche wird stützen können.

In der Karibik und im Indischen Ozean – vor allem in Guadeloupe, Réunion und Martinique – scheint die Sache klar zu sein: Dort entschieden sich die Menschen in beiden Durchgängen der Präsidentschaftswahl klar gegen Macron. Besorgt beobachtet Paris ein Phänomen, das sich bei den Parlamentswahlen im Juni wiederholen könnte. Bei der ersten Tour wählten die Widersacher des Staatschefs den linken Bewerber Jean-Luc Mélenchon auf den ersten Platz. Als der am Ende landesweit nur den dritten Platz erreichte und aus dem Rennen schied, gaben sie ihre Stimme der zweitplazierten Faschistin Marine Le Pen. Eine »abenteuerliche« Berg- und Talfahrt zwischen zwei politischen Polen der Republik, die sich weder die allgegenwärtig und zahlreich auftretenden Fernsehexperten noch Macrons Beraterkreis definitiv erklären konnten.

Beispiel Guadeloupe: Dort stand die Wählerschaft zunächst eindeutig hinter Mélenchon und gab ihm am 10. April 56,61 Prozent der Stimmen. Der Präsident landete mit 13,43 Prozent weit abgeschlagen, noch hinter Le Pen mit 17,92 Prozent, auf Platz drei. Eine Revolution, geführt gegen Macron, den neoliberalen Repräsentanten der Zentralmacht in Paris. Zwei Wochen später glich das Ergebnis dagegen einer Konterrevolution: Weil der Linke Mélenchon aus dem Rennen war, gewann diesmal Marine Le Pen mit knapp 70 Prozent der Stimmen – gegen nur 30 Prozent für Macron. Eine Kriegserklärung der Inselbewohner, die in der Politik des früheren Bankers einen der Gründe für ihre anhaltende Armut ausmachten und in dessen bisweilen offen zur Schau getragenen Arroganz auch Verachtung für die »Außenseiter« der Republik erkannten.

Mélenchon will sein Präsidentschaftsergebnis in den Departements in Übersee im Juni mit seiner Partei La France insoumise wiederholen und vor allem seine Gegnerin Le Pen zurück in die Ränge verweisen. Er bezeichnete die Ergebnisse in Guadeloupe jüngst als soziales Phänomen. Im »verseuchten Paradies«, wie die Tageszeitung Die Welt die Insel in der Vergangenheit nannte, vergifteten weiße Grundbesitzer aus dem Zentralstaat die einheimische schwarze Einwohnerschaft mit Pestiziden, während Paris zuschaute. Die Ärmsten der Republik arbeiteten in den Bananenplantagen, während vor ihren Haustüren über Jahrzehnte in Europa bereits verbotene Chemikalien Gewässer unbrauchbar und die Menschen krank machten. Dem daraus resultierenden Widerstand in der Karibik hatte Macron bisher nichts entgegenzusetzen.

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