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Aus: Ausgabe vom 25.04.2022, Seite 6 / Ausland
Royals auf Tour

Kühler Empfang

Proteste bei Reise britischer Monarchen in ehemalige Kolonien in der Karibik. Forderungen nach Entschädigungen werden lauter
Von Gerrit Hoekman
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»Reparationen jetzt«: Demonstrantin wartet am 25. März in Nassau auf die Ankunft von Prinz William und Catherine

Den Empfang dürften sich Prinz Edward, jüngster Sohn der britischen Queen, und seine Gemahlin Sophie im Karibikstaat St. Vincent anders vorgestellt haben. Am Sonnabend hielten Protestierende dem royalen Paar Plakate mit der Aufschrift »Ende des Kolonialismus!« und »Entschädigung jetzt!« entgegen, berichtete der britische Guardian. »Es ist eine Schande, dass eine fortschrittlich genannte Regierung unser Volk als Requisite benutzt, um Mitglieder der königlichen Familie zu unterhalten, und dass es keine Gespräche über Wiedergutmachung gibt«, zitierte die Tageszeitung einen Demonstranten. Der geplante Zwischenstopp auf der Insel Grenada war in letzter Minute sogar abgesagt worden.

Dass die Stimmung in der Karibik derzeit nicht gerade probritisch ist, mussten vor vier Wochen bereits Prinz William und seiner Ehefrau Catherine in Belize, Jamaika und auf den Bahamas erfahren. Anlässlich des 70. Thronjubiläums der Queen, das im Juni begangen wird, schickt das britische Königshaus aktuell verschiedene Vertreter auf eine »Goodwill«-Tour durch die ehemaligen Kolonien. Noch ist Königin Elizabeth II. das Staatsoberhaupt vieler karibischer Staaten, doch immer mehr Untertanen wollen die Monarchie verlassen. Barbados hat diesen Schritt am 30. November 2021 vollzogen und sich zur Republik erklärt.

Der nächste Staat könnte Jamaika sein. Premierminister Andrew Holness habe das beim Besuch von Prinz William angedeutet, meldete Reuters am 23. März. Jamaikas Ziel sei es, »ein unabhängiges, voll entwickeltes und wohlhabendes Land zu sein«, so Holness. Allerdings dürfte dieser Prozess noch einige Jahre dauern. Wie in der gesamten Region ist die Versklavung Abertausender auch in Jamaika eine offene Wunde. Die Regierung in Kingston fordert ebenfalls eine Entschädigung für die geschätzten 600.000 Afrikaner, die auf den Zuckerrohr- und Bananenplantagen der britischen Sklavenhalter für diese ein Vermögen erwirtschaftet haben.

Antigua und Barbuda ist die nächste Station von Edward und Sophie. Der Vorsitzende der dortigen Reparation Support Commission (Kommission zur Unterstützung von Wiedergutmachungsmaßnahmen), Dorbrene O’Marde, beklagte sich in einem lokalen Radiosender über die »Unfähigkeit der Krone, sich sowohl als Familie als auch als Institution für ihre Rolle bei der Versklavung und Sklaverei afrikanischer Menschen zu entschuldigen«, berichtete Caribbean National Weekly am Donnerstag.

Es sei üblich geworden, dass Mitglieder der Königsfamilie in die Karibik kämen und die Sklaverei als »Schandfleck« der britischen Geschichte und »entsetzliche Greueltat« bezeichneten, die nie so hätte geschehen dürfen, zitierte Sky News am Freitag aus einem offenen Brief der Wiedergutmachungskommission. Die Reise von Prinz William und Catherine vier Wochen zuvor sei ein »schrecklicher Ausdruck archaischen kolonialen Verhaltens« gewesen – inklusive Bilder, auf denen das Paar auf den Rücksitzen von Jeeps steht oder Kindern durch Drahtzäune die Hand reicht. »Wir hoffen, dass Sie uns respektieren werden, indem Sie dieses Mantra nicht wiederholen. Wir sind keine Einfaltspinsel«, appellierte O'Marde nun an Prinz Edward und Sophie. Für die Bevölkerung der Karibik handle es sich bei der Sklaverei um nicht weniger als Völkermord und Rassismus.

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