Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Juni 2022, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 25.04.2022, Seite 8 / Inland
Befreiung vom Faschismus

»Die Absage heizt die Russophobie weiter an«

Elbe-Day: Torgauer Bürgermeisterin lässt Gedenken wegen Ukraine-Krieg ausfallen. Ein Gespräch mit Stefan Natke
Interview: Kristian Stemmler
WW2-ANNIVERSARY-PHOTOS.JPG
Historisches Zusammentreffen: US-Soldat William Robertson (l.) und Rotarmist Alexander Silwaschko (Torgau, 25.4.1945)

Am 25. April 1945 reichten sich US-amerikanische und sowjetische Soldaten auf den Trümmern der Elbbrücke im sächsischen Torgau die Hände. Nun hat die Stadt die Gedenkfeier zum 77. Jahrestag mit Verweis auf den Krieg in der Ukraine abgesagt. Wie werten Sie das?

Die Begegnung bei Torgau war ein Symbol für die Befreiung Deutschlands und der Völker Europas vom Faschismus, an der die Rote Armee entscheidenden Anteil hatte. Die Gedenkfeier abzusagen, weil ein militärischer Konflikt in der Ukraine ausgebrochen ist – das darf nicht sein. Der aktuelle Krieg ändert doch nichts am Verdienst von damals, der Niederringung des deutschen Faschismus. Ich verweise auf den Brief, den Veteranen des »Großen Vaterländischen Kriegs« Anfang März an die deutsche Regierung und das deutsche Volk gerichtet haben. Wenn man vor diesem Hintergrund sieht, dass Leute wie der Grünen-Politiker Anton Hofreiter die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine fordern – da reicht Fremdschämen schon nicht mehr, da ist eigentlich nur noch Verzweiflung angebracht.

Ist die Absage der Gedenkfeier durch Oberbürgermeisterin Romina Barth von der CDU eine Kapitulation vor der allgemeinen russophoben Hetze?

Das ist keine Kapitulation, sondern heizt im Gegenteil die Russophobie weiter an. Die ist bei der CDU, so etwas macht die nicht ohne Grund. Zudem ist die Absage bereits der zweite Schritt. Die Geschichtsverfälschung wurde in Torgau vor längerer Zeit eingeleitet. Beim Fahnenmonument auf der Ostseite der Elbe hingen früher die sowjetische Fahne, die der UNO und die der USA. Nach dem Anschluss der DDR und dem Ende der Sowjetunion wurde dafür gesorgt, dass die sowjetische abgenommen wurde – an ihrer Stelle die russische Fahne aufgezogen. Das ist geschichtsverfälschend.

Ist dieser Schritt nicht auch Unfug, weil der Sieg über den Faschismus ja von allen Völkern der sowjetischen Volksrepubliken errungen wurde, also auch von ukrainischen Soldaten?

Klar. Wobei es inzwischen oft heißt, es sei doch die Ukrainische Front gewesen, die in Torgau angekommen ist – was auch richtig ist. Aber völlig falsch ist, dass dieser Großverband nur mit ukrainischen Soldaten besetzt gewesen sei. Die Verbände wurden nach geographischen Bezügen benannt. In der Ukrainischen Front kämpften Russen, Ukrainer, Kasachen, Turkmenen und Sowjetsoldaten aus dem Baltikum.

Sie haben am Sonnabend trotz Absage der offiziellen Feier in Torgau demonstriert.

Wir haben uns da nichts vorschreiben lassen und unsere Friedensdemo in Torgau abgehalten, die von der DKP Torgau angemeldet worden war. Es waren viele linke Gruppierungen dabei. Wir gingen vom Brückenkopf aus los, sind über die Elbbrücke zum Thälmann-Denkmal, dann zum Markt und schließlich zum Denkmal der Begegnung an der Elbe gezogen.

Nicht nur in Torgau ist Geschichtsklitterung offenbar momentan das Gebot der Stunde.

Dabei sollte nie vergessen werden, dass der Schwur an der Elbe – Konflikte nur noch mit friedlichen Mitteln zu lösen – gewissermaßen der Grundstein der UNO ist. Er drückte den Willen der Soldaten aus, die da gekämpft haben. Die wussten natürlich nicht, dass die damaligen Regierungschefs von Großbritannien und den USA, Churchill und Truman, längst den Rollback geplant hatten.

Der jetzt offenbar zum finalen Abschluss gebracht werden soll. Vor zwei Jahren wurde mit dem Beitritt Nordmazedoniens – der sogenannten fünften NATO-Osterweiterung – der Ring fast geschlossen.

Aber eben nur fast. Wissen Sie, wie die Römer ihre legendären Bogenbrücken gebaut haben? Da wurden die Steine auf eine Stellage aus Holz von links nach rechts aufgelegt. In der Mitte kam der Schlussstein. Wenn der gesetzt war, wurde unter den Steinen die Stellage abgebaut – und der Bogen hielt. Die Ukraine wäre für diesen Ring, den die NATO um Russland baut, quasi der Schlussstein. Sie haben ja schon die baltischen Staaten, Polen, Tschechien, Rumänien und so weiter. Die Ukraine fehlt noch.

Stefan Natke ist Landesvorsitzender der DKP Berlin

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

  • Leserbrief von Ulrich Guhl aus Strausberg (26. April 2022 um 13:02 Uhr)
    Auch ich war im ersten Moment empört, als ich von der Absage der offiziellen Feierlichkeiten in Torgau durch die Bürgermeisterin hörte – empört, aber nicht verwundert, denn in puncto Russenhass wundert mich in diesem Land gar nichts mehr. Doch im Nachhinein bin ich eigentlich froh, dass es so gekommen ist. Es wäre schön gewesen, wenn es ein Fest der Völkerfreundschaft und Verständigung gegeben hätte – aber machen wir uns nichts vor: Hätte es gerade in der jetzigen Zeit eine offizielle Feier an der Elbe gegeben, wäre sie das Gegenteil von dem geworden, was uns der Geist von Torgau eigentlich sagen will. Es wäre ein Fest der Heuchelei, Doppelmoral und der staatlich verordneten Lügen über Russland geworden, denn unvermeidlich wären dort Vertreter genau der Parteien und Medien aufgetreten, die permanent gegen Russland hetzen und für Krieg trommeln. Sich darüber zu beschweren, dass diese Veranstaltung in einer Gesellschaft wie der BRD abgesagt wurde, ist töricht, denn es bedeutet, sich darüber zu beklagen, dass der Kapitalismus kapitalistisch ist – nicht in der Lage, Frieden zu schaffen. Man muss sich vor Augen halten, dass die BRD nie für die Schwüre von Torgau oder Buchenwald stand, weil deren Botschaft der Natur der BRD einfach diametral entgegensteht. So aber ist nun einmal das Wesen dieses Staates und so gesehen ist die Absage nur konsequent. Sie ist mir lieber als eine Propagandashow, die die Opfer des Faschismus gerade innerhalb der Völker der Sowjetunion verhöhnt und deren Enkel beleidigt. Eine ehrliche und würdige staatliche Veranstaltung in Torgau kann es nur in einem deutschen Staat geben, der tatsächlich für Frieden, Antifaschismus und Völkerfreundschaft steht. Die BRD verkörpert als aggressiver, imperialistischer Staat genau das Gegenteil. Also ist es nur logisch, wenn wir uns darauf konzentrieren, die politischen Verhältnisse in Deutschland so zu verändern, dass wir uns für dieses Land gegenüber dem Geist von Torgau nicht mehr zu schämen brauchen.
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (25. April 2022 um 08:44 Uhr)
    Wen oder was interessieren da heute noch historische Fakten? – Es ist zum Verzweifeln! Wie soll man in einer solchen Welt, in der es gegenüber nichts und niemandem mehr Achtung und Wertschätzung gibt, den Kindern noch moralische Orientierung, Glauben an das Leben und Vertrauen in die Zukunft – ihre Zukunft(!) – vermitteln? Selbst die Fähigkeit zur Scham ist bei der nur noch unreflektiert und apathisch vor sich hin konsumierenden apolitischen Mehrheit längst verloren gegangen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin (24. April 2022 um 22:15 Uhr)
    Vielleicht trete ich der DKP bei. Mal sehen. Danke für das Interview.

Ähnliche:

  • In Elite und Öffentlichkeit Russlands ist die NATO schon in den ...
    22.04.2022

    Verzerrte Spiegelung

    Globale Rivalitäten. 30 Jahre führten die USA und ihre Verbündeten Kriege für ihre Weltordnung. Jetzt spielt Russland mit seinem Krieg gegen die Ukraine dem Westen dessen eigene Melodie vor
  • Übung zur Umsetzung von NATO-Standards in der ukrainischen Armee...
    30.03.2022

    Auf dem Rücken der Ukraine

    Mit dem Angriff Russlands hat der Neue Kalte Krieg seinen ersten Höhepunkt erreicht. Die von der NATO provozierte Eskalation wird weitreichende Konsequenzen haben
  • Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel (r.) empfängt den Präsidenten ...
    02.03.2022

    Kuba für Deeskalation

    Krieg in der Ukraine: Havanna unterstützt Gespräche zwischen Kiew und Moskau. Kritik an USA und NATO
Startseite Probeabo