Gegründet 1947 Dienstag, 24. Mai 2022, Nr. 119
Die junge Welt wird von 2636 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 28.04.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Klimapolitik und Transformation

Bluff mit Biomasse

Berlin: Energiekonzern Vattenfall will Holzverfeuerung stark ausweiten. Umweltaktivisten protestieren
Von Oliver Rast
DSC_1215.jpg
Ausnahmslos: Weg von allen fossilen Energieträgern, hin zu echten Erneuerbaren (Berlin, 27.4.2022)

Es ist ein Trend der Energiekonzerne: statt Gas und Kohle Biomasse, speziell Holz, einzusetzen. Auch bei Vattenfall, beim eigenen Angaben zufolge fünftgrößten Stromerzeuger in Europa. Ein Beispiel: Im Berliner Heizkraftwerk im Ortsteil Moabit soll die Menge von verfeuertem Holz in den kommenden fünf Jahren auf rund 450.000 Tonnen jährlich steigen, so wollen es die Bosse in der Firmenzentrale im fernen Schweden. Aktuell sind es knapp 88.000 Tonnen, anders ausgedrückt: Der Konzern will das Quorum zwecks Energieerzeugung verfünffachen. Dafür wird das Werk aktuell umgerüstet, ein Biomassekessel für die Verfeuerung von Holz – in der Regel Hackschnitzel und Pellets – gebaut. Bereits jetzt wird Biomasse der Steinkohleverbrennung beigemischt. Technisch ist das in Moabit möglich.

Grund genug für Protest samt Pressetreff. Am Mittwoch vormittag organisierten Klimaschützerinnen und Klimaschützer von Robin Wood, dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der Deutschen Umwelthilfe (DUH) vor der Zufahrt zum Moabiter Kraftwerk eine Kundgebung. Etwa 30 Teilnehmende des lokalen Bündnisses »Kohleausstieg Berlin« kamen zusammen, oft Delegierte ihrer Verbände. Eine Aktion direkt im Vorfeld der Vattenfall-Hauptversammlung am Donnerstag. »Vattenfall versucht, mit dem Wechsel von der Kohleverstromung zur Holzverfeuerung sein Image aufzupolieren«, sagte Ute Bertrand, Pressesprecherin von Robin Wood, am Mittwoch im jW-Gespräch. Nur, mehr als ein »Biomassebluff« sei das nicht. Und Ausdruck einer klimaneutralen Energiewende schon gar nicht. Denn beim Wechsel von Kohle auf Holz werde bei der Verstromung gleichfalls Kohlendioxid in großen Mengen freigesetzt. Bertrand: »Wir kommen dann von einem Übel zum nächsten.« Und: Nicht nur in Berlin protestierten Aktivistinnen und Aktivisten. Zeitgleich Ökogruppen in Schweden, Großbritannien und den Niederlanden. Ferner im virtuellen Raum unter dem Hashtag »Vattenfail«.

Die Stromriesen sehen das – erwartbar – komplett anders. Ihre Standardargumentation: Heizen mit Holz sei klimaneutral, weil lediglich das an Kohlendioxid beim Verbrennen freigesetzt würde, was zuvor an Kohlenstoff durch den Baum gebunden wurde. Vorrangig werde Schad- und Restholz verwendet. Und außerdem sei Holz ein nachwachsender Rohstoff. Ohnedies: Aufforstungen fänden schließlich statt, würden als Teil einer »grünen Unternehmensphilosophie« finanziell gesponsort. Kurzum: Energiepolitisch sei der Umstieg auf Holzverbrennung ein enormer Vorteil im Vergleich zu Ressourcen, die endlich seien. Jedenfalls solange in Deutschland insgesamt mehr Holz nachwächst als eingeschlagen und genutzt wird. Die bisherigen Bundeswaldinventuren belegten demnach für zurückliegende Zeiträume einen stetigen Vorratszuwachs und eine nachhaltige Waldbewirtschaftung hierzulande.

Und Vattenfall in Berlin? Ein Konzernsprecher am Mittwoch zu jW zunächst so: »Die Umstellung der Wärmeversorgung, insbesondere die Dekarbonisierung der städtischen Wärmeversorgung, ist für uns von zentraler Bedeutung.« Interessanter das: Dafür sei im vergangenen Jahr zum zweiten Mal eine sogenannte Nachhaltigkeitsvereinbarung mit dem Land Berlin abgeschlossen worden. Gegenrede kommt prompt. Diese Vereinbarung sei an vielen Punkten »schwammig, ohne klare Definitionen, was an Brennholz aus einer nachhaltigen Forstwirtschaft stammt«, kritisierte Michaela Kruse, Nabu-Campaignerin für Energie und Kohleausstieg, gleichentags im Gespräch mit dieser Zeitung. Vattenfall wolle vor allem sein »angegrüntes« Geschäftsmodell durchsetzen, kräftig über den Einsatz von Biomasse expandieren. Die Folgen seien klar. Die rasant steigende Nachfrage werde zu einem »massiv erhöhten Holzeinschlag führen«, befürchtet Kruse.

Aus Sicht klimabewegter Aktivistinnen und Aktivisten dürfe insbesondere Bauholz nur für langlebige Produkte verwendet werden, im Wohnungsbau etwa. Überbleibsel wie Sägespäne zu Spanplatten zu verarbeiten, sei okay. Kruse weiter: »Nur Reste von Resten für die Energieerzeugung.«

Entscheidend ist aber, intakte Ökosysteme wie Wälder, die ein wichtiger Kohlendioxidspeicher sind, zu schützen. Mehr noch: »Für faule Ausreden fehlt die Zeit, um die Klimawende doch noch zu schaffen«, betonte Bertrand von Robin Wood. Emissionen müssten jetzt gesenkt werden, radikal – und der Umstieg auf echte erneuerbare Wärme und Strom stehe eben jetzt an. Deshalb: Vattenfalls Pläne zur massenhaften Holzverfeuerung stoppen.

Die junge Welt online lesen

Die Berichterstattung der Tageszeitung junge Welt ist in der Friedensfrage oder zu Sozialabbau anders. Sie liefert Fakten, Hintergrundinformationen und Analysen. Das Onlineabo ist ideal, zum recherchieren und informiert bleiben. Daher: Jetzt Onlineabo abschließen!

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (29. April 2022 um 12:07 Uhr)
    An C. Hoffmann: Offenbar ist der durch den westlichen Imperialismus verwöhnte deutsche Michel, bequem geworden und hält seinen gottgegeben »Wohlstand« für einen Anspruch. Zur Erinnerung: unsere Vorfahren sind in den letzten zwei Jahrtausenden ohne fossile Energieträger, Industrie und mehrere Pullover ausgekommen. Und das im Winter im nicht gerade einladenden, deutschen Winterwalde (meiner ist eine bitterkalte Puszta). Überlebt haben sie trotzdem. Was ist also so schlimm daran, wenn ich hier einer linken Zeitung meine Gedanken darüber mitteile, dass die Energiewende erzwungen wurde und wir diese Chance nutzen sollten? Trotzdem wünsche ich Ihnen, Herr Hoffmann, und uns allen einen angenehmen nächsten Winter.
  • Leserbrief von C. Hoffmann (28. April 2022 um 15:18 Uhr)
    An Istvan Hidy: Ich wünsche uns einen sehr kalten Winter 2022/23, damit auch jeder, der gern Opfer bringen möchte, überprüfen kann, ob es bei 15 Grad Celsius Zimmertemperatur wirklich reicht, wenn man mehrere Pullover übereinander zieht. Aus meiner Lebenserfahrung mit einem Wechsel der Heizungsanlage in der kältesten Woche des damaligen Winters (Tagesdurchschnittstemperaturen minus 10 Grad Celsius, Tiefsttemperaturen nachts minus 16 Grad Celsius) kann ich berichten, dass es nicht reicht. Und nein, ich bin nicht bereit, für politische Idiotie jedweden Preis zu zahlen. Technisch sinnvolle, machbare und bezahlbare Lösungen – gern.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (28. April 2022 um 13:42 Uhr)
    Dass Moskau kein Gas mehr nach Polen und Bulgarien liefert, hat Europa die Abhängigkeit von Russland erneut vor Auge geführt. Aber der 27. April könnte auch als der Tag in die Geschichtsbücher eingehen, an dem Putin Westeuropa, das in der Sackgasse gesteckt hat, den entscheidenden Stoß weg von den fossilen Brennstoffen gegeben hat. Seit Beginn des Kriegs sind selbst skeptische EU-Länder mit einer Ernsthaftigkeit dabei, nach grünen Alternativen zu suchen – was bisher kaum denkbar war. Statt für ihr Recht auf fossile Brennstoffe auf die Straße zu gehen, stellen sich die Menschen auf Opfer ein. Aber nicht nur die Akzeptanz der Menschen hat sich geändert, auch in den Köpfen der konservative Politiker ist etwas passiert: Der Krieg hat einen neuen Pragmatismus in die Debatte gebracht – und der kann der europäischen Energiewende nur guttun.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Früher oder später wird er kommen – der Gasausstieg bei der Wärm...
    21.01.2022

    Richtig einheizen

    Die Berliner Koalition bekennt sich zu den Pariser Klimazielen und verschläft den Erdgasausstieg. Für Berliner Mieter könnten die Folgen fatal sein – ein Blick nach Bremen zeigt, wie es auch anders gehen könnte

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit