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Aus: Ausgabe vom 25.04.2022, Seite 4 / Inland
Nazis entgegentreten

Gegen rechte Raumnahme

Wegen vermehrter Gewalt durch Neonazis: »Antifaschistischer Frühjahrsputz« in Leipzig-Stötteritz
Von Luca von Ludwig, Leipzig
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Lautstarker Protest von Antifaschistinnen und Antifaschisten in Stötteritz (23.4.2022)

Auf den ersten Blick würde man im bürgerlich anmutenden Stötteritz im Südosten von Leipzig nicht unbedingt nach organisierten Neonazis Ausschau halten. Da sich einige von ihnen allerdings versuchen, dort festzusetzen, demonstrierten am Sonnabend bereits zum zweiten Mal ungefähr 500 Antifaschisten und Antifaschistinnen durch den Stadtteil. Ihr Ziel: ein »antifaschistischer Frühjahrsputz«.

Tatsächlich gibt es in Stötteritz eine zunächst ungewöhnlich scheinende Häufung rechter Vorfälle. Bereits 2015 wurde ein Brandanschlag auf ein als Geflüchtetenunterkunft vorgesehenes Gebäude verübt. Faschistische Gruppierungen wie die »Identitäre Bewegung« nutzen das nahegelegene Völkerschlachtdenkmal für ihre Selbstdarstellungsaktionen. 2020 drang eine Gruppe Neonazis nach einer verbalen Auseinandersetzung in ein Wohnhaus ein und demolierte die Briefkästen und das Treppenhaus. Im Viertel finden sich an vielen Ecken die Überreste von Graffitirevierkämpfen, die wiederum mehrfach zu körperlichen Auseinandersetzungen führten. Das Dokumentationsprojekt »Chronik.LE« verzeichnet in diesem Jahr bereits acht Vorfälle mit rechtem Hintergrund. 2021 waren es insgesamt 56, womit der Stadtteil den Spitzenplatz bei den erfassten Leipziger Gebieten einnahm, die insgesamt auf 430 Vorkommnisse kamen.

In Stötteritz fehle die Vernetzung, dort lebe jeder »eher für sich«, sagte der sich Karli nennende Pressesprecher der Demonstration, der selbst im Viertel wohnt, am Sonnabend gegenüber jW. Das mache es rechten Akteuren leicht, unwidersprochen zu bleiben. Der Stadtteil sei bildungsbürgerlich und von jungen Menschen und Familien geprägt, dennoch fehle es an kulturellen und sozialen Begegnungsorten. »Das sehen wir als große Leerstelle«, erklärte der Mitorganisator. Zu dem hier und da zu hörenden Einwand, dass es sich bei der Überzahl der dokumentierten Vorfälle »nur« um Graffiti, Plakate oder Banner handele, sagte er: »Solche Relativierungen helfen nicht weiter. Es hat ja bereits Angriffe gegeben, Gruppen wie die VNL (Vereinte Nationalisten Leipzig, jW) sind hier bereits organisiert aktiv und haben ihrerseits Verbindungen zu anderen Rechten.« Unter anderem seien beispielsweise Mitglieder der faschistischen Kleinstpartei »Neue Stärke« im Viertel tätig. Man wolle »das Problem an der Wurzel packen«, bevor es größer werde, so Karli weiter.

Die VNL war es auch, die im vergangenen Sommer versuchte, das leerstehende Stötteritzer Bahnhofsgebäude in Beschlag zu nehmen. Innerhalb weniger Wochen wurden mehrfach neonazistische Banner gehisst, auf denen das Logo der Organisation prangte. In der Umgebung tauchten Sticker auf, die zum Mord an Linken im allgemeinen und konkret an der inhaftierten Antifaschistin Lina E. aufriefen. Im August wurde das Gebäude dann von jungen Nazigegnern besetzt, die dort nach eigenen Angaben ein Kulturzentrum etablieren wollten. Sie wurden innerhalb weniger Stunden durch die Polizei geräumt.

Neben dem umkämpften Bahnhof wurde auf der Demonstration auch das Problem rechtsoffener Kneipen und Sportvereine im Viertel thematisiert. Letztere würden zum Zuzug extrem rechter Kampfsportler aus dem Umfeld des »III. Wegs« führen. Über den Sport gebe es Verbindungen in die Hooliganszene. »Stötteritz hat natürlich auch die räumliche Nähe zum Stadion von LOK Leipzig«, führte die Linke-Landtagsabgeordnete und Leipziger Stadträtin Jule Nagel, die die Demo angemeldet hatte, gegenüber jW aus. »Das zieht seine Kreise, ein Teil der LOK-Anhänger ist ganz klar ins extrem rechte Milieu abgedriftet.«

Wie in Leipzig zu erwarten, kam es gegen Ende noch zu kleineren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. Einige Abreisende wurden wegen des Vorwurfs der Vermummung festgehalten. Das vorhergegangene dauerhafte Filmen der Demonstration durch die Polizei bezeichnete Nagel als »unnötig und eskalativ«.

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  • Leserbrief von Edmund Peltzer (25. April 2022 um 15:23 Uhr)
    Ich finde es gut und der Unterstützung wert, wenn Linke in Leipzig sich gegen Rechtsentwicklungen in der Stadt wehren und aktiv werden, wie z.B. beim »Antifaschistischen Frühjahrsputz«. Die Argumentation von Frau Nagel zum 1. FC Lokomotive Leipzig ist tendenziös und entspricht nicht der Realität. Jeder, der sich für Fußball interessiert, weiß, dass sich im Umfeld von Fußballvereinen
    gern Leute mit rechter Gesinnung versammeln. Das betrifft fast alle Vereine in Deutschland, denn das ist ein gesellschaftliches Problem. Entscheidend ist, wie die Vereine damit umgehen, wie konsequent sie sich auf verschiedenste Weise damit auseinandersetzen. Der Verein 1. FC LOK hat dabei eine sehr gute Arbeit geleistet. Rechte haben im Stadion keinerlei Podium für ihre Propaganda, was natürlich keine hundertprozentige Garantie und eine permanente Anforderung darstellt. Ich bin fast bei jedem Spiel im Stadion und würde mir wünschen, dass sich Frau Nagel persönlich ein Bild verschafft, anstelle die seit 30 Jahren kolportierte Stimmungsmache weiterzuverbreiten, LOK sei ein rechter Verein und Chemie Leipzig ein linker. Beide Klischees sind falsch und werden von Funktionsträgern der Partei Die Linke, analog bürgerlicher Medien, weiter verbreitet. Dass das Stadion sich in Leipzig-Probstheida befindet, reicht Frau Nagel aus, zu erklären, dass von hier rechte Anziehung ausgeht, das ist schon sehr dreist. Im Übrigen empfehle ich Frau Nagel, sich mit der in ihrer Partei, insbesondere unter jungen Mitgliedern verbreiteten Russophobie bis hin zu bösartiger Hetze gegen Russland, auseinanderzusetzen, denn Russophobie ist die heutige Erscheinungsform des Rassismus. Die Krise ihrer Partei ist nicht vom Himmel gefallen, sondern auch Ausdruck ihrer angepassten Entwicklung. Ich wehre mich auch als Mitglied eines Sportvereins dagegen, dass diese politisch instrumentalisiert werden, was ihre Statuten bereits untersagen.

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