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Aus: Ausgabe vom 29.04.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Ohne Scham, ohne Reue

Schwer auszuhaltende Selbstgerechtigkeit: Für seinen letzten Dokumentarfilm sprach Luke Holland mit greisen Nazis
Von Annuschka Eckhardt
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Was alle wussten und keinen scherte: Filmszene aus »Final Account« von Luke Holland

Es beginnt mit einer Fahrt durch ein deutsches Dorf. Die saubere Dorfstraße entlang. Eine altersschwache Stimme beginnt zu singen: »Mit scharfer Klinge in den Judenwanst.« Zwischen Kuckucksuhren und Ohrensesseln in Pflegeheimfluren interviewt, sprechen SS-Männer, KZ-Wachen und eine Frau aus der KZ-Verwaltung mit nüchterner Selbstverständlichkeit über ihre Untaten. Waren sie alle bloß von Gehorsam getrieben, funktionierende Rädchen im mörderischen Getriebe?

In »Final Account«, dem letzten Film des im Juni 2020 verstorbenen Dokumentarfilmregisseurs Luke Holland, geht dieser auf die Suche nach seiner eigenen Familiengeschichte. Geboren in Shropshire, England, wuchs er in Paraguay auf. Dort lernte er Spanisch, Englisch und Deutsch. Erst als Teenager fand Holland heraus, dass seine Mutter Jüdin war und kurz vor dem Einzug der Nazis aus Wien fliehen konnte. Ihre Familie überlebte den Holocaust nicht. 2008 machte sich der britische Regisseur auf den Weg in die Bundesrepublik und nach Österreich, um die Täter der Nazizeit noch vor deren Tod zu interviewen.

Die Machart des Films ist unaufgeregt, Holland führt die Interviews und filmt dabei selbst. Er lässt die Alten sprechen, unterbricht nicht. Immer wieder taucht die Frage auf, was genau oder wieviel sie wussten. Fast alle behaupten zunächst, sie hätten gar nichts gewusst. Nur hinter vorgehaltener Hand – die altersfleckigen Hände wandern zum Mund – sei davon geflüstert worden.

Ein ehemaliger Wehrmachtssoldat steht auf dem Bauernhof seiner Familie. Er zeigt auf die Ecken der Scheune, in denen sich Flüchtende aus dem nahegelegenen KZ Bergen-Belsen versteckt hatten. Wie selbstverständlich erzählt der überzeugte Nazi davon, wie er und seine Familie bei den KZ-Aufsehern anriefen, die Flüchtenden denunzierten und abholen ließen. Was danach mit ihnen passiert sei, »wisse man nicht«. Der alte Mann erzählt es ohne Reue oder Scham.

»Die Befragten verpackten ihre Enthüllungen oft in stundenlange, völlig banale Geschichten über ihre Jugend und die damalige Zeit. Diese Hintergründigkeit ist es, die einen besonders berührt«, erklärte Holland. Es ist nicht einfach, in die Gesichter der Alten zu sehen.

Was war mit dem Rauch, der aus den Schornsteinen aufstieg? Wenn der Rauch in Kringeln aufstieg, wusste eine Frau aus der Buchhaltung: »Jetzt haben sie wieder nachgelegt.« Ihre Baracke war nur 20 Meter entfernt. Aber »als Lohnbuchhalterin habe ich damit nichts zu tun gehabt«. Die Lagerinsassen bekamen natürlich keinen Lohn, man notierte freilich ihre Arbeitsstunden.

Originalaufnahmen wurden nachkoloriert und zwischen die Interviews montiert. Den Tätern werden weder Opfer noch Erklärungen von Experten gegenübergestellt. Die Täter erzählen ihre Version der Geschichte. Holland greift erst stärker mit Nachfragen und Einwürfen ein, sobald es um die Frage der Täterschaft geht. Die Interviewten geben ganz unterschiedliche Antworten. Manche machen so wütend, dass man die alten Köpfe packen und gegen die Wand schlagen möchte. Luke Holland: »Es fiel mir immer schwer, die Banalität, mit der meine älteren Interviewpartner von ihren schrecklichen Taten erzählten, zu verkraften.«

»Final Account« basiert auf rund 300 gefilmten Interviews mit Tätern der Nazizeit. Die für den Film nicht verwendeten Aufnahmen sind in London am University College und der Wiener Holocaust Library sowie im Institut national de l’audiovisuel in Paris archiviert. Diese filmischen Dokumente entlarven die Erzählung vom kollektiven Nichtwissen der Deutschen als Lüge.

»Final Account«, Regie: Luke Holland, UK/USA 2020, 93 Min., Kinostart: gestern

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