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Cineasten

Von Helmut Höge
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Manchmal kommen die Anekdoten dem Titel der Kolumne sehr nahe. Zum Beispiel die Geschichte von Gerhard, der eines Tages in unsere WG einzog. Der Arztsohn studierte Germanistik, konnte aber nicht mehr zur Uni gehen, weil er menschenscheu geworden war. In unserer Wohnung nahm seine Sozialangst noch zu. Er schlief viel, frühstückte erst, wenn alle aus dem Haus waren, und war bald nur noch nachts auf. Wir sahen ihn kaum. Er tat uns leid, aber dann passierte folgendes: Eine Mitbewohnerin hatte sich während der »Berlinale« ein Ticket gekauft, konnte aber nicht hingehen. Sie legte die Kinokarte morgens auf den Küchentisch, mit einem Zettel: »Lieber Gerhard, bitte guck Dir diesen chinesischen Film über den Abriss eines alten Stahlwerks in der Mandschurei an. Er ist sehr lang. Nur wenige Leute werden ihn sehen. Du tätest mir einen Gefallen.«

Gerhard sah sich den Film an. Im Dunkeln störten ihn die Zuschauer nicht. Von da an ging er immer öfter ins Kino, meist in die »Spätvorstellungen« nach Mitternacht, die es damals in Westberlin noch häufig gab. Das war während der Studentenbewegung, als man noch viel ins Kino ging und die engagierten Filmemacher aus Italien, Frankreich, Jugoslawien und der BRD den Linken mit Bildern und Geschichten zuarbeiteten. Gerhard wurde mit der Zeit zum Cineasten, zu einem Filmkenner und Genauhingucker. Nachdem er eine Anstellung in einem Programmkino bekommen hatte, zog er aus der WG aus. Später soll er ein Kino in Hessen eröffnet haben. Vielleicht ist er jetzt schon Besitzer einer ganzen Kinokette.

Eine andere Cineastengeschichte veröffentlichte die Filmwissenschaftlerin Morticia Zschiesche: »Die kleinen Leute gehen ins Kino« (2021). Der Titel erinnert an Félix Guattaris Bezeichnung des Kinos als einer »Couch des Armen« (1975) und noch mehr natürlich an Siegfried Kracauers Aufsatz »Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino«(1928). Ich dachte dabei an Gerhards »Heilung«, sah aber auch Bilder von »Ladenmädchen« und Stenotypistinnen vor mir, die in den 1920ern ihre Attribute als selbständige junge Frauen in den großen Filmen und berühmten Schauspielern wiederfanden.

Morticia Zschiesches Cineastin Veronika wird im Gegensatz zu Gerhard von Lebensängsten gebremst. Der Journalistin droht die Kündigung. Ihre jüngeren Kollegen sind sorglos, sie nicht. Ihre Eltern und Schwiegereltern hatten ihr Leben lang »Schicht gearbeitet«. Sie hat einen Aufstieg aus der Arbeiterklasse hinter sich (verheiratet mit einem Chefarzt und kinderlos). Dessen ungeachtet verbindet die 40jährige ihre Kinoleidenschaft mit einer Reihe von Liebschaften mit filminteressierten Männern, die sie immer wieder verunsichern und zudem ihre Ehe gefährden. Dabei kommen Smartphones (Anrufe, SMS, Mails und Facebook) zum Einsatz. In ihrem »Club der Cineasten« wird derweil bedauert, dass »die Jüngeren« nicht mehr ins Kino gehen.

Man kann darin einen technologischen Fortschritt sehen. Auch noch, wenn die Erzählerin über Viktorias Sexualleben schreibt: »Die Verhütung war lästige Pflicht und die Kondome eine Bürde, die die absolute Vereinigung verhinderte.« Aber eigentlich war es »perfekt«: ein toleranter Ehemann und tolerante Liebhaber. Ihren Ehering nimmt sie trotzdem ab, wenn sie nach einem Kinobesuch noch mit jemandem ins Bett geht. Doch dann trennt sie sich überraschend von ihrem Mann und zieht aus der »schönen großen Wohnung« aus. Ihre Lebensversicherung wirft sie in luxuriöser Weise mit ihrer Eheurkunde in den Papierkorb. Es war ein »Klassenwechsel« – wie es ihn nur im Film gibt, »die Wirklichkeit hielt gebührend Abstand davon«. Die Cineastenboheme war ihr näher. Zum Geldverdienen sichtete sie nun nächtens Filme und schrieb Untertitel dafür. Außerdem organisierte sie mit dem Club der Cineasten einen »Kampf gegen die Schließung eines Kinos«. Einige ihrer Freunde drehten einen Film, ein anderer verliebte sich in eine Frau an der Kinokasse. Es werden viele Titel von anspruchsvollen Filmen genannt.

Richtig glücklich wurde Viktoria aber erst, als es ihr gelang, »einen Beamer in Gang zu setzen« und an ihren »Mac« anzuschließen, so dass sie fortan »gar nicht mehr vor die Tür gehen musste« und sich die »abseitigen Filme direkt an ihr Bett streamen konnte«. Sie vereinsamte dabei aber anscheinend nicht. Während Gerhard seine extreme Sozialangst im Dunkel des Kinos überwand – und damit aus dem Bett fand, führte Viktoria die Filmleidenschaft genau dort hin, wobei das Kino zuvor ihrem »Klassenwechsel« diente, der jedoch in Morticia Zschiesches Roman weitgehend im Dunkeln bleibt, sie ist eben eine Film- und keine Wirklichkeitswissenschaftlerin.

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