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Aus: Ausgabe vom 12.04.2022, Seite 8 / Ausland
Bewaffneter Konflikt

»Sie behaupten, wir wären eine Struktur der ELN«

Kolumbien: Welle der Gewalt im Departamento Arauca. Soziale Aktivisten werden bedroht. Ein Gespräch mit Sonia López
Interview: Frederic Schnatterer
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Das Departamento Arauca ist eines der am militarisiertesten Kolumbiens (12.2.2022)

Seit Anfang des Jahres erlebt das kolumbianische Departamento Arauca eine Welle der Gewalt. Wie kam es dazu?

Die Lage in Arauca war schon immer kompliziert. Dort gibt es Ölvorkommen, zudem liegt das Departamento an der Grenze zu Venezuela. Die Interessen des nationalen und ausländischen Kapitals stehen im Widerspruch zu denen der sozialen Bewegungen. Weil wir versuchen, eine Macht von unten aufzubauen, werden wir stigmatisiert und in der Folge verfolgt.

Was führte zur jüngsten Eskalation der Gewalt?

Es gibt einen Konflikt zwischen der Guerillagruppe ELN und Gruppen, die als Dissidenten der früheren Guerilla FARC bekannt sind. Letztere haben uns, die sozialen Bewegungen, am 9. Januar zum militärischen Ziel erklärt. Zur Begründung dient ihnen das gleiche Narrativ, das auch der kolumbianische Staat nutzt: Sie behaupten, wir wären eine Struktur der ELN. In der Folge kam es zu Angriffen auf uns, der schwerste war am 19. Januar, als eine Autobombe vor dem Haus der sozialen Bewegungen in Saravena explodierte. Ein Wachmann kam ums Leben, mindestens 20 Menschen wurden verletzt.

Wie reagierte der kolumbianische Staat?

Obwohl wir frühzeitig vor dem Risiko, dem wir als soziale Aktivisten ausgesetzt sind, gewarnt haben, wurden keine Schutzmaßnahmen ergriffen. Die Antwort des Staates auf die Gewalt ist mehr Militarisierung. Es wurden zwei weitere Bataillone nach Arauca geschickt. Die wurden dort stationiert, wo es neue Ölprojekte gibt.

Was sind das für Gruppen, die in den Medien als Guerilla bezeichnet werden?

Nach dem Friedensabkommen 2016 haben sich aus den FARC drei Flügel gebildet. Die meisten Guerilleros nahmen am Demobilisierungsprozess teil und befinden sich jetzt im zivilen Leben. Andere, die am Prozess teilgenommen haben, sind wegen nicht eingehaltener Versprechen zum bewaffneten Kampf zurückgekehrt. Wieder andere haben ihre Waffen nicht niedergelegt. Sie sind eine perverse Allianz mit dem Staat, den paramilitärischen Banden und den Drogenhändlern eingegangen, mit dem Ziel, den sozialen Zusammenhalt in den Regionen zu zerschlagen und diejenigen zu brechen, die Widerstand leisten.

Laut kolumbianischer Regierung geht es in dem Konflikt um den Drogenhandel.

Die offizielle Version, die von den kolumbianischen Medien wiederholt wird, besagt, dass es sich um einen Streit zwischen zwei Guerillas um Einnahmen aus dem Drogenhandel handelt. Dabei gibt es in Arauca keine Kokapflanzungen mehr. Zwischen 2007 und 2010 haben die Einwohner der Gemeinden 80 Prozent der Pflanzen vernichtet. Der Rest wurde 2019 im Zuge der Friedensvereinbarungen ausgerottet. Hinzu kommt: Arauca ist eines der im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl am stärksten militarisierten Departamentos Kolumbiens. Auf 260.000 Einwohner kommen mehr als 9.000 Soldaten. Wenn es Drogenhandelsrouten in Arauca gäbe, müssten sie durch vom Militär kontrolliertes Gebiet führen. Es gibt keinen anderen Weg.

Wie wird versucht, auf den wahren Charakter der Ereignisse aufmerksam zu machen?

Seit diese neue Phase des Konflikts begann, haben wir die nationale und internationale Gemeinschaft aufgefordert, das Geschehen vor Ort zu begleiten und zu überprüfen. Es gab verschiedene Aktionen, Besuche von Organisationen, vom 21. bis 25. März fand eine humanitäre Karawane durch die Gemeinden des Departamentos statt. Sie endete in der Hauptstadt Arauca mit der Vorstellung des Abschlussberichts. Darin wurde die ernste Gefahr betont, der die Gemeinden und diejenigen ausgesetzt sind, die sich für die Verteidigung von Menschenrechten einsetzen.

Die kolumbianische Regierung behauptet, Venezuela böte den Guerillagruppen Schutz.

Die kolumbianische Regierung macht Venezuela schon immer für den sozialen, politischen und bewaffneten Konflikt in Arauca verantwortlich. Ihr geht es genauso wie den Strukturen, die sich als Guerilla ausgeben, darum, unser Bruderland zu destabilisieren und den Boden für eine Intervention zu bereiten.

Sonia López ist Mitglied in der Menschenrechtsorganisation »Fundación de Derechos Humanos Joel Sierra de Arauca« sowie im »Kongress der Völker«

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