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Aus: Ausgabe vom 28.04.2022, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Opfer der Ausbeutung

»Es geht oft nur um Profit«

Workers’ Memorial Day: IG BAU ruft zum Gedenken für Opfer von Arbeitsunfällen auf. Ein Gespräch mit Gerhard Citrich
Interview: Gitta Düperthal
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Gefährlicher Job: Gebäudereiniger in schwindelerregender Höhe auf dem Dresdner WTC (19.4.2018)

Bundesweit ruft die IG BAU an diesem Donnerstag dazu auf, der Opfer von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten zu gedenken. Was ist der Hintergrund des »Workers’ Memorial Days«?

Der 28. April wurde 1985 in Kanada vom Gewerkschaftsverband Canadian Labour Congress zum jährlichen Arbeitergedenktag erklärt. Die IG BAU schloss sich dem als erste Einzelgewerkschaft des Deutschen Gewerkschaftsbunds, DGB, im Jahr 2011 erstmals an. Denn auf dem Bau passieren die meisten Arbeitsunfälle mit Schwerverletzten oder gar mit Todesfolge. Deshalb rufen wir an diesem Donnerstag die Beschäftigten im Betrieb, auf der Baustelle oder im Homeoffice auf, um 12 Uhr eine Minute lang die Arbeit niederzulegen. Gedacht wird der Opfer von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten auch mit einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Berliner Gedächtniskirche und einer Trauerfeier im Gelsenkirchener Fußballstadion.

Statistisch haben etwa 80 Prozent der Baubetriebe weniger als zehn Beschäftigte. Da spielt der Arbeitsschutz oft eine untergeordnete Rolle, so nach dem Motto: »Mal eben was machen, es wird schon nichts passieren.« Viele erkranken, weil sie mit dem 1993 verbotenen Baustoff Asbest in Kontakt kamen. Jetzt werden viele Häuser renoviert, deren Baumaterialien aus früheren Zeiten stammen. Die Arbeitgeber sind in der Pflicht, für den Arbeits- und Gesundheitsschutz ihrer Beschäftigten zu sorgen. Sie müssen beispielsweise auch Gefährdungsbeurteilungen machen: Wo muss ein Helm aufgesetzt werden – etwa wegen herabstürzender Teile? Darum geht es: Schnelligkeit darf nicht vor Sicherheit gehen.

Welche Erkrankungen und Unfälle kommen besonders häufig vor?

Gefährlich arbeiten Bauarbeiter, Forstleute, Gebäude- und Fensterreiniger, aber auch Beschäftigte in der Landwirtschaft. Zu den Gesundheitsrisiken für sie zählen Stürze vom Gerüst oder von Leitern sowie Unfälle mit Maschinen, aber auch Stress und hohe Arbeitsbelastung. Nach mehr als zwei Jahren Pandemie fühlen sich viele erschöpft: Spätestens dann hätte es während der Montage für alle Beschäftigten Einzelschlafplätze geben sollen. Bis heute ist das oft nicht der Fall; nach wie vor fehlt jegliche Privatsphäre. Im Fokus des diesjährigen »Workers’ Memorial Days« steht das Thema psychische Belastungen.

Welche weiteren Bedingungen verursachen Stress?

Ich selber habe auf dem Bau gearbeitet. Meiner Erfahrung nach gibt es zwar kaum Fremdenfeindlichkeit, der Arbeitsbereich ist schon lange »multikulti« besetzt. Oft genug gibt es aber Sprachprobleme, Dolmetscher fehlen, man kann sich untereinander nicht verstehen. Auf der Strecke bleibt das Miteinander. Viele haben lange Anfahrtwege zur Arbeit, schuften dann bis zu zehn Stunden auf dem Bau. Sie sehen ihre Familie kaum mehr. Es geht oft nur um Profit.

Nehmen Beschäftigte ausbeuterische Arbeitsbedingungen in Kauf, weil sie sonst befürchten müssten, die Arbeit zu verlieren und im Hartz-IV-System zu landen – mit allen bekannten Erniedrigungen? Das IFO-Institut München stellte 2021 fest, Hartz IV erhöhe mit seinen Sanktionen die Bereitschaft, Beschäftigungen anzunehmen, mit denen »ein geringerer Lohn« einhergehe.

In der Tat ist es anders nicht zu verstehen, weshalb Menschen Jobs mit wenig Lohn und zu schlechten Bedingungen annehmen, zumal so für sie keine existenzsichernde Rente zu erwarten ist. Da sind wir wieder beim Thema Gesundheit. Wir sehen auch die Gefahr, dass Menschen aufgrund langer Krankheit plötzlich in Hartz IV abrutschen können.

Die IG BAU bewirbt auf ihrer Webseite den Gedenktag mit einem Video mit Hubertus Heil von der SPD. Ist das nicht widersprüchlich, da die SPD Hartz IV überhaupt erst hervorgebracht hat, also quasi Mitverursacher all dieser Probleme ist?

Wir sind parteiunabhängig. Zwar nutzen wir in dieser Angelegenheit die Popularität des Bundesarbeitsministers, weil auch er betont, wie wichtig es ist, an den Arbeits- und Gesundheitsschutz zu denken. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir in anderer Sache nicht regierungskritisch wären und die Hartz-Gesetze nicht kritisieren würden. Die Ampelregierung muss sie abschaffen.

Gerhard Citrich ist Leiter der Abteilung Arbeits- und Gesundheitsschutz bei der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU)

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