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Aus: Ausgabe vom 26.04.2022, Seite 6 / Ausland
Tödliche Route Mittelmeer

Flucht vor Perspektivlosigkeit

Schiff mit Geflüchteten kentert vor libanesischer Küste. Bundesministerin Schulze in Beirut
Von Karin Leukefeld, Beirut
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Libanesische Marinepatrouille auf der Suche nach Opfern des Bootsunglücks vor Tripoli (25.4.2022)

Vor der nordlibanesischen Küste ist in der Nacht zum Sonntag ein Boot mit mehr als 60 Menschen gekentert, die über das Mittelmeer nach Europa flüchten wollten. Nach Angaben eines Überlebenden kam es dazu, weil das Boot gerammt wurde, als der Kapitän versucht hatte, zwei Schiffen der Küstenwache zu entkommen. Marinechef Haissam Dannaoui wies die Anschuldigungen am Montag zurück und erklärte, das zehn Meter lange Schiff hätte lediglich sechs Personen transportieren dürfen. Nach einem Zusammenstoß mit der Patrouille sei es deshalb innerhalb von Sekunden gesunken. Die Marine habe Schwimmwesten ins Wasser geworfen und 48 Personen retten können. Sechs Personen seien bisher tot aus dem Meer geborgen worden, die Suche nach Vermissten gehe weiter. Die Toten wurden am Sonntag ins Leichenhaus der Stadt Tripoli gebracht. Wie AFP berichtete, versammelten sich dort auch die Angehörigen der Opfer, es kam zu Ausschreitungen.

Zwischen Januar und November 2021 registrierte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mindestens 1.570 Personen, die versucht haben, den Libanon auf dem Seeweg Richtung EU zu verlassen. Die meisten von ihnen, die die rund 2.000 US-Dollar (etwa 1.870 Euro) für die gefährliche Überfahrt auf einem Kutter Richtung Zypern bezahlten, sind jedoch keine Libanesen, sondern Syrer oder Palästinenser. Nach Angaben der libanesischen Marine hat die Küstenwache in der zweiten Jahreshälfte 2021 mindestens 500 Geflüchtete daran gehindert, in die etwa 175 Kilometer entfernt liegende Republik Zypern zu gelangen. Die Einsätze erfolgen in Absprache mit der EU. Auch Deutschland unterstützt die libanesische Marine dabei, etwa durch Ausbildung und Aufklärungstechnologie.

Am Sonntag traf Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) in Beirut ein, um sich über die Arbeit des UN-Welternährungsprogramms (WFP) zu informieren. In einer Erklärung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hieß es, Schulze habe eine Bäckerei und einen Markt besucht. Dort läuft das Projekt »Matbakh Al Kell« (»Küche für alle«), bei dem täglich Hunderte Mahlzeiten gekocht und an Bedürftige verteilt werden. Die Bundesregierung unterstützt das Projekt finanziell. Schulze stellte dem WFP eine weitere Zahlung von zehn Millionen Euro in Aussicht.

Ernährungssicherheit sei ein »zentraler Teil von Sicherheitspolitik«, sagte sie. Das werde im Libanon besonders deutlich. »Eine ohnehin schon schwierige Lage wird infolge des Kriegs in der Kornkammer der Welt noch dramatisch verschärft«, sagte die Ministerin mit Blick auf den Konflikt in der Ukraine. In Richtung des russischen Präsidenten teilte Schulze mit, Wladimir Putin nutze den Hunger als Waffe. Dem müsse man sich entgegenstellen. Laut dem Portal »Atlas Big« ist der weltweit größte Weizenproduzent allerdings die Volksrepublik China, gefolgt von Indien, Russland, den USA, Kanada und Frankreich. Die Ukraine steht an siebter Stelle.

Bei den Libanesen, die seit Jahren mit Armut, Erwerbslosigkeit, Wirtschaftskrisen und Hunger zu kämpfen haben, dürften die Äußerungen der deutschen Entwicklungshilfeministerin wenig Aufmerksamkeit erregt haben. Sie haben ganz andere Sorgen. Ihnen fehlt weiterhin eine Perspektive, um nicht länger von Almosen abhängig zu sein.

Schulze selbst reiste am Montag mittag weiter in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba. Für diesen Dienstag ist ein Treffen mit Vertretern der Afrikanischen Union geplant.

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