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Aus: Ausgabe vom 19.04.2022, Seite 6 / Ausland
Krieg in der Ukraine

Mariupol oder Dauerkrieg

Selenskij droht mit Abbruch aller Gespräche mit Moskau. Russland kündigt »Verbleib« in Südukraine an
Von Reinhard Lauterbach
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Russischer Panzer in der Stadt Mariupol am Sonntag

Die ukrainische Führung versucht auf immer neue Weisen, den absehbaren Fall der Stadt Mariupol doch noch abzuwenden. Am Wochenende erklärte Präsident Wolodimir Selenskij, sollte Russland die Stadt vollständig erobern, werde die Ukraine alle Gespräche mit Moskau abbrechen. Der Erhalt der Stadt in ukrainischer Hand sei die »rote Linie« Kiews, so Selenskij. Sein Berater Olexij Arestowitsch schrieb, der Krieg könne durchaus noch bis 2035 dauern. Solche Prognosen sind auch in der politischen Klasse der Ukraine nicht unumstritten. So reagierte der Bürgermeister der Stadt Dnipro, Borys Filatow, mit dem Vorwurf, Arestowitschs Äußerungen seien der ukrainischen Sache schädlich.

Die konfusen Erklärungen aus Kiew verdecken eine objektiv immer schwierigere Situation der im Stahlwerk »Asowstal« verschanzten ukrainischen Kämpfer und soll vermutlich Nachfragen vorbeugen, warum Kiew seine Soldaten nicht lebend aus aussichtsloser Lage gerettet habe. Das russische Verteidigungsministerium schätzte ihre Zahl am Sonntag auf noch maximal 2.500 ein. Dazu kommen angeblich 1.000 Zivilisten, die sich nach Angaben des ukrainischen Polizeichefs der Stadt »unter den Schutz der ukrainischen Truppen begeben« haben sollen, um sich »vor Beschuss zu sichern«. Da es wenig logisch erscheint, sich vor Beschuss ausgerechnet dorthin zurückzuziehen, wo mit Sicherheit weiterer Beschuss zu erwarten ist, dürfte es sich hier eher um eine großangelegte Geiselnahme gehandelt haben, um den Verteidigern Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu verschaffen und anschließend »Massaker an der Zivilbevölkerung« beklagen zu können.

An den übrigen Fronten gab es am Wochenende kleinere russische Geländegewinne. So eroberten russische Truppen nach den Worten des ukrainischen Gouverneurs der Region Lugansk, Sergej Gajdaj, am Montag nach heftigen Straßenkämpfen die Stadt Kreminna am Rand des umkämpften Ballungsgebiets Rubischne-Sewerodonezk-Lisitschansk. Nach Aussage ukrainischer Militärspezialisten erlaubt diese Eroberung perspektivisch, die noch um die drei Städte kämpfenden ukrainischen Truppen einzukreisen. Über kleinere russische Vormärsche berichtete die ukrainische Seite auch südlich von Isjum und im Gebiet Saporischschja im Süden des Landes.

In dieser Region scheint die russische Seite eine längere Präsenz auch über die von Wladimir Putin als Kriegsziel genannte »Befreiung« der Regionen Donezk und Lugansk hinaus anzustreben. Dies geht aus einem Interview hervor, das der von Russland ins Amt gebrachte Zivilverwaltungschef für den besetzten Teil des Gebiets, Wladimir Rogow, der Moskauer Tageszeitung Iswestija gab. Darin erklärte er – abgesehen von Interessantem wie der Information, dass die russischen Behörden sämtliche privaten Schulden der Bevölkerung gegenüber ukrainischen Banken erlassen hätten, Erwartbarem wie der Schilderung von Minenräumarbeiten auf den Feldern der Region, um die Frühjahrsaussaat zu ermöglichen, und verschiedenen nicht unabhängig zu überprüfenden Fällen der Dankbarkeit örtlicher Bewohner für die Anwesenheit der russischen Truppen –, er werde von den Einwohnern am häufigsten gefragt: »Bleibt ihr?« Worauf Rogow ausdrücklich sagte: »Ja. Wir bleiben.«

Dies macht wiederum indirekt ukrainische Meldungen plausibler, wonach zum Beispiel in Druckereien in der Stadt Cherson – die Region grenzt südlich an das Gebiet Saporischschja an – insgeheim Stimmzettel für ein angeblich demnächst geplantes Referendum über die Bildung einer »Volksrepubik Cherson« vorbereitet würden. Und von der Krim ließ sich der dortige Regierungschef Sergej Aksjonow mit der Ankündigung vernehmen, in den Sommerferien würden die Lehrkräfte der Schulen aus den Gebieten Cherson und Saporischschja auf der Krim »darauf vorbereitet«, vom neuen Schuljahr an nach russischen Lehrplänen zu unterrichten.

Am Wochenende nannte das russische Verteidigungsministerium erstmals Zahlen über angebliche Verluste der ukrainischen Armee. Unter Berufung auf erbeutete ukrainische Dokumente sprach das Ministerium von knapp 24.000 Gefallenen, außerdem »zahlreichen« Desertierten und Vermissten. Der ukrainische Generalstab veröffentlicht täglich eine Aufstellung über russische Verluste, die aktuell bei 20.700 Gefallenen liegt. Eigene Verluste hat Präsident Selenskij auf etwa 3.000 Tote beziffert, die russische Seite nennt bisher keine solchen Zahlen.

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  • Leserbrief von Dirk Sch. aus Berlin (19. April 2022 um 18:34 Uhr)
    Ist das eine Rechtfertigung dafür, dass Putin sich nehmen darf, was er möchte! Ich bin immer wieder hier entsetzt von der Solidarisierung mit Putins Russland und das von sogenannten Linken! Das, was da gerade passiert ist, weder links noch antifaschistisch! Die linke Idee wird hier verraten und in den Dreck gezogen!
  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren (18. April 2022 um 23:53 Uhr)
    Zur Erinnerung: Vor dem Einmarsch hatte Russland die Ukraine zum Niederlegen der Waffen aufgefordert. Dann hätte es keine Toten und keine Zerstörung gegeben. Diese diplomatische Lösung wurde jedoch selbstherrlich abgelehnt. Seitdem opfert die US-Marionette Selenskij, mit Hilfe der NATO-Kriegstreiber, Land und Leute in einem völlig aussichtslosen Kampf. Und die Sinnlosigkeit dieser Auseinandersetzung in der Ukraine wird mit jedem Tag deutlicher. Kein halbwegs vernünftiger Präsident hätte sein Land einer solchen Zerstörung ausgesetzt. Den westlichen Politikern und NATO-Waffenlieferanten mag völlig egal sein, was am Ende noch übrig ist. Sonst würden sie wohl kaum Waffen und Munition liefern, die die Zahl der Toten, Verletzten, Flüchtlinge und die Zerstörung täglich vermehrt. Dieser Schauspielerpräsident wird die Ukraine daher noch teuer zu stehen kommen. Für die Europäische Union gilt das Gleiche. Auch hier agieren Selbstdarsteller, die Krieg einer friedlichen Lösung vorziehen. Der geplante EU-Beitritt der Ukraine wird Europa gar zu direktem militärischem Beistand verpflichten. Mit bloßen Waffenlieferungen ist es dann nicht mehr getan. Nur eine sofortige Kapitulation könnte diesen Irrsinn beenden. Aber dazu ist man, wie Ostern 2022 in Mariupol, nicht bereit. Selenskij wollte, dass die eingekesselten Soldaten »bis zum Ende kämpfen«. Er opfert nicht nur völlig sinnlos Menschen und redet zusehends wirres Zeug, sondern er leidet auch an Realitätsverlust. Wie einfältig muss man sein, eine Atommacht besiegen zu wollen? Es gibt weder etwas zu verteidigen, noch zu gewinnen!

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