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Aus: Ausgabe vom 25.04.2022, Seite 5 / Inland
Wohnen ist Menschenrecht

Vonovia Kontra geben

Protestaktion zahlreicher Initiativen in Bochum richtete sich gegen größten Immobilienkonzern der BRD, der in der Stadt seinen Hauptsitz hat
Von Henning von Stoltzenberg
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Breite soziale Bewegung: Demo gegen »Mietenwahnsinn« im Mai 2021 in Berlin

Am vergangenen Wochenende war Bochum das Zentrum der Mieterbewegung für bessere Wohnverhältnisse und die Vergesellschaftung der Wohnungskonzerne. Konkret richtete sich der Protest gegen den Vonovia-Konzern, der in der Ruhrgebietsmetropole seinen Hauptsitz hat. Von dort aus verwaltet der börsennotierte Riese mit über 10.000 Beschäftigten insgesamt über 570.000 eigene Wohnungen in Deutschland, Österreich und Schweden.

»Mietenstopp«-Gipfel

Da am kommenden Wochenende die digitale Jahreshauptversammlung der Aktionärinnen und Aktionäre ansteht, hatten verschiedene Mieterzusammenschlüsse und linke Organisationen zu einem Protestwochenende aufgerufen. Bereits am Freitag startete der zweite »Mietenstopp«-Gipfel des gleichnamigen Zusammenschlusses aus Mietervereinen, Gewerkschaften und kleineren Initiativen. Im sozialen Zentrum Bahnhof Langendreer wurde über das Wochenende die Situation von Mieterinnen und Mietern analysiert und Pläne für kommende Aktionen und Kampagnen geschmiedet.

Ein weiterer Grund für den Zeitpunkt seien die anstehenden Landtagswahlen, erklärt Sprecher Matthias Weinzierl vom »Mietenstopp«-Bündnis im Gespräch mit jW. Es ginge darum, vorher noch Akzente zu setzen. Die Planung einer Demonstration gegen Vonovia sei erst später dazugekommen, werde aber sehr begrüßt. Die Mieterbewegung sei gut vernetzt, und es gäbe ja keine Konkurrenz unter den Akteuren. Im Gegenteil wurde der Gipfel unterbrochen, um gemeinsam an der Demonstration des Bündnisses »VoNOvia« teilzunehmen.

Mehrere hundert Demonstrantinnen und Demonstranten aus dem ganzen Bundesgebiet kamen dann am Sonnabend mittag am Bochumer Hauptbahnhof zusammen, um mit Slogans wie »Alle Mieter bleiben – Vonovia enteignen« durch die belebte Innenstadt zu ziehen. Besonders stimmungsvoll und auffallend war die Berliner Delegation der Kampagne »Deutsche Wohnen und Co. enteignen«, die für ihre »Enteignungskonferenz« Ende Mai warb. Dort soll unter anderem diskutiert werden, wie es nach dem erfolgreichen Volksentscheid nun zu einem Gesetz zur Vergesellschaftung des von Vonovia aufgekauften Konzerns kommen kann und wie sich das erfolgreiche Beispiel des Volksentscheides auf andere Städte übertragen lässt.

Eine Zwischenkundgebung fand auf dem Dr.-Ruer-Platz nahe der Fußgängerzone statt, der sinnbildlich für das Anliegen der Demonstration steht. Es gibt keinen einzigen Baum oder Strauch auf dem gesamten Platz, der dafür umringt ist von einem riesigen Bankgebäude der Sparkasse und einer Niederlassung von »S-Immobilien«. Letztere hatte vor rund zwei Jahren das anliegende Traditionslokal »Die Uhle« aufgekauft und lässt das Gebäude nun verfallen, welches eigentlich schon im Januar dieses Jahres abgerissen werden sollte.

Rassistische Diskriminierung

Auf der Kundgebung ergriffen Mitglieder lokaler Initiativen das Wort. Eine Sprecherin der Migrantifa thematisierte die rassistische Willkür bei der Wohnungsvergabe durch Vonovia. Man wüsste doch schon bei der Bewerbung, dass es wahrscheinlich keine Rückmeldung gäbe, weil der Name nicht deutsch genug klinge. Und wenn doch, gäbe es spätestens dann eine Absage, wenn man als schwarze Person oder Frau mit Kopftuch bei der Besichtigung erscheine.

In weiteren Reden auf dem Platz und während der späteren Abschlusskundgebung wurden verschiedene weitere Missstände aufgezeigt. Besonders betont wurden Mietsteigerungen über dem Bundesdurchschnitt, intransparente »Modernisierungen« mit hohen Mietsteigerungen, undurchsichtige Betriebskostenabrechnungen mit Konzerntöchtern sowie die Vernachlässigung der Instandhaltung. Dem gegenüber stünden gigantische Gewinne für Vonovia und gestiegene Aktionärsdividenden auf Kosten der Mieterschaft. Mitorganisator Karl-Heinz Paskuda zeigte sich zufrieden mit dem Protest. Eine neue Stufe der Auseinandersetzung mit dem Konzern sei erreicht worden, daran gelte es anzuknüpfen. Berlin habe mit dem Volksentscheid vorgemacht, dass Veränderung möglich sei. Nun würden Hamburg und weitere Städte folgen.

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