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Aus: Ausgabe vom 23.04.2022, Seite 9 / Ausland
Blockade des Jemen

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Jemen: In minimalem Umfang sind wieder kommerzielle Flüge aus Sanaa möglich. Ansarollah zweifeln Wandel durch Hadi-Rücktritt an
Von Wiebke Diehl
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Die Abriegelung des Jemen ist auch maßgeblich für die humanitäre Katastrophe verantwortlich: Essensausgabe in Tais (8.4.2022)

Erstmals seit sechs Jahren sollen ab diesem Sonntag wieder wöchentliche kommerzielle Flüge aus der jemenitischen Hauptstadt Sanaa starten. Das kündigte am Donnerstag die staatliche Fluggesellschaft Yemen Airways an. Die am 2. April in Kraft getretene Vereinbarung über eine Waffenruhe zwischen der von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) angeführten Kriegskoalition und den weite Teile des Nordens sowie die Hauptstadt kontrollierenden Ansarollah sieht zudem einen Flug pro Woche nach Ägypten vor.

Von einem »dringend erforderlichen und lang erwarteten Schritt« sprach der UN-Sonderbeauftragte für den Jemen, Hans Grundberg. Tatsächlich hat die 2015 von der Kriegskoalition verhängte See-, Land- und Luftblockade unermessliches Leid verursacht: Nach Schätzung des Flughafendirektors starben rund 100.000 Menschen allein wegen des Verbots vorzeitig, Kranke für medizinische Behandlungen auszufliegen. 400.000 Patienten in kritischem Zustand hätten im vergangenen Jahr auf eine Ausreise gewartet. Wer aus Sanaa einen der geöffneten Flughäfen in Aden oder Saijun erreichen will, muss zwischen 15 und 20 Autostunden durch teils umkämpfte Gebiete fahren.

Auf diesem Weg wurde im vergangenen Herbst ein 30jähriger US-amerikanischer Staatsbürger jemenitischer Herkunft, Abdul-Malik Al-Sanabani, durch »Sicherheitskräfte« des von den VAE finanzierten Südübergangsrats brutal gefoltert und ermordet, als er nach zehn Jahren im Exil seine Familie im Nordjemen besuchen wollte. Das Schicksal Sanabanis, der sterben musste, weil man ihn für ein Mitglied der Ansarollah hielt und weil Flüge nach Sanaa blockiert waren, wurde nicht zuletzt aufgrund seiner Staatsangehörigkeit bekannt. Zugleich stellt es aber alles andere als einen Einzelfall dar.

Die Abriegelung des Jemen ist auch maßgeblich für die humanitäre Katastrophe verantwortlich. Aktuell sind mehr als 70 Prozent der 32 Millionen Einwohner des Landes auf Hilfe angewiesen. Abgelegene Regionen waren für Hilfsorganisationen teils jahrelang nicht erreichbar. Die Ansarollah fordern eine vollständige Aufhebung der Blockade als Vorbedingung für Verhandlungen und einen dauerhaften Waffenstillstand. Eine politische Lösung in dem Konflikt erwartet die Gruppe indes kaum: so halte sich die Militärkoalition nicht an die Verabredung, 18 vor dem Hafen von Hodeida liegenden Treibstofftankern freie Einfahrt zu gewähren. Den Abtritt des demokratisch schon seit über sieben Jahren nicht mehr legitimierten »Präsidenten« Abed Rabbo Mansur Hadi, dessen Funktionen nun ein am Dienstag in Aden vereidigter Präsidialrat unter Führung von Exinnenminister Raschad Al-Alimi wahrnehmen soll, nannte ihr Sprecher eine Farce. Frieden sei nur möglich, wenn alle ausländischen Truppen aus dem Land abzögen.

Das Wall Street Journal hatte unter Berufung auf saudische und jemenitische Regierungskreise berichtet, Hadi, der seit langem als Marionette des saudischen Königshauses gilt, habe seine »Macht« auf Druck aus Riad abgegeben. Dort stehe er inzwischen faktisch unter Hausarrest. Kontakt zur Außenwelt sei ihm weitgehend untersagt. Das saudische Königshaus hofft, durch den neuen Präsidialrat die tief gespaltenen Gegner der Ansarollah wieder zu vereinen.

Ob dies gelingt, ist jedoch höchst zweifelhaft. Und auch die Waffenruhe hält längst nicht überall. So sind insbesondere in der seit Monaten hart umkämpften Provinz Marib, der letzten Bastion der »Regierung« im Norden des Landes, die Kämpfe nie richtig zum Stillstand gekommen und haben sich zuletzt wieder intensiviert. Ein Sieg der Ansarollah in Marib gälte als kriegsentscheidend.

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