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Aus: Ausgabe vom 29.04.2022, Seite 5 / Inland
Hauptversammlung

Bunte und bittere Pillen

Der Bayer-Konzern lädt an diesem Freitag zur Hauptversammlung im Internet. Proteste sind angekündigt, Gegenanträge eingereicht
Von Jan Pehrke
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»Status der Unabdingbarkeit reklamiert«: Werk der Bayer AG in Leverkusen

Das Jahr 2021 war ein richtig gutes für Bayer«, freute sich Werner Baumann in seiner vorab veröffentlichten Rede zur an diesem Freitag stattfindenden Hauptversammlung. »Seit Jahresbeginn hat unsere Aktie um 40 Prozent zugelegt«, jubelte der Konzernchef darin weiter. Der Umsatz des Chemieriesen stieg demnach um fast neun Prozent auf 44,1 Milliarden Euro. Im Agrarbereich florierte vor allem der Absatz von gentechnisch verändertem Soja- und Maissaatgut. Aber nicht nur das. »Auch unser Geschäft mit Herbiziden hat deutlich zugelegt«, so der Ober-Bayer. Das Wort »Glyphosat« nimmt er da lieber nicht in den Mund. Die Pharmasparte machte derweil mit dem Augenpräparat Eylea und dem Gerinnungshemmer Xarelto mehr Gewinn. Zudem konnte der Global Player einen Coronaeffekt verbuchen. Da sich »die Verbraucherinnen und Verbraucher infolge der Pandemie stärker auf ihre tägliche Gesundheit konzentrieren«, verkaufte das Unternehmen mehr Nahrungsergänzungsmittel und andere bunte Pillen.

Angesichts von Pandemie und Krieg betrachtet Baumann die Produkte des Konzerns als »systemrelevant«. Demnach deckten sie die »Grundbedürfnisse Gesundheit und Ernährung« ab. Dabei landen die Erzeugnisse der Landwirtschaftsabteilung statt auf dem Teller vornehmlich in den Tanks oder Trögen der Massentierhalter. An wirklich essentiellen Arzneimitteln herrscht im Hause Bayer ebenfalls ein Mangel. Die Aktiengesellschaft aber reklamiert den Status der Unabdingbarkeit für sich, um sich gut in Position zu bringen, sollte es infolge des Kriegs in der Ukraine zu einer Rationierung von Energie kommen. Der Konzern will ganz vorne mit dabei sein, »wenn es darum geht, sehr kritische Produktion im Verhältnis zu weniger kritischen Produktionen zu privilegieren«, wie Baumann in einem Interview mit dem Podcast The Pioneer-»Briefing« betonte.

Der Agroriese hatte sich schon vor einiger Zeit in eine gute Position gegenüber den Finanzbehörden verschafft. Bayers Heimstadt Leverkusen gab sich 2019 im Steuerwettbewerb geschlagen und senkte die Gewerbesteuer, was der Konzern mit der Ansiedlung einer Flut von Briefkastenfirmen dankte. Abenteuerliche Konstruktionen wie das Betriebspachtmodell, die Generierung ebenso virtueller wie steuerwirksamer Kosten durch konzerninterne Deals mit Krediten, Marken- und Lizenzrechten taten ein übriges, um die Abgabenlast zu senken. Die Bayer AG etwa, die BRD-Geschäfte bündelt, überwies 2021 trotz eines um eine Milliarde auf 15,5 Milliarden Euro gestiegenen Umsatzes mit 270 Millionen ganze 307 Millionen Euro weniger an den hiesigen Fiskus als 2020.

Dafür will der Aufsichtsrat Baumann mit 8,2 Millionen Euro inklusive Pensionszusagen entlohnen. Das Gremium befand es für »angemessen«, den Vorstandsvorsitzenden mit dem 95fachen des durchschnittlichen Jahresgehalts eines Tarifbeschäftigten beim Leverkusener Multi zu bedenken.

Mit direkter Kritik an solchen und anderen Operationen will der Konzern auch dieses Jahr nicht direkt konfrontiert werden und flüchtet mit seiner Hauptversammlung ins Internet. Vor Protesten schützt das nicht. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) will in Leverkusen eine Kundgebung abhalten, auf der unter anderem die brasilianische Pestizidkritikerin Larissa Bombardi sprechen soll. Auch die Leverkusener »Fridays for Future« haben eine Demonstration zur Unternehmenszentrale angekündigt. Die CBG reichte acht Gegenanträge ein und übermittelte Bayer nicht weniger als 257 Fragen. Formuliert wurden sie von der CBG selbst und von Bündnispartnern wie der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, dem Gen-ethischen Netzwerk, dem BUND und der IG Saatgut.

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