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Aus: Ausgabe vom 16.04.2022, Seite 8 / Ausland
Brothers in Crime

Ankara erhöht Spannungen

Tiefflug über Chios und Samos: Türkische Kampfjets verletzen erneut griechischen Luftraum
Von Hansgeorg Hermann
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Immer schön tief: Türkische Kampfbomber überfliegen griechische Inseln in 300 Metern Höhe (NATO-Übung in Lechfeld, 20.6.2017)

Nur einen Monat ist es her, da versprachen sich der griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine »positive Agenda« und Interessenausgleich zwischen den beiden Staaten. Das Schlachten in der Ukraine schienen beiden die Erkenntnis vermittelt zu haben, dass Diplomatie und die Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen Nachbarn nützlicher seien als Kriegsgeschrei. Nun klagt der griechische Generalstab, dass türkische Kampfjets allen Friedenssignalen aus Ankara zum Trotz erneut in den griechischen Luftraum eingedrungen und mit ihrem Einsatz Inseln in der östlichen Ägäis bedroht hätten. »Provokation und Spannung« seien, mal wieder, von seiten der Türkei erhöht worden.

Die »provokanten Einsätze« der türkischen Luftwaffe hätten zugenommen, im Moment sei keine Rede mehr von Erdogans und Mitsotakis’ fast schon historischem Appell, gemeinsame Probleme auch gemeinsam zu lösen, berichteten zu Beginn der Woche griechische Tageszeitungen. Die Medien des Landes zählen seit Monaten die Überflüge von »bewaffneten Jets des Typs F16«, einem Mehrzweckkampfflugzeug aus US-Produktion, über das die Luftwaffe des Nachbarn verfügt. Darüber hinaus seien seit dem vergangenen November Einsätze türkischer Hubschrauber sowie des beim deutsch-französischen Waffenschmied Airbus gebauten Turbopropflugzeugs CN 235 registriert worden.

Allein in dieser Woche zählten die griechischen Bodenstationen auf Samos und Chios demnach elf Verletzungen des Luftraums über den Inselgruppen Arki und Lipsi südlich von Samos sowie über Inousses und Panagià östlich von Chios. Die türkischen Bomber seien den bewohnten Eilanden im Tiefflug von nur 300 Metern über dem Boden gefährlich nahe gekommen. Sowohl die große Insel Samos als auch Chios trennen nur wenige Kilometer vom türkischen Festland. Der sogenannte kleinasiatische Festlandsockel, der sich auf dem Meeresgrund bis unter die ostägäischen Inseln erstreckt, wird in Ankara als eigenes Hoheitsgebiet reklamiert und könnte nach dieser Auslegung des internationalen Seerechts von türkischem Militär überflogen werden.

Das Athener Verteidigungsministerium gab am Mittwoch an, die Kampfjets der Nachbarn hätten allein in den ersten dreieinhalb Monaten des Jahres 2022 mindestens 50 Mal den griechischen Luftraum verletzt. Im vergangenen Jahr seien insgesamt 48 Überflüge griechischer Inseln gezählt worden. Während in Athen von »Provokation« und von der Türkei verursachter, absichtlicher Steigerung der »Spannung« zwischen den beiden Ländern die Rede ist, beschwerte sich die Regierung in Ankara bei den Vereinten Nationen zum wiederholten Mal über die »Militarisierung« der Inseln in der Ostägäis. Sie stehe nicht im Einklang mit den Verträgen von Lausanne, die 1923 – nachdem Griechenland seinen Angriffskrieg gegen die Armee Mustafa Kemals verloren hatte – nicht nur den ethnischen Austausch der Bevölkerungsgruppen in beiden Ländern, sondern auch den Status und die Zugehörigkeit der Inseln regelten. Griechenland seinerseits betrachtet die Stationierung zahlreicher Marineeinheiten des Nachbarn an der kleinasiatischen Küste als ständige Bedrohung griechischen Hoheitsgebiets.

Im Rahmen eines Wochenendbesuchs des griechischen Ministerpräsidenten Mitsotakis in Erdogans Residenz in Istanbul hatten die beiden Regierungsführer vor fünf Wochen öffentlich beschlossen, die sogenannte südöstliche Flanke der NATO während des Kriegs in der Ukraine zu entlasten, und versprochen, »sich auf das zu konzentrieren, was uns verbindet, statt auf das, was uns trennt«. Beide Länder sind Mitglieder des atlantischen Kriegsbündnisses.

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