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Aus: Ausgabe vom 19.04.2022, Seite 11 / Feuilleton
Popmusik

Grenzen der Liebe

Ein Männerleben mit den Red Hot Chili Peppers und ihrem neuen Album »Unlimited Love«
Von Georg Hoppe
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Ewig jung: Red Hot Chili Peppers 2016 auf der Bühne in Berlin

Im Dezember 2019 bedankten sich die Red Hot Chili Peppers auf Insta­gram in knapper Form bei ihrem Gitarristen Josh Klinghoffer. Er hatte die Band bereits seit längerer Zeit begleitet und war nach dem Weggang von John Frusciante 2009 deren Leadgitarrist geworden. Sie liebten und respektierten ihn, aber ihre Wege würden sich nun trennen. Gleichzeitig wurde »with great excitement and full hearts« verkündet, Frusciante komme zurück. Das Ganze sah aus wie eine Todesanzeige, war wohl mit Klinghoffer nicht abgesprochen und wurde viel diskutiert. Aber doch schienen sich alle – auch Klinghoffer selbst, ein respektabler Musiker und bescheidener Mensch – der Gewissheit beugen zu müssen: Der »richtige« Gitarrist der Peppers, die wahre Liebe, ist Frusciante.

Seit dem 1. April gibt es nun das neue Album »Unlimited Love«, das erste Album mit Frusciante seit »Stadium Arcadium« (2006). Ich hole es mir am Erscheinungstag. So wie früher (es gibt nur noch ganz wenige CDs im Elektromarkt, nur noch »Neuheiten«, neben Endlosregalen mit Computerspielen). Das Cover sieht absolut nach Peppers aus: Neonreklame im Abendhimmel über Lichtermeer, wahrscheinlich Los Angeles. Drinnen Fotos: viel Spaß, viel Lachen, Grinsen, Quatsch machen. 60jährige, die wie 16jährige aussehen wollen. Ich rümpfe die Nase. Bei »Love« bin ich immer skeptisch.

Ich schiebe das Ding in den Player und höre es zweimal durch. Es bleibt schal. Ja, die Gitarrensoli von Frusciante sind nicht schlecht, aber sie brechen da ab, wo es interessant werden könnte. Mensch, früher da haben sie mir das Herz aufgerissen … und jetzt? Ja, es groovt, es ist gefällig, harmonisch. Aber es ist nicht neu, nicht spannend. Anthony säuselt dazu wie gewohnt seinen Blödsinn oder spuckt komische Wörter aus. Es klingt wie eine Sammlung von B-Seiten von »Stadium Arcadium«. Ich zische verächtlich. Was kann man von Millionären erwarten, die an der Pazifikküste surfen, sich vegan ernähren, bei Konzerten Sauerstoff statt Schnaps nehmen und jetzt wieder in Bestbesetzung frisch in sich selbst verliebt sind? Ich höre mir die CD ein drittes Mal an und denke nach. Wie ich mit 15 ein Praktikum bei der jW gemacht hatte und mir an einem heißen Julitag das »Californication«-Album kaufte. Eine Offenbarung, eine Energie, kaum auszuhalten. Die Peppers kreischten und pumpten durch die Nächte, in denen wir unsere Sommerpartys feierten. Sie brachten unsere Sehnsüchte auf den musikalischen Punkt, unsere verschwommenen Vorstellungen davon, wie wir mal leben wollten, unsere vibrierenden Lenden beim Anblick der Girls, wenn wir um Mitternacht in den Pool sprangen.

Ich erinnere mich, wie ich das »The Getaway«-Album im Urlaub mit meinen Freunden in Katalonien für 40 Euro kaufte, weil ich es unbedingt am Erscheinungstag haben wollte. Mein Kumpel und ich standen auf einem Kastell, unter uns das Meer, die Schwalben zischten durch den Himmel, der so blau war, wie ich ihn nie wieder gesehen habe. Wir waren bekifft, hatten jeder einen Knopf im Ohr, hörten gemeinsam die Musik und waren sprachlos, wie sie mit der Umgebung verschmolz. Es war wie Fliegen.

Und nun? Liegt mein Unwillen nicht auch daran, dass ich von vornherein skeptisch bin? Wann war das letzte Mal Urlaub, wann war ich das letzte Mal verliebt, gibt es noch Poolpartys, auf die ich mich freue? Und zum Teufel, habe ich mir damals irgendeine Erkenntnis von denen erhofft, hat Anthony nicht schon immer Blödsinn gesungen? Ich seufze auf. Doch plötzlich: Fleas Bass blubbert und knackt. Chads Toms donnern tief, die Snare peitscht, die Becken zischen. Frusciantes Gitarre jault und schlängelt sich gen Himmel, Anthony Kiedis legt seine weiche Stimme darüber. Rick Rubin hat das klar, warm und weich produziert, dass es eine Ohrenweide ist. Es ist immer noch gut, es ist immer noch ein eigener, in vielen gemeinsamen Jahren entwickelter Sound. Und wenn ich mir vorstelle, den Highway 101 an der Pazifikküste entlang oder realistischer: auf einer Bundesstraße zu einem Brandenburger See zu fahren, natürlich an einem Juliabend, an der Tanke eine kühle Dose zu holen, mich darauf zu freuen, meine Freunde und vielleicht noch jemand anderen zu treffen, dann könnte »Unlimited Love« immer noch der richtige Soundtrack dazu sein.

Red Hot Chili Peppers: »Unlimited Love« (Warner)

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